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Till Brönner als Sänger : Fusion ist ja kein Verrat

  • -Aktualisiert am

Till Brönner hat siebzehn Alben veröffentlicht und fünf Echos der Kategorie „Jazz national/international“ gewonnen, obwohl er nicht singen kann. Bild: Andreas H. Bitesnich

Der Jazz von Chet Baker ist drogenzerrüttet, der von Miles Davis melancholisch. Aber der Jazztrompeter Till Brönner besingt in seinem neuen Album das gute Leben.

          Junge Jazzhörer haben es nicht leicht. „Meine Rebellion war, die Musik durchzuhalten, die keiner gut fand außer mir“ – so hat der 1971 geborene Till Brönner seine prägende Jugenderfahrung beschrieben. Wer aber die Gefahr wittert, dass seine Lieblingsmusik zur Beschallung für Außenseiterexistenzen wird, der möchte raus aus der Nische. Der entwickelt eine Liebe zum Publikum. Der will Till Brönner werden – der erfolgreichste deutsche Jazzmusiker seiner Generation, der große Säle füllt und vom amerikanischen Präsidenten zum International Jazz Day eingeladen wird.

          Im April holte der Jazzliebhaber Barack Obama fünfundvierzig lebende Legenden ins Weiße Haus, darunter Herbie Hancock, Wayne Shorter, Pat Metheny, Diana Krall und, als einziger Deutscher, Till Brönner. Viel Ehre. Und doch ist jedes neue Album des Trompetenvirtuosen eine Zitterpartie. Wird es wieder eine lauwarme Smooth-Jazz-Dusche geben? Wird er wieder allzu bekannte Filmmelodien behutsam anblasen, wird er sich wieder ein fadenscheiniges lateinamerikanisches Soundgewand überstreifen? Wird er gar – selbst singen?

          Wenn böse Zungen aber lästern, dass Brönner in jedem Fahrstuhl seine Trompete auspacke, dann haben sie nicht richtig zugehört. Sein Spiel besticht durch makellose Phrasierung und lakonische Prägnanz, durch die Leichtigkeit und den Einfallsreichtum, mit denen er Melodien variiert und Harmonien akzentuiert. Beim Brönner-Bashing ist auch viel Neid im Spiel. Wer als deutscher Jazzer für Mini-Gagen in Mini-Clubs spielt, will zumindest den wahren Spirit für sich und seinesgleichen reklamieren.

          Raus aus der Nische

          Über den ewigen Grabenkrieg zwischen Avantgardisten und Ausverkäufern lächelt Brönner, Erfolg macht freundlich. Er sieht sich in der Tradition des amerikanischen Jazz-Mainstreams. Vorbilder wie Chet Baker, Freddy Hubbard oder der Gitarrist Wes Montgomery haben mit Smooth-Jazz-Alben ihre besten Verkäufe erzielt. Auch Miles Davis wollte raus aus der Nische für akademische Besserhörer und ist am Ende wieder zu einem alten, erfolgreichen Rezept des Jazz zurückgekehrt: dem Veredeln von Popsongs und Gassenhauern.

          Brönner, der wechselnd in Berlin-Charlottenburg und Los Angeles lebt und eine Professur an der Musikhochschule Dresden innehat, betreibt auf seinen Alben schulmäßigen Jazz-Historismus. Mal rollt er die Fusion-Klangtapeten der achtziger und neunziger Jahre aus („Midnight“), mal rekonstruiert er den schwülen CTI-Sound der siebziger Jahre, komplexe, von leichten Funk- und Soulelementen geprägte Arrangements mit mehreren Bläsern, Streichern und dem charakteristischen Fender Rhodes E-Piano – so auf dem vor vier Jahren erschienenen Album „Till Brönner“, seinem bisherigen Meisterwerk, das sich allerdings weniger gut verkaufte.

          Wenn er singt, dann sinkt er

          Nun also der Purismus der fünfziger Jahre. Das Album „The Good Life“ (Masterworks/Sony), das heute erscheint, bietet überwiegend ruhige Standards aus dem amerikanischen Songbook, aufgenommen mit akustischen Instrumenten in gut traditioneller Spielart und mit großer Dezenz: Der Walking-Bass von John Clayton kommt wie auf Socken dahergeschlichen, Jeff Hamilton am Schlagzeug rührt die Besen, tüpfelnd legt der Pianist Larry Goldings die Harmonien aus, Anthony Wilsons Gitarre schrubbelt versonnen. Die Trompete klingt fabelhaft, sie atmet. Wäre die Aufnahme nicht so transparent und klangschön produziert, man könnte meinen, dieses Album sei vor sechzig Jahren entstanden.

          Neues Album : Till Brönner spielt „The Good Life“

          Von aufregenden Neuinterpretationen der alten Songs kann allerdings nicht die Rede sein. Und leider: Bei acht von dreizehn Stücken singt Brönner, denn Instrumentalmusik verkauft sich schlechter. Aber wenn Brönner singt, dann sinkt er. Seine Stimme ist dünn und beinahe geschlechtslos, ein womöglich gewollter Kontrast zur Emotionalität des Trompeten- und Flügelhornspiels. Da ist nichts vom erotischen Timbre des Frauenschwarms zu spüren, als der sich Brönner ja gern auf den Fotostrecken zu den Alben in Szene setzen lässt.

          Die meisten der Lieder auf „The Good Life“ gehörten auch zum Repertoire Frank Sinatras. Keine so gute Idee, mit dem charismatischen Crooner in Konkurrenz zu treten. „I may be wrong, but I think you’re wonderful“ – es ist nicht leicht, einer solchen Swing-Sentenz Charakter aufzuprägen. Brönner streut bloß fade Zuckrigkeit darüber. Nur bei einem Lied passt es: In dem sehr cool und zurückgelehnt gespielten „I’ll Be Seeing You“, wo der Gesang erst nach zweieinhalb Minuten einsetzt, als wäre er nur eine Laune, um der Trompete mal ein wenig Luft und Entwässerungsmöglichkeit zu verschaffen.

          Tiefenentspannt und sicher

          So nuanciert und eindringlich Brönner auch Trompete spielt, nie bekommen seine Linien jene verzehrende Melancholie, für die ein Miles Davis berühmt wurde. Er klingt niemals tieftraurig, sondern immer tief entspannt. Das wird im Vergleich mit einem Davis-Klassiker besonders deutlich, Gershwins „I Loves You, Porgy“, neben dem Titelstück immerhin das schönste Instrumental auf „The Good Life“. Völlig fremd ist Brönner die schneidende Aggressivität von Miles Davis; sein Ausdrucksspektrum ist viel schmaler.

          Überhaupt mag man das Gebrochene, Zerrissene bei dem smarten Erfolgsmusiker vermissen. Er ist eben kein drogenzerrütteter Chet Baker, der nach einem längeren Gefängnisaufenthalt plötzlich mit einem Meisterwerk aus der Versenkung kommt; der alle Zähne verliert und dann mit künstlichem Gebiss wider Erwarten so hinreißend spielt wie nie zuvor. Für solche Mythen von der Schönheit, die aus dem Kaputten kommt, ist der Disziplinmensch Brönner mit seiner intakten Biographie nicht zu haben. Er hat sich, für alle Fälle, seine Zähne und Lippen hoch versichern lassen.

          Quelle: F.A.Z.

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