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Tim Renner im Gespräch : Wie das Amt die Rebellion organisiert

  • Aktualisiert am

Tim Renner in seinem Büro in der Berliner Brunnenstraße Bild: Andreas Pein

Abwarten hält er für eine gute Sache. Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner im Gespräch über Claus Peymann, Chris Dercon, die Simulation und andere Probleme der Verwaltung.

          Herr Renner, man wirft Ihnen vor, keine Vision zu haben. Haben Sie eine?

          Ohne Idee von der Richtung, in die wir gehen wollen, hätte ich mich auf dieses Abenteuer niemals eingelassen. Nirgendwo ist Kultur spannender als in Berlin. Das zu gestalten und der Vielseitigkeit Raum zu geben, ist eine großartige Aufgabe. Also habe ich meine Firma, die ganz gut lief, verlassen, um in der Position des Kulturstaatssekretärs neue Perspektiven mit einzubringen.

          Was ja eher eine Vision für Tim Renner ist. Nicht unbedingt für Berlin.

          Ich glaube, es gilt für mich und die Stadt, wir beide haben miteinander zu tun. Nirgendwo sonst gibt es so gute Bedingungen, Neues zu entwickeln, Kunst in einem Spektrum von Gedenkkultur bis Digitalisierung zu denken. Berlin ist zudem eine Stadt, die weit über Deutschland hinausstrahlt. Auf der ganzen Welt wollen die Menschen wissen: Was passiert da gerade, was bewegt sich in Berlin?

          Okay, das ist der Befund. Was ist die Vision?

          Erst aus dem Befund, einer vernünftigen Analyse ergibt sich die Idee. Die Stärke der Stadt besteht darin, dass man hier ausprobieren kann, was anderswo nicht geht, ohne Angst, vor allem ohne Angst vor dem Scheitern. Diese Haltung wiederum spielt in dieser Stadt eine besonders große Rolle. Die ganze Stadt und ihre Kultur leben aus einer Idee von sich selbst. Und sie muss Ideen ermöglichen, ausprobieren, entwickeln. Es ist unser Job und unsere Vision, diese Freiheiten zu fördern und zuzulassen.

          Das tut ja jeder in Berlin, der was mit Kultur und Medien macht. Jeder, der keiner geregelten Arbeit nachgeht. Die Behörde dagegen, braucht die eine Vision? Oder braucht sie eher Geld? Und ein anständiges Management?

          Typische Frage eines Süddeutschen. Es ist eben auch das Verdienst jener Leute, die vielleicht Ihrer Meinung nach nichts Vernünftiges, weil nichts Geregeltes tun, dass Berlins Kultur sich so einzigartig entwickeln konnte. Und anders als im Rest der Republik wächst die Wirtschaft in Berlin seit 2002 kontinuierlich, und zwar auch wegen unserer Kulturszene.

          Die Frage war ja eher: Braucht die Behörde eine Idee? Oder soll sie managen, organisieren?

          Das eine geht nicht ohne das andere. Wenn man mit Geld unterstützt, wenn man gute Leute nach Berlin holen will, dann sollte man sowohl eine Idee haben, wohin man will, als auch wissen, wie man dort hinkommt.

          Und das war der Auslöser für all die Beschimpfungen, die Gerüchte, die jetzt in Berlin herumgeistern: Chris Dercon, früher Chef des Hauses der Kunst in München, zurzeit bei der Tate Modern in London, soll Intendant der ruhmreichen Volksbühne werden.

          Ich habe auch davon gehört. Dieses Gerücht wird ausgesprochen gern kolportiert.

          Dercon dementiert es nicht. Wenn man ihn um ein Interview bittet, schreibt er: Wartet ab!

          Ich finde, abzuwarten ist generell eine gute Sache, wenn die Dinge sich klären müssen. Es ist interessant, wie heftig schon auf Basis eines Gerüchts diskutiert wird, vom „Guardian“ über „Le Monde“ bis zu deutschen Zeitungen. Gut so.

          Sind das nicht Taschenspielertricks? Sich nicht zu äußern - und sich zugleich zu freuen über die Aufregung?

          Lassen Sie mir die Freude. Ganz offensichtlich gibt es für die Aufregung ja sehr unterschiedliche Motive. Und wenn man sich manche Wortmeldungen der letzten Tage anschaut, dann kann man daraus schließen, dass der ein oder andere schon lange nicht mehr in der Volksbühne war.

          Und Sie?

