23.09.2002 · Im Ernst - auf seinem neuen Album „Sea Change“ gibt sich Stil-Chamäleon Beck überraschend persönlich.
Von Fridtjof KüchemannDamit ist nun wirklich nicht zu rechnen: Beck, einstiger Slacker-Hero und ewig junger musikalischer Maskenspieler, macht gleich zu Anfang alles klar. Schon die ersten Takte des ersten Songs seines neuen Albums „Sea Change“ zeigen, wohin die Reise nach dem Gezeitenwechsel geht.
Einst drehte sich der Soundwind auf seinen Alben schneller, als die Stücke wechselten, er frischte auf, wurde flau, wirbelte unversehens und bereitete nach Art des Föhn-Windes manch wetterfühligem Plattenfreund Kopfzerbrechen.
Sedative Songs
Eine seltsam verlangsamt klingende Westerngitarre eröffnet „The Golden Age“, das erste Stück auf „Sea Change“, eine weinerliche Country-Phrase, eine kleine Klimpermelodie mit verdächtigem Nachhall. Dann beginnt Beck zu singen: „Your Hands On The Wheel / Let The Golden Age Begin / The Window Down / And The Moonlight On Your Skin.“
Um nicht weniger als das Gewicht der Welt geht es in diesem Song. Und wie ernst das gemeint ist, wird sofort klar, wenn man die Stimme Becks hört, wie sie sich kaum lösen kann von ihrem eigenen Schatten, wie sie Schlieren zieht auf der Aufnahme. Ein seltsam lascher, unbeweglicher Hall liegt auf dem Gesang. Der ganze Song, seinem Wesen nach ein scheinbar simples Stückchen Folk, steht auf einem hoch artifiziellen, zugleich sehr diskreten Untergrund.
Thema Trennung
In „Paper Tiger“, einer groovigen Luftnummer mit gelenkigen Gitarreneinwürfen und bizarrem Streichereinsatz, spielt Beck seine Coolness aus. Davon hat er eine Menge, auch wenn er die Sperrmüllbastler-Attitüde, mit der er vor knapp zehn Jahren für Furore sorgte, inzwischen weitestgehend abgelegt hat. Radiohead-Produzent Nigel Godrich hat an „Sea Change“ mitgewirkt, und das liefert zum einen noch einen Grund für die Nähe zum '98er Album „Mutations“, ebenfalls von Godrich produziert, zum anderen erklärt es die Abgezocktheit der Aufnahmen - jenseits von Sample-Orgien aus alten Tagen.
„Tell A Dead Man How To Die“, singt Beck, das nächste Stück heißt „Guess I'm Doing Fine“, und langsam wird klar, was es mit dem bereits erwähnten Gewicht der Welt so auf sich hat: Auf dem Herzen hockt's, Stein ist es geworden, es schmerzt. Und tatsächlich: Der Arme ist, wie die Klatschpresse sekundiert, nicht mehr mit seiner langjährigen Geliebten zusammen. So etwas ist schade, kann der Kreativität allerdings zuweilen Flügel verleihen und dämpft den Hang zu allzu großem Wahnwitz wohltuend.
Beck hat sich aus den Glamour-Funk-Gefilden der Siebziger zurückgemeldet, in die er sich für sein '99er Album „Midnite Vultures“ abgeseilt hatte. „Sea Change“ zeigt den inzwischen 32-Jährigen zur Zeitlosigkeit gereift, mit neuen Ernst und alter Rafinesse.