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Tomi Ungerer zum Achtzigsten Der Großphantast des Fetischismus

27.11.2011 ·  Immer getrieben, nie erstarrt, prinzipiell frei: Der Zeichensprecher lässt sich nicht festlegen. An diesem Montag feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Von Andreas Platthaus
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Wer ist Tomi Ungerer? Die Frage weckt die Erwartung, es werde über den Künstler geredet. Wir verzichten darauf. Und sprechen über das, was den Künstler hat werden lassen. Die Antwort lautet deshalb: Tomi Ungerer ist ein Getriebener.

Das ist in mehrfacher Hinsicht wahr. Getrieben ist er von Leiden- und Freundschaften, Beobachtungen und Vernachlässigungen, Ungerechtigkeiten und Wiedergutmachungen, Ehrgeiz und Ehrgefühl, getrieben von zwei Ländern und vier Sprachen, von Liebe und Hass und mehr noch als alles andere getrieben von einem immensen Fleiß, der Ungerer zu einem der produktivsten Zeichner überhaupt hat werden lassen. Man schätzt die Zahl seiner Arbeiten auf mehr als vierzigtausend; erst kürzlich tauchten im Diogenes Verlag, wo er seit mehr als einem halben Jahrhundert seine deutschen Bücher publiziert, gleich auf einen Schlag einige tausend Blatt auf, die in der Überfülle dieses Schaffens schlichtweg vergessen worden waren.

Unterhaltung mit Ungerer ist pure Hehlerei

Mit Elias Canetti, der ihm an abgründiger Beobachtungsgabe und in universelles Schaffen mündender Getriebenheit am ähnlichsten war, verbindet Tomi Ungerer eine dominante Mutter und der frühe Tod des Vaters. Als Jean-Thomas vier Jahre alt war, 1935, stirbt Théodore Ungerer, ein Ingenieur mit starker künstlerischer Ader. Dessen Begabungserbe wandelt der Sohn in eine Künstlerlaufbahn mit starker konstruktiver Ader um; aus dem Ingenieursgeist wird Ingenium. Aber erst musste ein zweiter schwerer Einschnitt erduldet werden: die Besetzung des heimischen Elsass durch Hitlers Truppen: "Ich war neun Jahre alt", notiert Ungerer 2010, "als sie bei uns aufgetaucht sind, die Nazis. Vier Jahre lang war ich, vor allem in der Schule, ihrer hirnrissigen Gehirnwäsche ausgesetzt. Nazi in der Schule, Elsässer mit meinen Kameraden und Franzose zu Hause. Denn meine Mutter war von grenzenlosem Chauvinismus, eine leidenschaftliche Anhängerin der Trikolore."

Aus dieser als Kind erfahrenen Gespaltenheit resultiert das Werk und vor allem auch der spezifische Humor des Tomi Ungerer, der so lustvoll das Paradoxe zelebriert. Man kann es dem Zitat schon ablesen: "Hirnrissige Gehirnwäsche" oder "grenzenloser Chauvinismus" - das sind semantische Grotesken, die Ungerer mit der Akribie eines Sprachverliebten formt, der keines der ihm vertrauten Idiome (neben Französisch als Mutter-, Deutsch als Vater- und dem elsässischen Dialekt als Kindersprache kam mit der Übersiedelung nach Amerika 1956 noch das Englische als Brotsprache hinzu) bevorzugt und so jedes von ihnen mit dem feinen Gehör eines Fremdsprachlers gebraucht. Die Unterhaltung mit Tomi Ungerer ist pure Hehlerei, so viel den Sprachen entwendeter Doppelsinn wird da an den Mann gebracht.

