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Tim Mälzer im Praxistest Kochkunst gibt's nicht

24.06.2006 ·  Er betreibt das Gruppenkochen als soziales Faulenzen. Verlierer dabei sind die Zuschauer, die das Kochen verlernen, ohne es zuvor gelernt zu haben. Was den Fernsehkoch Tim Mälzer so erfolgreich macht.

Von Jürgen Dollase
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In einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“ stellte Tim Mälzer kürzlich Vermutungen darüber an, warum seine Fernsehauftritte so beliebt sind: „Vielleicht auch einfach, weil ich ein Proll bin“, hieß es da klarer, als man es selbst zu formulieren wagte. Wäre also auch der Meister des scheinbar übersichtlichen Schnellkochens einer jener Menschen, die an der Dekultivierung des Abendlandes arbeiten, an einer Diktatur des Prolletariats?

Man würde Mälzer Myriaden von Ungenauigkeiten und etliche Lieblingswörter („schweinelecker“) verzeihen, wenn er dabei hülfe, die kulinarischen Prolls aufzuhalten. Das Zeug dazu hätte er: Seine Popularität ist groß. Für Mälzers Kochvorführungen im Hamburger Congreßcentrum gab es sogar einen Ticket-Schwarzmarkt. Mit dem Buch „Born to Cook 1“ (erschienen 2004) hat er die größte Auflage im titelreichen Kochbuchmarkt erzielt - etwa 800.000 Exemplare fanden bislang Käufer. Mälzer hat vor allem in der Mittelschicht Erfolg, also dort, wo man sonst auf Bildung achtet. Gibt es vielleicht Widersprüche zwischen Image und Realität?

Im Windschatten Jamie Olivers

Mälzer ist fünfunddreißig Jahre alt, hat Abitur und einen Architekten als Vater. Seine Kochlehre wurde 1994 gekrönt durch den Gewinn des Achenbach-Preises für Nachwuchsköche. In einigen interessanten Restaurants, vornehmlich in London („Ritz“, „Neal Street Restaurant“), hat er gearbeitet. Eines aber darf man nie vergessen: Das Phänomen Mälzer ist in erster Linie als Kopie des - noch jüngeren - britischen Kochstars Jamie Oliver entstanden, dessen vor zehn Jahren einsetzenden Erfolg Mälzer und die Verantwortlichen beim Fernsehsender Vox offensichtlich genau studiert haben. Seit Dezember 2003 gibt es bei Vox von Montag bis Freitag „Schmeckt nicht, gibt's nicht“, und es ist alles so gekommen, wie es kommen sollte.

Was immer das Original anstellte - Mälzer folgte ihm auf dem Fuße. Oliver kocht mit Gefangenen; Mälzer verkündet ähnliche Absichten. Oliver macht ein Restaurant zusammen mit arbeitslosen Laien von der Straße auf und daraus auch eine sehr erfolgreiche Fernsehsendung („Jamie's Kitchen“); Mälzer kommt mit dem gleichen Konzept in diesem Herbst auf den Sender. Mälzer kocht, gleichfalls wie Oliver, scheinbar recht einfach, mit viel Show-Gehabe und tüchtig „human touch“. Wie die meisten seiner Kollegen setzt er auf das Rezept „Einfach, aber genial“ und verkauft es einem Publikum, das in der Regel gar nicht weiß, was denn in der Küche als „genial“ gelten könnte.

Schwungvoll im Gewürzeinsatz

Über seine Kochleistungen und die Qualität der Rezepte muß man nicht viel sagen. Sie entsprechen mit allerlei mediterranen und asiatischen Elementen dem zeitgenössischen Mainstream. In seinem Restaurant „Weißes Haus“ in Hamburg ist das nicht anders als vor den Kameras; man neigt als Kritiker zu der - durchaus positiv gemeinten - Bewertung „eßbar“, von einigen Problemen beim schwungvollen Gewürzeinsatz einmal abgesehen (siehe auch: Tim Mälzers Restaurant: „Das Weiße Haus“ in Hamburg).