          Vor circa drei Wochen, bei der Premiere „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“, von René Pollesch und Tocotronics Dirk von Lowtzow. Ich glaube, das war etwas, was Claus Peymann wohl auch als „Event-Bude“ bezeichnen würde. Ich glaube aber nicht, dass er weiß, wer Tocotronic sind.

          Irgendwas von früher, oder?

          Die Band gibt es seit 22 Jahren, fast so lange, wie Frank Castorf Intendant der Volksbühne ist. Und so lange gibt es dort das, wovor jetzt manche warnen, wenn man von einem interdisziplinären Theater redet: Konzerte von Yoko Ono oder Patti Smith. Installationen von Gregor Schneider. Performances von Jonathan Meese. Insofern war die Volksbühne immer der Ort, an dem Berlin sich selbst definiert hat. Als eine Stadt, die auch in den Künsten vorgegebene Grenzen überwindet. Und genau das haben auch Castorf und Christoph Marthaler dort getan, und vielleicht am aggressivsten und besten Christoph Schlingensief.

          Gerade Castorf und Schlingensief hatten immer ein Bewusstsein davon, wo und wann sie wovon zu wem sprechen. Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, nebenan hat die Linkspartei ihr Hauptquartier, und die Gentrification hat den Platz noch nicht ganz erobert. Das war gewissermaßen der Standpunkt dieses Theaters. Und dann fliegt der weltläufige Herr Dercon aus London ein.

          Ich glaube nicht, dass sich Berlins Zukunft gestalten lässt nach dem Motto: Hier sind wir, und wir werden hier ewig das tun, was wir immer getan haben. Die Mauer ist nun einmal gefallen, die Mehrheit der Berliner ist erst nach 1989 hierher gekommen. Es ziehen jedes Jahr 40 000 Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin, 30 Millionen Touristen probieren die Stadt für sich aus. Berlin ist Schnittpunkt, Treffpunkt, ein Ort, dessen Reiz in der Veränderung besteht.

          Trotzdem: Gibt es nicht Traditionen hier, gerade an den Theatern, die nobel sind, sexy, die ihre Reize haben und die man nicht ohne Not kappen sollte?

          Ohne Zweifel, dem würde ich auch nicht widersprechen. Problematisch wird es, wenn jemand sagt: Ich verharre da drin, das war immer so, und jetzt darf es kein Jota anders werden. Es ist doch großartig, dass der Filmregisseur und Musiker Schlingensief sich plötzlich auch noch nebenbei als Theatermann und TV-Produzent geoutet hat. Wieso wäre dann auszuschließen, dass jemand, der Theaterwissenschaft studiert hat und Kunst-Häuser geleitet hat . . .

          . . . Chris Dercon . . .

           . . . nicht gerade einen entscheidenden neuen Impuls setzt, damit sich die Theaterwelt weiterdreht? Das wäre die Frage, wenn man dem Gerücht Glauben schenken würde. Überhaupt Gerüchte: Wer sagt denn, dass irgendjemand vorhätte, das Haus ensemblelos zu betreiben? Und wieso sollte eine Leitung zwangsläufig nur aus einer Person bestehen?

          Ist nicht das, was das kulturell Besondere in Berlin ausmacht, etwas, was sich der Steuerung durch die Behörde ohnehin entzieht: die Subkultur, die Gegenkultur?

          Berlins Stärke besteht darin, Sachen neu zu denken, Sachen zu improvisieren, Sachen aus Zwischennutzungen heraus zu machen. Und völlig richtig, das sind Sachen, die man staatlich nur sehr bedingt lenken kann. Die Funktion des Undergrounds besteht nunmal darin, etablierten Menschen wie uns, die wir hier um den Tisch sitzen, mal eben gepflegt vors Schienbein zu treten. Es ist schwer, Leute dafür zu bezahlen, dass sie einem gegen das Schienbein treten sollen. Der Staat kann schlecht die Revolution gegen sich selbst machen. Aber er kann Räume schaffen und zu erhalten versuchen, er kann Möglichkeiten schaffen, dass die Revolution zumindest geprobt werden kann.

          Wie sähe das aus?

          Ein Schwerpunkt für uns war von vornherein: Räume. Physische Orte für künstlerische Betätigung. Wie erhalte ich diese Räume, wenn die ganze Stadt sich entwickelt und verändert, wenn Mieten steigen und Räume verschwinden? Wie schließe ich neue Nutzungen auf? Auf welchen öffentlichen Liegenschaften findet denn eine kulturelle Nutzung schon statt? Es gab hier bislang kein Kultur-Kataster. Wir haben eines erstellt und können uns jetzt, wenn solche Liegenschaften auf den Markt sollen, dazwischenwerfen und sagen: Das ist was für die Kunst. Über einen Atelier-Beauftragten, oder in Zukunft über einen Raum-Beauftragten, können wir schneller vermitteln zwischen Eigentümern und kultureller Nutzung, zum Wohle beider.

