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Thronjubiläum von Elisabeth II. Ein Herz und ein Hühnercurry

 ·  Mit einem frugalen Dinner feierte das verarmte Nachkriegsengland die Krönung seiner jungen Königin. Heute, nach sechzig Jahren, hat sich alles in England geändert. Nur die Queen nicht.

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© REUTERS Zeitlos schön und würdig: Pietro Annigonis Porträt von Elisabeth II. von 1953

Pochiertes Huhn in Currymayonnaise mit Aprikosenpüree klingt nicht gerade nach einem Festmahl für eine frisch gekrönte Königin, aber genau diese „Poulet Reine Elizabeth“ getaufte Speise wurde den ausländischen Delegierten nach der Krönungszeremonie am 2. Juni 1953 gereicht. Die königliche Gesellschaft delektierte sich indessen an Consommé Royale und Filet de Boeuf Mascotte - mit Artischockenböden garniertes Rinderfilet. Als Beilage zum gelben Hühnerfleisch gab es gutbürgerlichen Reissalat mit Erbsen, gewürfelter Gurke, gemischten Kräutern und Vinaigrette. Das Essen wurde zubereitet von Absolventinnen der Haushaltsschule für höhere Töchter nach einem Rezept von deren Direktrice. So setzte sich der englische Sinn fürs Praktische gegen raffiniertere kulinarische Ambitionen durch.

In einer Zeit, in der manche Lebensmittel, darunter Fleisch, noch immer rationiert waren, stand das Geflügelgericht für Nachkriegsbescheidenheit; billig und unkompliziert. Passend zum ersten großen Ereignis des beginnenden Fernsehzeitalters - in den Wochen vor der Krönung wurden zwei Millionen neue Geräte verkauft, und die Zuschauerzahl übertraf erstmals das Hörfunkpublikum -, ließen sich die mundgerechten Stücke bequem mit dem Teller auf dem Schoß vor dem Bildschirm essen. Zudem brachte Curry einen Hauch des ehemaligen Kolonialreichs auf den Teller. Im Lichte der Entkolonialisierung aber sollte die Inthronisierung auch die Einheit des Commonwealth unter der Ägide der jungen Monarchin betonen. Manche sahen dagegen das feierliche Gepränge als eine Art letzter Zapfenstreich für die alte imperiale Weltordnung.

Olivenöl nur in der Apotheke

“Poulet Reine Elizabeth“ ist als „Coronation Chicken“ in die Kochbücher eingegangen und erfreut sich, wie die fünfziger Jahre überhaupt, nicht nur dank des diamantenen Thronjubiläums einer Retrobeliebtheit. Wie alle Rückgriffe spiegelt auch dieser ein ironisch gefärbtes Bedürfnis, Vergangenes zurückzuholen. Die sahnige Geflügelspeise ist emblematisch für den Wandel, den der Lebensstil in den sechzig elisabethanischen Jahren erfahren hat. 1952 gab es Olivenöl nur in der Apotheke zu kaufen und im Kräuterregal höchstens getrocknete Petersilie. Es ist bezeichnend, dass die Kochbuchautorin Elizabeth David mit Margaret Thatcher, Rupert Murdoch, Prinzessin Diana, George Best, Tim Berners-Lee, Charles Saatchi und dem seines Rittertitels enthobenen Banker Fred Goodwin zu den sechzig Figuren zählt, die laut einer Historikerjury der BBC die zweite elisabethanische Ära prägten.

Elizabeth David, während des Zweiten Weltkriegs in Ägypten und Indien, staunte 1946 nach ihrer Rückkehr, wie in England das miserable Essen mit „freudlosem Triumph“ aufgetischt wurde, „aus dem so etwas wie Hass auf die Menschheit und ihre Bedürfnisse sprach“. Mit ihren Erinnerungen an die mediterrane Küche leitete sie eine Revolution in die Wege, die das Kulinarische übertraf: Ihre Öffnung zum Kontinent ermutigte europhile Briten, die zuvor gefürchtet hatten, dass „die Krönung ein gigantisches britisches Festival der Isolierung“ werde, wie Sebastian Haffner damals schrieb.

