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Veröffentlicht: 19.07.2016, 16:59 Uhr

Tod im Livestream Alles muss ans Licht

Ein Millionenpublikum kennt das Video von Lavish Reynolds, das sie nach dem tödlichen Schuss auf ihren Freund in die Welt schickte. Der Tod wird heute live im Internet übertragen. Der wahre Horror aber ist, was wir nicht sehen

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© AFP Lavish Reynolds, die nach dem Schuss auf ihren Freund ein Live-Video über Facebook in die Welt sendete

Wie genau die Dinge eskalierten, an jenem Mittwoch in Falcon Heights, Minnesota, das ist noch immer unklar, aber wie es dann weiterging, nach den tödlichen Schüssen auf Philando Castile, das hat sich mittlerweile ein Millionenpublikum angeschaut. Als das Video beginnt, liegt der junge Mann blutend auf dem Fahrersitz seines Autos, und noch immer richtet der Polizist vor dem Fenster seine Waffe auf ihn. Auf der Rückbank sitzt ein vierjähriges Mädchen. Und neben Castile sitzt Lavish Reynolds, genannt Diamond, seine Freundin. Sie filmt die Szene mit ihrem Mobiltelefon und sendet die Bilder live über Facebook in die Welt. Sie schreit nicht, sie weint nicht, sie bleibt so ruhig, wie man es in einer solchen Situation bleiben kann. Sie schildert ihrem Publikum, was gerade passiert war: Dass sie wegen eines kaputten Rücklichts angehalten worden waren. Dass ihr Freund eine Waffe bei sich trug, mit entsprechender Genehmigung, und dies dem Polizisten pflichtgemäß gesagt hatte. Dass dieser trotzdem auf ihn geschossen hatte, als Castile seinen Ausweis aus seiner Hosentasche holen wollte.

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Es ist ein ungeheuerliches Video, und das Ungeheuerlichste daran ist womöglich die Tatsache, dass es überhaupt gedreht wurde. Denn natürlich stellt sich die Frage, wie Reynolds in einer solchen Situation überhaupt auf die Idee kam, zur Reporterin in eigener Sache zu werden. Warum sie nicht an ihren sterbenden Freund dachte, sondern an ihre Facebook-Freunde oder womöglich an eine noch größere Öffentlichkeit. Woher sie, während der Beamte noch die Waffe auf sie richtete, mit der er eben ihren Freund getroffen hatte, den Mut nahm, ihn mit der Veröffentlichung der Beweismittel zu konfrontieren. Wieso sie schon, während ihr Freund noch lebte, nach Gerechtigkeit für seinen Tod rief – und nicht um Hilfe. Dabei hat sie womöglich genau das getan: Sie wollte den Tod ihres Freundes nicht einfach dokumentieren. Ihr Video war ein SOS-Ruf, der bald im ganzen Internet zu hören war: „Ich bitte jeden auf Facebook, jeden, der zuschaut, jeden, der eingeschaltet hat, bitte betet für uns“, sagt sie am Ende ihrer Übertragung, Sekunden bevor der Akku leer ist.

Nicht einfach nur Snuff-Video

Lavish Reynolds ging es nicht einfach darum, aus ihrer persönlichen Tragödie eine Show zu machen. Denn was ihr an jenem Tag passierte, erlebte sie nicht als Unglück, sondern von Anfang an als rassistischen Terroranschlag. Dass nämlich das Private politisch ist, wie es einst die Achtundsechziger formulierten, war für Schwarze wie sie und ihren Freund eine alltägliche Erfahrung. Wie Kriminelle behandelt zu werden waren sie gewohnt, aber nicht, dass es so weit kommen konnte, obwohl sie sich, wie sie es jahrelang gelernt hatten, jede Provokation sparten. Dass Reynolds ohne Zögern das Private öffentlich machte, das war also nicht nur der eitle Reflex einer jungen Frau der Generation Facebook, die auch sonst kein Problem damit hat, der ganzen Welt Einblick in ihr Leben zu gewähren; es war auch eine Reaktion auf die alltäglichen Übergriffe auf dieses Leben, die an jenem Mittwoch eine so drastische Form annahmen.