Zum Phänomen Mälzer gehört auch, daß die Beobachter darüber streiten, ob überhaupt jemand nach diesen Rezepten kocht, ob die Bücher nicht lediglich nur verschenkt werden oder ob es tatsächlich lustig und nicht vielmehr traurig ist, jemandem zuzusehen, der sich zum Affen macht (was Mälzer nach eigener Aussage nicht stört). Fest steht jedenfalls, daß seine Vorstellungen von Essen und Kochen auf fruchtbaren Boden fallen. Vieles bei Mälzer reduziert sich auf resolute Aussagen. „Schmeckt nicht, gibt's nicht“ weist diesen Zug ebenso auf wie das Konzept seines Restaurants, in dem gegessen wird, was auf den Tisch kommt, also keine Speisekarte existiert. Bei Mälzer wird nicht verklausuliert geredet, bei Mälzer wird verkündet, was Sache ist, daß man - zack! - dies nicht brauche und - zack, zack! - jenes viel zu kompliziert sei, wo doch alles - nochmals zack! - mit ein paar pfiffigen Zutaten in Sekundenschnelle erledigt werden könne. Diese einfachen Lösungen korrespondieren trefflich mit den Erwartungen einer vom komplexen Leben ermatteten Mittelschicht, die nun auch beim Essen endlich das Simple wiederfinden will.

Kerners Faulenzer

Außerdem haben Mälzer und seinesgleichen nach langen Jahren kulinarischer Fernsehbetulichkeiten endlich Schick in die Sache gebracht. Mälzer wirkt dabei trotz Meinungsfreudigkeit antiautoritär bis leicht anarchisch - jedenfalls im Verhältnis zum Koch-Establishment. Tatsächlich aber regieren in seinen Sendungen eine alles wegwischende Autorität und grobe Vereinfachungen. Aber hat nicht jede Form der intellektuellen Betätigung für die meisten Menschen etwas furchtbar Zähes und Anstrengendes?

Wirklicher kulinarischer Kompetenzerwerb? Da schüttelt es die geplagte Mittelschichtseele, die in ihrer sozialen Überorganisation einfach keinen Termin mehr frei hat. Aber es gibt da noch einen Ausweg. Auch er wird von Mälzer und seinesgleichen emsig angeboten. Die Wissenschaft kennt dafür den Begriff des „Social loafing“, des sozialen Faulenzens - eine Erscheinung, die längst experimentell gesichert ist. Ein Faulenzer dieser Provenienz sucht eine Gruppe und verlagert mögliche individuelle Anstrengungen auf sie. Irgendeiner wird es schon richten, man ist eben ein Team, und kochen in Gesellschaft ist ja nun wirklich lustig - Kerner sei's geklagt. Die Kochgruppe ist die logische Fortsetzung der Krabbelgruppe.

Kochkunst gibt's nicht

Vor dem Hintergrund der Lage von Essen und Ernährung in individueller und gesellschaftlicher Sicht muß man Mälzer und seinesgleichen ernsthafte Absichten, die über persönlichen Nutzen hinausgehen, leider absprechen. Der Grund für eine solch nüchterne Einschätzung ist eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung: Die Verteidiger und vor allem die vielen, die mit Mälzers Kunst kokettieren, banalisieren deren Auswirkungen. Hier wird nicht einfach nur locker in der Gegend herumgekocht, sondern hier wird auf massive Art und Weise der Diskurs rund um das Essen bestimmt. In dem Maße, wie sich durch die einseitige mediale Vergrößerung der Olivers und Mälzers dieser Welt eine bestimmte Sehweise auf die Eßkultur durchsetzt, werden alle anderen zurückgedrängt - zumal nennenswerte Unterstützung für eine qualitativ intensivierte Kochkunst kaum noch auszumachen ist.

Das so menschenfreundlich und spielerisch daherkommende Vereinfachen a la Mälzer leidet an fehlendem Kompetenzerwerb, verstärkt eine Defunktionalisierung von Essen und Eßkultur und läßt das Kochen verlernen, bevor man es überhaupt erlernt hätte. Tim Mälzer füllt seine Rolle überdies noch besser aus als sein Vorbild Jamie Oliver, dessen deutsche Synchronstimme den Engländer noch fahriger erscheinen läßt, als er ohnehin schon spricht. Mälzer dagegen wirkt durchweg sympathisch. „Gute Nacht, Tim-Boy“, hauchte die Gesprächspartnerin am Ende des erwähnten Interviews dem deutschen Koch hinterher. Was kann ein armer Junge schon anderes tun, als Rock'n'Roll in der Küche zu machen?

Quelle: F.A.Z., 23.06.2006, Nr. 143 / Seite 45
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