England sei ein Land, das sich mit wenig zufrieden gebe, berichtete der 1933 aus Göttingen geflohene Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner seiner Frau und fluchte über die ungeheizten Häuser. Ausländer besäßen eine Seele, die Engländer stattdessen Understatement, witzelte der ungarische Humorist George Mikes. Der deutsch-jüdische Beirat riet Emigranten aus Hitler-Deutschland zur Diskretion: „Der Engländer legt sehr viel Wert auf Bescheidenheit, Understatement und Unauffälligkeit in Kleidung und Benehmen. Er schätzt gute Manieren weit mehr als sichtbare Beweise des Wohlstandes.“

Zwanzig Pfund Wochenlohn für Fußballer

Ein klassisches Beispiel dafür liefert das Jahresheft eines der führenden Jungeninternate, das Anfang der vierziger Jahre in der Rubrik über ehemalige Schüler zu Archibald Wavell, damals Oberbefehlshaber der britischen Armee im Nahen Osten, schrieb, er habe „seine Sache in Nordafrika gut gemacht“. An dieser Grundhaltung hatte sich im Krönungsjahr nichts geändert. Sie ging mit einer heute kaum vorstellbaren materiellen Bescheidenheit einher: Bis 1961 lag der Höchstlohn für Fußballspieler bei zwanzig Pfund in der Woche; George Cohen, der rechte Außenverteidiger der siegreichen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft von 1966, erinnerte sich später, wie peinlich es ihm mit siebzehn gewesen sei, fünfzig Pfund netto im Monat nach Hause gebracht zu haben, wo der Vater für eine Vierzigstundenwoche bloß zehn bis zwölf Pfund brutto verdiente.

Der durchschnittliche Hauspreis betrug im Krönungsjahr 2000 Pfund. Inzwischen ist er landesweit auf mehr als 160 000 Pfund eskaliert und liegt in London mit 360 721 Pfund außerhalb aller Möglichkeiten normal verdienender Erstkäufer.

Die Wertentwicklung von Immobilien und ihre Auswirkung auf das gesellschaftliche Gefüge behandelt John Lanchesters jüngst erschienener Roman „Capital“. In der Tradition von Dickens und Trollope zeichnet er ein treffendes und unterhaltsames Bild der nationalen Befindlichkeit unmittelbar vor der Kreditkrise 2008. Er fixiert den Blick auf eine gewöhnliche Südlondoner Straße, Pepys Road, deren Bewohner wie durch Zauber reich geworden sind, weil die kleinbürgerliche Gegend plötzlich für Finanzleute attraktiv geworden ist. „Ein Haus in Pepys Road zu besitzen war wie in einer Spielbank zu sein, wo der Sieg garantiert war. Wenn man bereits dort lebte, war man reich. Wenn man dort hinziehen wollte, musste man reich sein.“ Das sei in der Geschichte ohne Vergleich, schreibt Lanchester. „Britannien war ein Land von Siegern und Verlierern geworden, und alle Menschen, die in der Pepys Road wohnten, hatten gewonnen, bloß weil sie dort lebten.“

Entmännlichung von Wählern und Aktionären

Mit der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, mit Macht und Ungleichheit im heutigen Britannien befasst sich auch Ferdinand Mounts Betrachtung „The New Few or A Very British Oligarchy“, die umso mehr auffällt, als der Autor ein ehemaliger Mitarbeiter Margaret Thatchers und Konservativer ist. Er bezeichnet Britannien am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts als „eine schwabbelige, korrodierte Art von liberaler Demokratie, in der die Oligarchen freien Lauf genießen“. Er führt die unselige Konzentrierung von Macht und Reichtum in den Händen einer kleinen Elite auf die Entmännlichung von Wählern und Aktionären zurück, auf die schwindende Bedeutung des Parlaments und die Degradierung der kommunalen Politik, mit der Folge, dass Regierung und Vorstandsetagen in eine Art parallele Welt abgedriftet seien, wo finanzielle und politische Macht eins werden und Firmenchefs sich das Vielhundertfache des Durchschnittsgehalts ihrer Angestellten gönnen, selbst dann, wenn die Unternehmensleistung es nicht rechtfertigt. Mount zählt zwei von der Allgemeinheit losgelöste Gruppen - oben die Oligarchen, unten die machtlose Unterklasse -, wodurch die Gesellschaft gebrochen sei wie nie zuvor.