Man muss das alles bedenken (die Erfahrung der Diskriminierung, die Geschichte der Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten, die 1134 Menschen, die allein im vergangenen Jahr von der Polizei erschossen wurden, davon überdurchschnittlich viele Schwarze), um zu verstehen, warum das grausame Video von Lavish Reynolds für viele nicht einfach ein Beispiel für die Komplettverrohung publizistischer Sitten ist, nicht einfach nur ein Snuff-Video für eine kaum noch zu schockierende digitale Öffentlichkeit. Für viele amerikanische Bürger, nicht nur für die aus den schwarzen Vorstädten, ist ein eigener Fernsehkanal in der Tasche das Mittel gegen die Beamtenwillkür, auf das sie gewartet haben.

Spätestens seit den Schüssen auf den Teenager Michael Brown in Ferguson herrscht in den Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte Einigkeit darüber, dass der Konflikt der Polizei mit den Bürgern vor allem durch mehr Überwachung gelöst werden kann. Die zunehmende Ausstattung amerikanischer Polizisten mit Body-Cams, die Präsident Obama mit einem 75-Millionen-Dollar-Projekt unterstützte, wurde sowohl von den meisten Beamten als Mittel gegen falsche Anschuldigen begrüßt als auch von Bürgerrechtsaktivisten, die sich davon eine bessere Dokumentation polizeilichen Fehlverhaltens erhoffen. Jetzt, zwei Jahre später, belegt eine Reihe von Studien, dass die Kameras tatsächlich einen disziplinierenden Effekt haben: Nicht nur der Einsatz von Gewalt sank zum Teil deutlich (in Orlando etwa um 50 Prozent), sondern auch die Zahl der Beschwerden gegen die Beamten.

Die Praxis der radikalen Transparenz

Trotzdem bleibt es für die Opfer von Polizeigewalt natürlich nur ein kleiner Schritt, solange die Behörden selbst die Kontrolle über den Einsatz der Kameras und die Veröffentlichung der Aufnahmen behalten. Denn auch, wenn solche Videos zur Aufklärung beitragen können, ändern sie nichts am grundlegenden Problem: Sie stellen die Situation lediglich aus der Perspektive der Polizei dar. Viel phantastischer ist deshalb das Versprechen, mit Diensten wie Facebook Live oder Periscope zurückfilmen zu können und zukünftige Konfrontationen nicht nur zu dokumentieren, sondern sie live an eine globale Zeugenschaft zu versenden. Endlich, so scheint es, hat sich das subversive Konzept der „Sousveillance“, der Überwachung von unten, als alltägliche Praxis durchgesetzt. Statt der illusorischen Vorstellung, sich der Allgegenwart immer kleinerer und billigerer Kameras durch Rückzug oder Verschlüsselung entziehen zu können, so propagiert diese Idee, müssen endlich auch die Überwacher überwacht werden.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Dass die Praxis der radikalen Transparenz am Ende mehr Probleme aufwirft, als sie löst, geht in der aktuellen Schwarz-Weiß-Debatte völlig unter. Es sind so viele, dass man sie hier nur anreißen kann: Am nebensächlichsten sind dabei noch die moralischen Bedenken, die die ästhetische Abstumpfung der Gesellschaft für das größte Problem halten – und tatsächlich glauben, man könne es in den Griff bekommen, indem man Dienste wie Facebook ermahnt, in Zukunft doch ein bisschen besser aufzupassen, bevor ein Nutzer mit Gewalt und Terror auf Sendung geht. Die uralte Debatte, ob Bilder von Gewalt wirklich ein Mittel gegen Gewalt sein können, muss nun jedenfalls auf Speed weitergeführt werden: Ist es wirklich nur Entertainment für ein abgebrühtes Publikum, wenn man anderen beim Sterben zuschauen kann? Oder vielleicht doch ein Akt der Aufklärung? Wird die Welt ein schlimmerer Ort, wenn man den alltäglichen Schrecken mitansehen muss? Oder wird uns der Anblick dieser Übel endlich die Augen öffnen?

War dieses Video etwa ein Selfie?

Viel wichtiger wäre natürlich, die Frage nach dem Realitätsgehalt dieser Bilder zu stellen. Muss man, wenn die Anwesenheit einer Kamera nun endgültig vorausgesetzt werden kann, die ganze Welt als Bühne begreifen? Oder ist das der Moment, in dem wir die mediale Verfassung der Welt wieder vergessen, weil sie gewissermaßen zur Natur geworden ist? Und spielt es, wenn doch sowieso alles von allen gefilmt wird, noch eine Rolle, wer filmt und aus welcher Perspektive? Lavish Reynolds’ Video war ja zum Beispiel gar nicht der Gegenschuss zur Sichtweise des Polizeibeamten. Sondern natürlich: ein Selfie. Aber wer hat es inszeniert?

