http://www.faz.net/-gqz-3hzb

Tonträger : Der Dandy, der aus Disco kam: Justus Köhncke wird wesentlich

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: "Der Augenblick" von Justus Köhncke Bild: Kompakt

Auf seiner Sinn suchenden CD „Was ist Musik“ spielt Justus Köhncke charmant schräg mit den Klischees von House und Pop.

          Mit dem legendären House-Trio Whirlpool Productions hatte er vor Jahren einen Nummer 1-Hit in Italien, "From: Disco To: Disco" hieß der Song. Mit "Was ist Musik" legt der Kölner Produzent Justus Köhncke nun sein zweites Solo-Album vor.

          Darauf verschmilzt er Song und Club-Track, Ballade und Baller-Techno zu einem harmonisch-schrägen Elektropop.

          Hymnen an die Musik

          Justus Köhncke probiert verschiedene Antworten auf die im CD-Titel aufgeworfene Sinnfrage, bei der seltsamerweise das Fragezeichen fehlt. Die instrumentale, nonverbale Variante bekommen wir gleich im ersten Stück namens "Lucienne" zu hören: Nach einem French-House-haften Filtereffekt setzt plötzlich die Bassdrum ein.

          Justus Köhncke: „Was ist Musik” (Cover)
          Justus Köhncke: „Was ist Musik” (Cover) : Bild: Kompakt

          Sie symbolisiert jene euphorische Sprachlosigkeit, die Köhncke später im Titelstück paradox in Worte zu fassen sucht: "Da ist kein Anfang, kein Ende mehr / Und all die Worte sind nur noch leer / Vom Universum ein kleines Stück / Vor der Musik gibt es kein Zurück." Die vorsprachliche Unmittelbarkeit der Sounderfahrung muss aber Fiktion bleiben, sie lässt sich letztlich nicht erreichen. Stets durchzieht deshalb eine untergründige Trauer Köhnckes Songs; hinter den schwelgerischen Synthieflächen lauern Schmerz- und Verlusterfahrungen.

          Kratzer im Glanzlack

          "Das ist die Wahrheit, das ist die Welt", singt Köhncke zwar mit seinem eindringlichen Anti-Gesang. Doch Wahrheit und Welt scheinen irgendwie unerreichbar. Der hedonistische Glanzlack, der die Songs zum Schimmern bringt, hat unübersehbare Kratzer. Oft desolat, dann aber doch wieder überraschend optimistisch wandert Köhncke durch seine Alltags- und Gefühlswelten.

          Einer der Höhepunkte: die im Duett mit Tocotronics Dirk von Lowtzow vorgetragene Liebesballade mit dem Titel "Weil du mich verstehst". Das Leiden, das auch hier genüsslich zelebriert wird, ist ein schönes Leiden. Der englische Ausdruck "I'm happy when I'm sad" beschreibt die Gefühlslage von "Was ist Musik" wohl am passendsten.

          Elegantes Jonglieren mit Klischees

          Musik ist Heilsbringer und Therapeutikum, so lautet eine Antwort auf die philosophische Titel-Frage. "Ich will zurück zur Illusion", heißt es denn auch in "Illusion", einem Stück, das den Hit "Just an Illusion" von Imagination zu neuem Leben erweckt. Überhaupt operiert Köhncke gerne mit altem, scheinbar abgenutztem musikalischem Material. Während Clubmusik sonst oft auf reine Jetztmomente und unhinterfragte Innovation setzt, arbeitet sich Köhncke an überlieferten musikalischen Mustern ab und mischt ihnen elegant seine persönlichen Signaturen bei.

          Wie ein Dandy jongliert er dabei mit den Klischees von Disco, House, Techno und Pop. Sogar das Format Schlager kommt zum Einsatz: Der Song "Du bist nicht allein" stammt ursprünglich von der Band Münchner Freiheit. Köhncke verwandelt ihn in einen elektronischen Schmachtfetzen, der auch für die Tanzfläche taugt. Gerne ergeht sich Köhncke in Kitsch und Trash, jedoch weiß er dabei stets auch etwas von den existentiellen Momenten des Lebens zu berichten.

          Das Resultat mag manchmal kokett, grotesk oder auch kontrovers klingen. Bei aller artifiziellen Dandy-Ironie vermag "Was ist Musik" aber doch tiefer gelegene Seelenzonen anzusprechen.

          „Was ist Musik“ von Justus Köhncke ist auf Kompakt Schallplatten erschienen.

          Quelle: @aram

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des Islamischen Staats in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.
          Polizeikräfte stehen vor dem durchsuchten Wirtschaftsministerium, während ein Demonstrant pro-separatistische Schilder zeigt.

          Festnahmen in Katalonien : Stimmzettel beschlagnahmt

          Die spanische Guardia Civil beschlagnahmt mehrere Millionen Wahlzettel für das geplante Referendum zur katalanischen Unabhängigkeit. In Barcelona demonstrierten mehrere Tausend Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.