Ungerer erfand den Slogan „Expect the Unexpected“

Mit dieser virtuosen Kombinatorik des vierfachen Sprachsinns steuert Ungerer der Wiederholung entgegen, die ihm ein Garaus ist, weil er im Prinzip der Wiederholung das selbstverschuldete Übel des Menschengeschicks sieht. "Warum wiederholt sich die Geschichte? Weil wir schlechte Schüler sind und ihre Lektionen nicht lernen wollen, vor allem wenn man sie selbst erlebt hat. Man ist fürs Leben gezeichnet." Nur wenige aber haben wie er aus dieser Erfahrung die Konsequenz gezogen, fortan um ihr Leben zu zeichnen.

Um diese Berufung zum Beruf zu machen, nahm Ungerer 1953 das Kunststudium in seiner Heimatstadt Straßburg auf. Im Jahr darauf aber ist er schon Werbeillustrator und hat damit jene Beschäftigung gefunden, die ihn fortan vor allem ernähren soll. Seine unzähligen Plakate für Konsumartikel, Festivals, aber auch politische Initiativen sind ein Hauptwerk und von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die Entwicklung des Kommunikationsdesigns im zwanzigsten Jahrhundert. Für die "New York Times" erfindet er einen der berühmtesten Slogans überhaupt: "Expect the Unexpected".

Schlachtfelder des Federstrichs

Das ist auch sein Lebensmotto, und die Probe aufs Exempel macht er in Amerika. Die Auswanderung nach New York setzt neben der Auftragsarbeit einen kreativen Schub des Bilderzählers frei, der bereits 1957 im ersten Kinderbuch ("The Mellops Go Flying") und in der Tätigkeit als Cartoonist für einige der wichtigsten amerikanischen Zeitschriften und Zeitungen seinen Ausdruck findet. Ungerer wird zu einem Universalgenie der Zeichnung, das durch die Breite seiner Beschäftigung auch hier jeder Festlegung ausweichen kann. Freiheit ist das wichtigste Element seines Schaffens.

Sie artikuliert sich auch in der Themenwahl. Mit dem virtuosen Zeichnungsband "The Party" schafft Ungerer 1966 ein Meisterwerk kritischer Graphik, wie es seit den Weimarer Zyklen von George Grosz keines mehr gegeben hat. In den Vereinigten Staaten verübelt man ihm die bösartigen Porträts der New Yorker High Society, in Europa feiert man den verlorenen Sohn dafür, ohne sich zu fragen, was der ätzende Blick Ungerers angerichtet hätte, wenn er auf dem alten Kontinent geblieben wäre. Mit "Saint-Tropez" liefert Sempé zwei Jahre später inhaltlich das europäische Pendant zu "The Party", doch die grandiose Grausamkeit der Ungererschen Darstellungen, die die Körper der Figuren zu Schlachtfeldern des Federstrichs machen, bleibt bis heute unerreicht - auch von ihm selbst.

Rotlichtreportagen und Volksliedbücher

1969 publiziert Ungerer "Fornicon", seine erotische Großphantasie einer mechanisierten Sexualität. Damit verletzt er 1969 zum letzten Mal das moralische Empfinden seines Gastlandes. Seine zahlreichen Kinderbücher, allen voran "Die drei Räuber" von 1961, denen er seinen Weltruhm verdankt, werden in Amerika danach nicht mehr verlegt, in einigen Bundesstaaten auch nicht mehr verkauft. 1971 verlässt Ungerer mit seiner Familie die Vereinigten Staaten und zieht nach Kanada in ein Fischerdorf auf Nova Scotia, ehe er fünf Jahre später eine irische Farm kauft, auf der er heute noch lebt.

Ungerer provoziert. Er zeichnet Reportagen in den Bordellen der Hamburger Hafenstraße, die nicht die käufliche Liebe anprangern, sondern eine Phänomenologie des Fetischismus abbilden, deren Faszination in jeder Linie spürbar ist. Er macht die eigenen sexuellen Experimente in Bild und Wort öffentlich und sich mit diesen jenseits von Gut und Böse angesiedelten Offenbarungen diejenigen zum Feind, die ihn gesellschaftspolitisch auf ihrer Seite wähnten, als er in den sechziger Jahren mit aggressiven Plakaten gegen den amerikanischen Imperialismus wetterte. Als Ungerer 1975 seiner Liebe zum deutschen Volkslied durch das reich illustrierte "Große Liederbuch" Ausdruck gibt, erzielt er damit den größten Verkaufserfolg und wird von der Linken endgültig verlorengegeben.

