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Veröffentlicht: 30.05.2008, 11:40 Uhr

Tod im Straßenverkehr Am Rand der Landstraße

Vier junge Menschen sind bei einem Verkehrsunfall in der Wetterau ums Leben gekommen, zwei wurden schwer verletzt. Das Unglück zeigt ein Muster des Landlebens und der juvenilen Mobilität.

von
© DPA Tod an der Landstraße

Zu sechst saßen sie in dem kleinen VW Polo: der neunzehnjährige Fahrer und fünf Schülerinnen zwischen vierzehn und sechzehn. Am vergangenen Dienstag, nachmittags um kurz nach halb vier, sind sie von der Schule, einem idyllisch gelegenen privaten Internatsgymnasium im oberhessischen Echzell, zu einer Spritztour ins kaum eine Viertelstunde entfernte Nidda aufgebrochen - sie wollten zum amerikanischen Schnellimbiss im Stadtteil Harb.

Jochen Hieber Folgen:

Gleich hinter Echzell müssen sich der Fahrer oder die ganze Gruppe entschieden haben, ihr Ziel nicht direkt über die Bundesstraße 455, sondern lieber auf Umwegen anzusteuern. Wenige Minuten vor vier Uhr steuerte der Polo jedenfalls mit hoher Geschwindigkeit auf die Kreuzung zweier Landstraßen zwischen den Dörfern Rabertshausen und Ulfa zu, stieß dort ungebremst mit einem fünfundzwanzig Tonnen schweren Lastwagen zusammen und wurde von diesem etwa dreißig Meter weit mitgeschleift. Der Fahrer des Polo und drei der Schülerinnen starben noch am Unfallort, zwei Mädchen wurden mit schwersten Verletzungen in die Universitätskliniken von Gießen und Frankfurt am Main geflogen. Der Fahrer des Lastwagens, der äußerlich unverletzt blieb, hatte noch auszuweichen versucht, besaß jedoch keine Chance, den Unfall zu vermeiden.

Ein typisches Muster

Es sind stets die Schicksale einzelner Menschen, die auf solch fürchterliche Weise entschieden oder fürderhin entscheidend geprägt werden - die Schicksale der Unfallopfer selbst, die ihrer Angehörigen und Freunde, oft aber auch jene der so schuldlos wie unausweichlich Mitbeteiligten. Keine Statistik und keine Ursachenanalyse kann, darf und soll die je individuelle Tragik und das je individuelle Leid relativieren. Gleichwohl erfüllt das schreckliche Nachmittagsgeschehen ein nur zu typisches und weit über Oberhessen hinaus gültiges Muster. Das Muster setzt sich zusammen aus ländlichem Leben und jugendlicher Mobilität.

Wer auf dem Land lebt, dürfte zumal bei der Montagslektüre der jeweiligen Lokalzeitung mit großer Sicherheit auf mindestens einen, meist aber gleich mehrere Berichte stoßen, die Autounfälle mit jugendlichen Verursachern und Opfern schildern. Auch um die stets neue Erschütterung ein wenig wegzuschieben und zu verarbeiten, spricht man auf dem Land lakonisch vom „Disco-Faktor“, früher sehr beliebt war auch die „Kirmes-Quote“. Inzwischen aber hat die Kirmes als Traditionsform der Lustbarkeit wie als Heiratsmarkt bis auf Restbestände ziemlich ausgedient. In der Kneipe, beim Friseur oder auf dem Sportplatz heißt jedoch die stehende Wendung nach wie vor: „Übers Wochenende hat sich schon wieder ein Junger totgefahren.“

Eminent hoher Anteil Jugendlicher

Vertraut man der Statistik, so gingen auch diese Unfälle in den vergangenen Jahren zurück - fürs Leben auf dem Land freilich sind und bleiben sie signifikant: Im Jahr 2007 gab es bei 1133 Verkehrsunfällen im oberhessischen Wetteraukreis neunzehn tödlich Verletzte, genauso viele wie bei 3253 im Stadtgebiet von Frankfurt. Auch wenn das Statistische Landesamt das Alter der ums Leben Gekommenen nicht eigens erfasst, sprechen die Berichte der Lokalzeitung für einen eminent hohen Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Dabei spielt in Sachen Auto die soziale Herkunft keine große Rolle - am oft schon sehr gebrauchten Erstwagen basteln, schrauben, schweißen und polieren Gymnasiasten und Fabrikantenzöglinge ebenso herum wie Mechanikerlehrlinge und Arbeitslose. Ziel ist stets, „die Kiste“ schöner und schneller zu machen und sie dann in Gemeinschaftsfahrten, bei denen das Anschnallen meist als Weichei-Ausweis gilt oder wegen Überladung erst gar nicht möglich ist, den „Kumpels“, vor allem aber den „Mädels“ vorzuführen. Im eigenen Dorf ist meist eh nichts los, um etwas zu erleben, muss man ohnehin fahren: Je eher man dabei der Abhängigkeit von chauffierenden Eltern entrinnt, desto besser.

Eine mobile Überlebensprobe

Traumhafte Alleen, verträumte Waldstraßen und kurvenreich-schmale Bergpisten werden kurzerhand in Test- oder Rennstrecken umfunktioniert, Radarfallen sind im weitläufigen Terrain kaum zu befürchten oder deren Standorte längst bekannt, zudem ist das nächste Polizeirevier oft dreißig, vierzig Kilometer entfernt. Je später der Abend, desto häufiger und heftiger sind Alkohol und Drogen im Spiel. Das Leben auf dem Land ist für junge Leute ganz emphatisch auch eine mobile Mut-, ja eine Überlebensprobe. Noch viel zu oft endet sie in einer Katastrophe.

In den Todesanzeigen der Trauerfamilien oder der Vereine, in denen der jung Gestorbene Mitglied war, wird häufig Rousseaus Maxime zitiert, nicht die Länge der Jahre, sondern das stärkste Gefühl bestimme die Qualität eines Lebens. „Nur die Besten sterben jung - und du warst der Beste“: Auch diese Formel ist beliebt. „Wir werden bei jeder Fahrt an dich denken“, schrieb jüngst das „Ford-Team Vogelsberg e.V.“ im Nachruf auf ihr neunzehnjähriges Mitglied Max W. „Wir denken an Euch“ haben am Tag danach auch die Mitschüler der bei Ulfa ums Leben gekommenen Echzeller Gymnasiasten auf ihre Trauerschleife gemalt, die das kleine, mit Blumen und den Fotos der Freundinnnen geschmückte Mahnmal am Ort des Unfalls ziert. Solche Mahnmale am Straßenrand sind in jüngster Zeit zum sichtbarsten Landritual des Gedenkens geworden, über Monate, bisweilen Jahre hinweg werden sie gehegt und gepflegt.

In den kleinen Kommunen Oberhessens ist der Tod nicht anonym. Bei jedem großen Unfall kennt fast jeder Bewohner zumindest einen der Verunglückten oder einige der Angehörigen persönlich. Die Enkelin eines sehr guten Freundes war am vergangenen Dienstag nur deshalb nicht im Echzeller Internat, weil sie andernorts eine Prüfung absolvierte - es sind ihre Freundinnen Catarina, Nina und Lea, die nun nicht mehr sind. Nicht wenigen Eltern dieser Gegend wird unheimlich zumute sein, weil sie von den riskanten Gemeinschaftsfahrten ihrer eigenen Kinder zumindest ahnend wissen.

Glosse

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