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TNT-Serie „Colony“ : Mit Demokratie braucht ihr uns nicht zu kommen

Will Bowman (Josh Holloway, links) wird von den „Proxies“ gefangen genommen. Er soll mit den Unterdrückern gemeinsame Sache machen. Bild: Paul Drinkwater/USA Network

So fühlt sich das also an: In der Serie „Colony“ wird Amerika von einer außerirdischen Macht besetzt. Sie zerstört Familien und führt ein drakonisches Regime. Das bedient sich menschlicher Stellvertreter.

          In den vergangenen hundert Jahren sind die Vereinigten Staaten sechzehn Mal in unterschiedlichen Ländern als Besatzungsmacht aufgetreten. Ihr eigenes Territorium wurde im zwanzigsten Jahrhundert einmal besetzt, als Japan die Inseln Guam, Kiska und Attu annektierte. Die Erfahrung, von einem militärisch überlegenen Gegner überwältigt worden zu sein, ist Amerika fremd. In der Fiktion jedoch ist es ein Faszinosum, das sich insbesondere durch die jüngere Geschichte des Kinos und des Fernsehens zieht. Sei es, dass NS-Deutschland und Japan wie in „The Man in the High Castle“ den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, oder sei es, dass Außerirdische landen. In diesem Fall spielen große Raumschiffe eine Rolle, oder, wie in „Der Krieg der Welten“ dreibeinige Maschinen, die Menschen mit einem Laserstrahl pulverisieren, oder, wie in Steven Spielbergs „Falling Skies“ monströse Aliens, die Kinder rauben.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Serie „Colony“ (Idee Carlton Cuse, Ryan J. Condal) halten sich die „Hosts“ oder „Raps“ genannten Besatzer aus dem Weltall – zumindest muss der Zuschauer annehmen, dass sie von dort stammen – im Hintergrund. Das einzige, was die Menschen in Los Angeles von ihnen zu sehen bekommen, ist ein überdimensionaler Wall aus glänzendem Metall, der die Stadt umgibt, sowie gepanzerte Drohnen, die durch die Luft knattern und aussehen, als hätten die „Hosts“ eine käferhafte Entsprechung zum „Terminator“ gesucht. Die Drecksarbeit der aggressiven Unterdrückung übernimmt hingegen eine Schattenregierung. Sie besteht aus einer durch die „Hosts“ handverlesenen, menschlichen Elite, genannt „Proxies“ – also Stellvertretern. Deren verlängerter Arm sind die „Red Hats“ von der „Homeland“-Security, deren spärlich inszenierte Flagge als Anspielung eindeutig ist: roter Grund, weißer Kreis, schwarzes Emblem.

          In einer Kühlbox mit T.C. Boyle durch die Metall-Mauer

          Zu Beginn sieht alles nach klassisch amerikanischem Familien-Alltag aus. Will Bowman (Josh Holloway) brät in der Küche ein paar Eier, die Kinder Grace (Isabella Crovetti) und ihr Bruder Bram (Alex Neustaedter) sitzen auf der Couch, der Hund stinkt und Mutter Katie (Sarah Wayne Callies) hat ein paar lockere Sprüche parat. Einzig der kurze Schwenk auf den Stacheldraht am Gartenzaun macht stutzig. Doch so heil wie es scheint, ist diese Welt nicht. Sohn Charlie (Jacob Buster) wurde von den Bowmans getrennt und lebt (so hofft die Familie) außerhalb des Walls in Santa Monica. Wie es dort aussieht, bleibt lange geheim. Als Will sich mit Hilfe eines Schleusers, der verdächtig aussieht wie T.C. Boyle, in einer Kühlbox durch die Kontrolle mogeln will, um sich auf die Suche nach Charlie zu machen, explodiert hinter ihm eine Bombe. Sie erinnert daran, dass jede Besatzung Widerstand hervorruft.

          Hier heißt er genau so: „Resistance“ oder auch „Insurgency“, der Aufstand. Dessen Anführer heißt in Anlehnung an den Spitznamen des berühmten Kriegshäuptlings der Apachen „Geronimo“. Will wird gefangen und – nicht zuletzt aufgrund seiner Militärvergangenheit – gezwungen, für die Schattenregierung zu arbeiten, wenn er will, dass seine Familie zusammenbleibt. Was er nicht weiß: Seine Frau ist im Widerstand. Die Grundkonstellation für die kommende Tragik ist also bestens vorbereitet.

          „Colony“ bietet einiges an Angriffsfläche. Der Hauptdarsteller Josh Bowman als Will wirkt nicht wie ein ehemaliger Soldat, sondern wie ein bewaffneter Surf-Lehrer. Die New-Nazi-Ästhetik der Schattenregierung samt Homeland-Soldaten, mitsamt den „Factory“ genannten Arbeitslagern, in denen sich die Gefangenen in stählernen Kammern bis auf die Haut ausziehen müssen, gerät um einiges zu makaber.

          Das passt kaum zum gelungenen Auftakt der Serie, der die kleinen Risse im Alltag der Menschen in detaillierten Bildern (Kamera Checco Varese und Jeffery Jur) zeigt und zunächst nur subtil andeutet. Warum sehen wir keine Autos? Warum flucht Will so sehr, als er das Ei runterschmeißt? Warum tauschen die Kinder beim Schuleschwänzen Orangen gegen Tortillas? Warum lässt die Frau, die eine geheime Apotheke betreibt, die zum Tausch angebotene Whisky-Flasche nicht mehr los, und wieso steht plötzlich der unangenehme Proxy-Gouverneur Snyder (Peter Jacobsen) in der Küche der Bowmans, um Speck zu braten? Es beginnt wie eine Stephen-King-Geschichte, in der das Grauen erst allmählich hervortritt. King selbst befand in einem Tweet, die Serie sei „schlau, spannend, subversiv und anregend“. Und dass der Widerstand von „Geronimo“ angeführt wird, mag als zarter Hinweis darauf dienen, dass Amerika für die Ureinwohner durchaus ein besetztes Land ist.

          Serientrailer : „Colony“

          Colony läuft immer mittwochs um 20.15 in Doppelfolgen auf TNT-Serie.

          Quelle: F.A.Z.

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