          In dem Moment, wo es einen Atelier-Beauftragten gibt, ist das Ende der Kunst gekommen.

          Quatsch. Das wäre der Fall, wenn die Stadt Inhalte, nicht Räume vermitteln würde. Das Berliner Erfolgsmodell einer Atelierförderung wird mittlerweile ja zum Beispiel auch in Paris und anderen Metropolen verfolgt. Es braucht einen Art Makler für genau die Leute, die sich mit der Bildenden Kunst beschäftigen und Arbeitsräume brauchen, Räume suchen, die und in denen sie gestalten. Wir beginnen zudem damit, die Fördermechaniken umzustellen.

          Oh je. Die Kunst der Gremien, Jurys, Stipendien. Obrigkeitskunst.

          Auch anerkannte Rebellen haben den Wunsch, sich möglichst wenige Gedanken über den Lebensunterhalt machen zu müssen. Und ich glaube, in dem Moment, wo eine Stadt davon lebt, dass es hier Leute gibt, die Sachen anders denken, ist das ja auch ein fairer Deal. In München wäre das komisch. München lebt nicht davon, dass man gegen München rebelliert.

          Kann man nicht vielleicht im Gegenteil sagen, dass in Berlin der Gegner und das Gegenüber fehlt für eine Avantgarde? Es gibt hier kein Bildungsbürgertum.

          Das wurde im Dritten Reich teils ermordet oder vertrieben, oder wir haben es später auch teilungsbedingt an andere Regionen verloren. Aber braucht es dieses Feindbild des Bildungsbürgers heute überhaupt? Der Gegner in Berlin lebt nicht in Zehlendorf. Der Gegner in Berlin wird irgendwo in der Globalisierung, in Sachen gesehen, die amorph werden, die überall gleich sind, die keine Identitäten, die keine Heimat mehr geben.

          Der Soziologe Francesco Masci sagt in seinem Buch „Die Ordnung herrscht in Berlin“, dass die Kultur selbst der Feind sei. Das Widerspenstige sei im Grunde antipolitisch. Inszenierung, Simulation.

          Vielleicht ist Berlin moderner als andere Städte, und man hat hier längst erkannt, dass die Simulation etwas Reales hat. Vieles, was wir erleben, ist nur Simulation. Ganze Computerwelten bauen darauf. Da sind wir längst auf einer anderen Ebene des Erlebens, fast schon bei neuen Definitionen des Lebens.

          Kann es sein, dass Berlin normaler wird? Weniger attraktiv?

          Die Zahlen sprechen gegen diese Vermutung: Von den 120 000 Menschen, die in den letzten drei Jahren neu nach Berlin gekommen sind, ist der größte Anteil jung, haben mehr als 60 Prozent einen Hintergrund, der nicht deutsch ist. Und mehr als die Hälfte dieser Menschen, die reinströmen, schreibt sich selbst einen kreativen Background zu. Da kommt nach wie vor ein unglaublicher Schub in die Stadt.

          Hoffen wir, dass das Wörtchen „kreativ“ irgendwas bedeutet.

          Die erfolgreichsten Regionen der Welt, wie zum Beispiel im Silicon Valley, definieren sich über dieses Wort. Es bedeutet zumindest für denjenigen was, der es gebraucht. Der hat - und wenn er sich nur damit schmücken will - in dem Moment eine Verbindung zu sich selbst. Er hat ja einen Grund, weshalb er es sagt. Kultur braucht ein Biotop, auf dem Kunst, egal welche, gedeihen kann.

          Kreativsein, glaube ich, heißt, in schlecht eingerichteten Büros zu viel Cola saufen und drauf warten, dass endlich die rettende Idee kommt. Viele Leute glauben, Kreativsein heißt, mit einer lustigen Frisur durch Neukölln gehen.

          Umgekehrt gefragt: Trägt der Mensch mit geregelter Tätigkeit im Büroturm mehr zu seiner Stadt bei? Egal, ich drücke beide an mein Herz: Den Menschen, der mit einer Cola auf eine gute Idee wartet, genauso wie den mit der lustigen Frisur. Beide können zu einem Labor Berlin beitragen.

          Die Fragen stellten Claudius Seidl und Mark Siemons.

          Quelle: F.A.S.

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