Im beständigen Kampf gegen den Selbstzweifel

Doch dieser Künstler fügt sich ohnehin nicht in feste Kategorien ein. Sein Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft ist kompromisslos, aber Grenzüberschreitung ist eben in jeder Hinsicht Programm: privat wie ästhetisch. In den letzten Jahren hat Ungerer sein Werk um großformatige surrealistische Fotomontagen ergänzt, die sich bewusst der klaren Botschaft verweigern, die bislang das graphische Schaffen auszeichnete. Im Zusammenfügen von gefundenen Objekten, denen er mit seinem sezierenden Blick Formen ansieht, die für andere erst in den Kombinationen, die der Bastler Ungerer ihnen aufzwang, erkennbar werden, hatte er schon seit den amerikanischen Jahren ein Äquivalent für sein vierfach potenziertes Sprachspiel gefunden. Hintersinn ist ihm das fünfte und ureigene Element.

Und doch hat er sich das Kindliche bewahrt, inklusive der unschuldigen Grausamkeit von Kindern. Manche Kollegen aus der Werbebranche, die heute längst selbst anerkannte Künstler geworden sind, erinnern sich unangenehm an die selbstsicheren Auftritte des großen Stars in den siebziger Jahren, der niemand neben sich gelten ließ. Aber wer Ungerer kennt, weiß, dass seine Vehemenz der Schutzpanzer um eine zutiefst unsichere Existenz ist. Frappierend ist die Skepsis gegenüber allem, was ohne Auftrag entstanden ist, wo also nur Ungerer selbst das Plazet erteilen kann. Erst in den letzten Jahren hat er sich daran gewöhnt, die eigene Arbeit als Kunst zu betrachten, und jede der zahlreichen Ausstellungen ist ihm wichtig, um den Selbstzweifel Mal für Mal aufs Neue zu besiegen.

Der durchtriebene Getriebene

Einer Sache indes ist Tomi Ungerer sich gewiss: seiner elsässischen Herkunft und des prägenden Einflusses auf sein Verständnis der Welt. Das Neben- und Gegeneinander von Frankreich und Deutschland, die Nachbarschaft von Straßburg und Struthof, nur durch fünfzig Kilometer getrennt, machen sein Weltbild aus. Dieser Schrecken indes ist gemildert durch die Liebe zur Heimat. In Straßburg hat Ungerer eine Atelierwohnung, wohin er sich regelmäßig aus Irland zurückzieht: Zum ruhigen Arbeiten begibt sich der Künstler gern ins Getriebe dieser Stadt. Sie erhielt von ihm seit 1975 insgesamt mehr als achttausend Zeichnungen, 1500 Objekte und seine Privatbibliothek geschenkt; 2007 öffnete dafür ein eigenes Museum, das Museum Tomi Ungerer, Centre international de l'Illustration. Dass es in Straßburg Debatten darüber gab, warum bei den Beschriftungen der Objekte die deutschen vor den französischen Texten stehen, hat dem Künstler sardonisches Vergnügen bereitet. Sentimentales Vergnügen dagegen macht ihm, dass es sich um das einzige staatliche Museum in Frankreich handelt, das einem lebenden Künstler gewidmet ist.

Möge es diese Sonderrolle noch lange behalten. Heute wird der durchtriebene Getriebene achtzig Jahre alt; eine Festschrift mit dem Titel "Expect the Unexpected" ist pünktlich bei Diogenes erschienen, vom 8. Dezember an zeigt das Museum für Komische Kunst in Frankfurt eine Ausstellung seines satirischen Werks. Achtzig Jahre - man weiß es, denn es steht geschrieben. Sähen wir uns aber nur das Gezeichnete an, wir könnten es nicht glauben.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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