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Tod als Fernsehspektakel Wer will eine Mumie werden?

12.01.2010 ·  Die letzten Dinge als öffentliches Spektakel: Der englische Privatsender Channel 4 sucht Sterbenskranke, die gewillt sind, sich nach ihrem Tod vor laufender Kamera mumifizieren und für zwei Jahre in einem Museum ausstellen zu lassen.

Von Dieter Bartetzko
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In uns allen stecken Mumienforscher. Man denke an die Geburtstage der Kindheit und ihr „Mumienwickeln“ mittels Dutzender Rollen Toilettenpapiers. 1999 haben wir erwachsene Bedenken unterdrückt und bei Stephen Sommers „Die Mumie“ Großkinos gefüllt. Was übrigens schon unsere Urgroßeltern taten, als sie 1918 in Lubitschs „Die Augen der Mumie Ma“ bibberten. Ob im Stumm- oder Actionfilm – Basis ist immer das (seit dem Mittelalter) kursierende Geraune um die wundersamen Einbalsamierungen des Alten Ägypten. Das magische Denken einer Kultur, die der Angst des Menschen vor dem Tod den Glauben an ein Weiterleben im Jenseits entgegenhielt, das die Unversehrtheit des Körpers verlangte, wandelte sich zur Wundersucht unserer Tage.

Sie ist unbeirrbar: Seit langem ist bekannt, dass das Hauptmittel der ägyptischen Mumifizierung das heiße und trockene Wüstenklima des Landes ist, dessen Wirkung die Balsamierer steigerten, indem sie die Leichname von Eingeweiden und Körperflüssigkeiten befreiten und sie für vierzig Tage in Natron und Soda legten. Das anschließende geheimnisumwitterte Salben mit exotischen Ingredienzien wie Bitumen, Myrrhe, Aloe und anderen Gewürzextrakten ebenso wie das Umwickeln der Körper mit feinsten Leinenbinden ist als Placebo erkannt, geeignet eher zur Beruhigung der Angehörigen als nützlich zur Konservierung.

Wer will sich ausstellen lassen?

Schmerzlich erfuhr dies der Entdecker des Tutanchamun-Grabes, Howard Carter, als er feststellte, dass die Mumie des Pharaos zwar unberührt, aber von Unmengen Salböls nicht bewahrt, sondern verätzt und verkohlt worden war. Den Legenden um Ägyptens Mumien taten weder dies noch die beiden auf diversen Fernsehkanälen ausgestrahlten Exhumierungen Tutanchamuns 2005 und 2007 Abbruch. Im Gegenteil: Sie bewiesen, dass öffentliches Vorführen von Mumien ein todsicherer Erfolg ist. Was nun auch der englische Fernsehsender Channel 4 nutzen will: Beflügelt vom Aufsehen, das unlängst seine Übertragung des Sezierens einer Leiche durch den berüchtigten deutschen Plastinisten Gunther von Hagens erregte, sucht der Privatsender momentan Personen, die erstens sterbenskrank und zweitens gewillt sind, sich nach ihrem Tod vor laufender Kamera mumifizieren und eventuell für etwa zwei Jahre „in einem seriösen Museum“ ausstellen zu lassen.

Obszön genug, soll dem Spektakel auch noch ein Kennenlernen vorangehen. Will sagen: Channel 4 wird die potentiellen Mumien während ihrer letzten Lebenswochen mit der Kamera begleiten. Die letzten und die allerletzten Dinge als öffentliches Spektakel – bald wird sich zeigen, ob wir auch in diesem Sinne Mumienforscher sind, Gunther von Hagens’ voyeuristische „Körperwelten“-Schau unser Pionier war und uns „Reality-TV“ über das Leben geht.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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