Wang Dan, einer der Studentenführer von 1989, hatte die Chinesen aufgerufen, an diesem Tag die Trauerfarbe Weiß zu tragen. Doch im Pekinger Straßenbild ist die Farbe heute nicht signifikant viel häufiger zu sehen als in diesen heißen Wochen überhaupt. Auch sonst sind die Symbole unter Kontrolle. Wer, wie die meisten jüngeren Pekinger, keine Ahnung hat, was vor zwanzig Jahren passiert ist, dem dürfte nicht Besonderes an diesem Tag aufgefallen sein.
Der Platz des Himmlischen Friedens ist wie immer voller Menschen. Dass viele von ihnen Sicherheitsleute in Zivil (Blue Jeans) sind, die sich gleichwohl durch kleine Abzeichen als solche zu erkennen geben, kommt auch sonst manchmal vor, desgleichen, dass viel uniformierte Polizei präsent ist. Wer auf den Platz will, wird heute mit Detektoren abgetastet, muss Taschen und Ausweis zeigen. Inhaber eines Journalistenvisums werden meist nicht durchgelassen.
Die ideologischen Instrumente zeigen
Den Älteren, die sich an 1989 erinnern und die die Zeichen lesen können, wurde in der „Beijing Ribao“, einer Tageszeitung der örtlichen Partei, die Lage schon letzte Woche erklärt: „Der Tiananmen-Bezirk ist das Gebiet mit der höchsten Dringlichkeitsstufe für die Arbeit der Stabilitätserhaltung in der Hauptstadt, und in der Tiananmen-Abteilung des städtischen Amts für öffentliche Sicherheit überwachen Liu Qi und andere städtische Führer die Sicherheitssituation an Schlüsselpunkten rund um den Platz.“ Wer nichts weiß, braucht auch nichts zu wissen, und wer weiß, braucht keine nähere Erläuterung. Deshalb erwähnen die chinesischen Medien die Niederschlagung der Studentenbewegung am 4. Juni mit keinem Wort, und wo sich im Internet eine Diskussion entfalten könnte, sind in diesen Tagen die Seiten gesperrt. An diesem 4. Juni 2009 macht die „Beijing Ribao“ mit der Nachricht auf, dass der Pekinger Polizei ein schöner Coup gelungen ist: Sie konnte 393, 5 Kilogramm beschlagnahmtes Rauschgift vernichten. Die Hauptnachrichten des staatlichen Fernsehsenders CCTV 1 berichten über die Produktionsfortschritte in einem Autowerk und über die Kampagne „Harmonisches Xinjiang“.
Dann aber kommt plötzlich doch eine Würdigung des „Zwischenfalls“, die aber als solche nur verstehen kann, wer ohnehin Bescheid weiß. Eine Studentin der Pekinger Tsinghua-Universität erscheint und sagt: „Wir stehen vielen geistigen Herausforderungen gegenüber, und es kommt darauf an, aktiv darauf zuzugehen.“ Sie sagt das über eine neue Kommentarreihe, in der die Parteizeitung „Renmin Ribao“ und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua erklären, „warum China den Marxismus als seine Leitideologie gebrauchen muß“, „warum China auf dem Sozialismus bestehen muss und nicht Kapitalismus und Demokratie einführen darf“, „warum China kein Mehrparteiensystem einführen kann“, „warum China keine Gewaltenteilung einführen darf“, „warum der Staatssektor weiterhin notwendig ist“ und „warum China seine Öffnungspolitik fortführen muss“. Viele chinesische Diskussionen, auch innerhalb der Partei, sind über diesen Doktrinarismus längst hinaus, doch an einem solchen Tag hielt es die Führung offenbar für nötig, noch einmal die ideologischen Instrumente zu zeigen.
Das Fuck-off-Zeichen Ai Weiweis
Vor ausländischem Publikum schiebt die englischsprachige Parteizeitung „Global Times“, die schon einen Artikel über die Entwicklung der Intellektuellen seit 1989 gebracht hatte, heute noch einen Grundsatzbeitrag nach. Ein Professor vom Institut für Strategische Studien sagt: „Wenn man ein historisches Ereignis wie den Zwischenfall vom 4. Juni analysiert, darf man sich nicht in Details verlieren.“ Das große Bild aber, so legt der Artikel nahe, bestehe darin, dass der Wohlstand seit damals stark gewachsen sei und sich China keinen Tumult erlauben könne.
Nichtstaatlichen Elementen sind Anspielungen daher streng untersagt. Liu Suli, ein 89er-Demonstrant, wurde aufgefordert, die Blumen und Kerzen, die vor seinem Buchladen im Pekinger Universitätsviertel die römischen Ziffern VI und IV bildeten, wieder wegzuräumen. Eine Ausnahme ist wieder mal Ai Weiwei. In seinen Blog schreibt er: „Lasst uns den 4. Juni vergessen, vergesst diesen gewöhnlichen Tag. Das Leben hat uns gelehrt, dass unter dem Totalitarismus jeder Tag gleich ist. In einer totalitären Gesellschaft ist jeder Tag ein Tag, es gibt keinen ‚anderen Tag’, kein ‚Gestern’ oder ‚Morgen’.“ Dazu hat er eines seiner alten Schwarzweiß-Fotos gestellt, auf dem er vor dem im Dunst liegenden Tiananmen-Platz das Fuck-off-Zeichen macht.