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„Tocotronic“ in Hamburg Ruin als Rettung

18.05.2007 ·  Widerstand ist zwecklos: Rückkopplungsorgien gehen Hand in Hand mit beschwingten Liedern. In zwei Konzerten hat die Band „Tocotronic“ jetzt in Hamburg und Berlin ihr neues Album „Kapitualtion“ vorgestellt.

Von Richard Kämmerlings
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Am 6. Juli 2007 wird kapituliert. Und zwar bedingungslos. Es wird ein schöner, sonniger Tag sein, und an diesem Tag wird man die massenhaft ausgefertigte Kapitulationsurkunde im Laden kaufen können. An diesem Tag erscheint das neue Album der deutschen Popband „Tocotronic“; es wird „Kapitulation“ heißen und eine hymnische Feier der totalen Niederlage sein. Auf diesen Tag kann man sich von jetzt an vorbereiten. Denn die neue, frohe Botschaft dieser seit je neben „Blumfeld“ verkündigungsfreudigsten Band ist seit dieser Woche in der Welt und zur Kommentierung freigegeben. Sie lautet: Es ist gut, sich zu ergeben, aufzugeben, die Gegenwehr einzustellen, es ist erleichternd, loszulassen, zu fallen und dann einfach auf dem Boden liegen zu bleiben.

In zwei Konzerten hat die Band gerade ihre neuen Stücke vorgestellt: Im Hamburger „Uebel & Gefährlich“ war Premiere; einen passenderen Ort als diesen umgebauten Hochbunker hätte man nicht finden können: einen Ort, der gebaut wurde für das letzte Gefecht gegen einen übermächtigen Gegner. Kapitulationen wurden immer schon an symbolischen Orten vollzogen (das zweite Konzert am Donnerstag fand in der Berliner Volksbühne statt). Dirk von Lowtzow kommt auf die Bühne, wünscht in der bekannten, zu den Punkrockzeiten der Band provozierend wirkenden Höflichkeit dem Publikum einen „wunderschönen“ Abend und singt: „Mein Ruin, das ist zunächst / Etwas, das gewachsen ist / Wie eine Welle, die mich trägt / Und mich dann unter sich begräbt.“ Die pamphlethaft vorgetragenen, dabei dunkel raunenden Zeilen sind unterlegt mit einem rumpelnden, bohrend eintönigen Gitarren-Bass-Sound wie aus einem „Nirvana“-Demoband, das dann im Refrain etwas Erhebendes, ja fast Euphorisches bekommt: „Mein Ruin ist, was mir bleibt / Wenn alles andere sich zerstäubt.“

Kapitulation als Befreiung

An die Bühnenrückwand wird dazu ein Gemälde projiziert: Thomas Eakins' „Porträt von Douglas Morgan Hall“ aus dem Jahr 1889, das einen jungen Mann zeigt, mit geröteten Augen ins Nichts starrend - einen Menschen in einem Augenblick völliger Klarheit, der ohne jeden Funken Hoffnung dem Ende entgegenblickt. Dann kündigt Lowtzow das Titelstück des neuen Albums an: Kapitulation sei „das schönste Wort in deutscher Sprache“. Es ist ein melodisches, fast beschwingtes Lied, in dem der Sänger mit hoher, etwas affektierter Stimme sein paradoxes Credo formuliert: „Und wenn du kurz davor bist, kurz vor dem Fall / Und wenn du denkst ,Fuck it all' / Und wenn du nicht weißt, wie soll es weitergehen - / Kapitulation, ohoho.“

Das ist kaum das, was die sich auf G-8-Krawall einstimmenden Globalisierungsgegner hören wollen, doch hat die Auffassung von Kapitulation als Befreiung im Kontext der Zeitgeschichte ja auch eine ganz konkrete antinationalistische Stoßrichtung. „Tocotronic“ wollten immer als eine kritische Band verstanden werden, wenngleich sie explizit politische Aussagen vermieden. Von ihrer frühen Aversion gegen alternatives Spießertum in Stücken wie „Freiburg“ oder von ihrer entspannten Polemik gegen die disziplinierenden sozialen Diskurse (“Sie wollen uns erzählen“) bis zu ihrem neuromantischen, das Irrationale besingenden Spätwerk luden ihre Texte einerseits ganz leicht zur Identifikation ein - „Aber hier leben, nein danke!“ - und sperrten sich andererseits doch gegenüber der Zuspitzung auf Slogans. Sie behielten immer etwas Verspieltes und Anarchisches.

Selbstbewusste Ohnmacht

Im Konzert fügen sich diese älteren Stücke allerdings fast nahtlos ins Konzept: Der frühere Zorn über die unentrinnbaren dummen Verhältnisse ist die Vorstufe der erlösenden Resignation: Die Ohnmacht wird selbstbewusst. Und auch die anderenorts üblichen Aufforderungen zum Widerstand, zum Engagement werden plötzlich erkennbar als Parallele zu den Imperativen der Leistungsgesellschaft. Es ist dann von höherer Ironie, dass ausgerechnet bei der im Netz kursierenden, für die neuen Stücke musikalisch ganz ungewöhnlichen Punkrocksingle „Sag alles ab“ der Schlagzeuger den Einsatz verpatzt: „Sag alles ab / Geh einfach weg / Halt die Maschine an / Frag nicht nach dem Zweck!“, schreit Lowtzow: Die Schule für immer vorbei, die Karriere „macht mal Pause“, Anstrengen war gestern - das ist dann die flegelhaft-fröhliche Jugendausgabe der Kapitulation. Klimawandel hieße dann: für immer hitzefrei. Hier geben „Tocotronic“ gut rock'n'rollig den Leuten, was diese wollen.

Näher am eigenen Herzen liegt wohl ein Lied wie „Luft“, in dem als letzte Tätigkeit das Atmen und das Wandern durch den Garten bleiben. Der Park als Refugium der bloßen Existenz - auch das ist ein altes, aus historischen Resignationsepochen wie der Zeit nach 1848 vertrautes Motiv. „Das Nutzlose wird siegen, das Nutzlose bleibt liegen / Also laufe ich durch Laub / Entschuldigung, das hab' ich mir erlaubt“: Für solche Witze wie das „Prinzen“-Zitat am Schluss hatten „Tocotronic“ immer ein Faible. Wer zuletzt lacht, hat wohl auch die Niederlage noch überlebt.

Es ist eine eigentümliche Dramaturgie: Die Band „Blumfeld“, die sich zuletzt in idyllische Naturbilder zurückzog, befindet sich nach der Bekanntgabe ihrer Auflösung seit Wochen auf Abschiedstour, und nun kommen „Tocotronic“ mit ihrer konsequenten Ehrenrettung der Selbstaufgabe. Einige der neuen Stücke gemahnen denn auch musikalisch an „Blumfeld“. Das hervorragende Konzert, das die vierköpfige Band in großer Spiellaune zeigt, endet mit dem frühen Stück „So jung kommen wir nie mehr zusammen“ und der Frage, ob man sich später noch verstehen wird - das Liebespaar einander oder auch die Band und ihr Publikum. Das Stück zerfließt in einer endlosen Lärm- und Rückkopplungsorgie. Wer das nicht mehr aushält in der Hitze und Enge, der kapituliert und hält sich die Ohren zu: Widerstand ist zwecklos, lieber Hände hoch und klatschen.

Quelle: F.A.Z., 18.05.2007, Nr. 114 / Seite 37
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