Die wichtigste Frage aber ist jene, die sich in der amerikanischen Debatte offensichtlich kaum jemand stellt, weil sich die erbitterten Gegner wenigstens in dieser Sache erschreckend einig sind: Ist Transparenz wirklich die Lösung? Sowohl die Polizei als auch die Bürgerrechtler klingen, als seien sie direkt aus Dave Eggers’ Romans „The Circle“ entsprungen, nur haben sie leider vergessen, dass es sich dabei um eine Dystopie handelt. „All that happens must be known“ ist der Slogan des facebookartigen Unternehmens in Eggers’ Buch, dessen Utopie einer idealen Gesellschaft vorsieht, dass Menschen sich entscheiden „to go transparent“ und jede ihrer Handlungen einem globalen Live-Publikum zugänglich machen. Wie eine solche Welt aussieht, kann man schon heute auf Facebooks „Livemap“ sehen, einer Karte, auf der aktive Livestreams aus der ganzen Welt verzeichnet sind. Was man dort sehen kann – Mädchen beim Schminken, Männer beim Work-out, Kinder beim Baden, Frauen beim Kochen –, belegt eindrucksvoll, dass der Horror inflationärer Live-Videos vor allem in ihrer demonstrativen Harmlosigkeit besteht.

Und selbstverständlich fällt auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg nicht aus der Rolle, die Eggers seinem Konzernchef zugeschrieben hat, wenn er diese Art von Öffentlichkeit nicht für ein Problem, sondern für die Lösung hält. „Die Bilder, die wir gesehen haben, sind herzzerreißend“, schrieb er in einem Posting. „Ich hoffe, dass wir kein Video wie das von Diamond mehr sehen müssen; es erinnert uns aber auch daran, warum es so wichtig ist, die Welt offener zu machen und uns besser zu vernetzen. Dabei liegt noch ein langer Weg vor uns.“

Gegen Rassismus helfen keine Bilder

So ist das mit der Ideologie der radikalen Transparenz: Sie kennt nur die Probleme, die sie glaubt lösen zu können. Aber selbst wenn die gegenseitige Überwachung zwischen dem Staat und seinen Bürgern zu einer Art mutual assured documentation führt, die das Verhalten beider Seiten diszipliniert, dürfte das den Konflikt, der der Gewalt zugrunde liegt, eher verschärfen. Es ist schon kurios, dass schikanierte Bürger hoffen, von der Polizei korrekter behandelt zu werden, wenn sie damit drohen, die Auseinandersetzung zu filmen. Es dürfte die Situation kaum entspannen, wenn nervöse Beamte in Zukunft nicht nur Angst vor Schusswaffen haben müssen, wenn ein Verdächtiger etwas aus seiner Brusttasche holt. Was die Anwesenheit einer Kamera aber für den bisher konfliktfreien Umgang mit der Polizei bedeutet, für den Regelfall, in denen die Bürger die Beamten nicht als Feind begegnen, wird in der Debatte um den Einsatz von Kameras völlig ausgeblendet. Gut möglich, dass man sich zweimal überlegt, ob man den sogenannten Freund und Helfer ruft, wenn man nicht weiß, was er alles mit seiner Kamera durchleuchtet.

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Wenn gesellschaftliche Probleme nur noch danach entschieden werden, wer die glaubhafteren Beweise hat, wird nicht nur das Vertrauen zerstört, ohne das keine Gemeinschaft überleben kann; sondern, was womöglich viel schlimmer ist, auch das Misstrauen in die Bilder, die tun, als zeigten sie eine objektive Wahrheit. Gegen Rassismus aber helfen keine Bilder – und schon gar nicht gegen dessen unsichtbare Bedingungen. Statt sich also vor dem Horror zu fürchten, den solche Bilder zeigen könnten, sollte man immer daran denken, was man auf ihnen niemals sehen wird.

Glosse

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Zu seinem siebzigsten Geburtstag gibt der Philosoph Peter Sloterdijk ein Interview, in dem er erklärt, wie es angeblich wirklich läuft in der Demokratie. Er macht es sich zu einfach. Mehr 1 4

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