Die Reichenliste, die die „Sunday Times“ seit einigen Jahren veröffentlicht, ist symptomatisch für die Geldbesessenheit unserer Zeit. Um als moderner Brite zu gelten, müsse man wohlhabend sein, behauptete Mikes zu Beginn der sechziger Jahre, als die Nachkriegsarmut ausgestanden war. Doch seien die Engländer eigentlich bescheiden, daher die Regel, den Reichtum manchmal bis hin zur Heuchelei zu verstecken. Selbst zu falscher Bescheidenheit rafft sich heute niemand mehr auf. Anders als in der alten Klassengesellschaft bestimmt das Vermögen den sozialen Status. Statt Herkunft zählt Geld. Damit lässt sich die gute Schulausbildung kaufen, die den Weg in die Hochschulen ebnet, der vielen Begabten, aber finanziell geringer Gestellten durch die Abschaffung der Gymnasien erschwert wird.

Die Strecke des glanzvollen Wasserumzugs, der die Nation am kommenden Sonntag wieder vor den Bildschirm vereinen wird, knüpft nicht nur an Geschichte und Tradition der alten Seemacht an. Sie ist wie eine Zeitachse mit Markierungen, die den Wandel der letzten sechzig Jahre sichtbar machen. In den fünfziger Jahren war Londons Hafenverwaltung der größte Arbeitgeber der Hauptstadt. Stahl, Kohle, Schiffsbau und die Textilverarbeitung beherrschten die Produktion des Landes. Die traditionellen Industriezweige sind dem Dienstleistungssektor gewichen, der fast achtzig Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. An beiden Ufern der Themse bezeugen die neuen Bürotürme und die zu teuren Lofts umgebauten Lagerhäuser die Umpolung. Der gewaltige eduardianische Palast des ehemaligen Großlondoner Stadtrats erinnert an die von Mount beklagte Kastrierung der Kommunalverwaltungen, die Festival Hall an die Zukunftshoffnungen, die 1951 im Festival of Britain Ausdruck fanden. Die postmoderne Zentrale des Auslandsgeheimdienstes, vor dem Londons Philharmonic Orchestra am Sonntag als eine von mehreren anspielungsreichen musikalischen Begleitstücken die James-Bond-Titelmelodie spielen wird, symbolisiert die größere Öffnung der britischen Gesellschaft und ihrer Strukturen.

Verpestete Luft, zensiertes Theater, erlaubte Todesstrafe

Als Elisabeth II. den Thron bestieg, gab es noch die Todesstrafe, Homosexualität war verboten, Theater wurde zensiert, und die Luft war derart verpestet, dass die Smogkatastrophe vom Dezember 1952 12 000 Londoner das Leben kostete. Damals kamen 4,8 Prozent der Kinder unehelich auf die Welt, heute beträgt die Zahl 46,8 Prozent. 1952 wurden 33 922 Ehen geschieden, 2010 hatte sich diese Zahl mehr als verdreifacht. Frauentaillen waren damals wegen der anstrengenderen Hausarbeit fünfzehn Zentimeter schmaler, und das Pfund von 1952 wäre jetzt 24,34 Pfund wert. In diesem Zeitenwandel ist die Königin eine Konstante geblieben.

Tancredis Leitspruch, dass sich alles ändern müsse, um gleich zu bleiben, erwies sich in Lampedusas „Der Leopard“ als Illusion. Die alte sizilianische Ordnung wurde innerhalb einer Generation weggefegt. Hingegen hat es Elisabeth II. verstanden, die Monarchie durch sanfte Anpassung und die Aufrechterhaltung aus der Mode gekommener Tugenden wie Selbstlosigkeit, Hingabe und Pflichtbewusstsein zu bewahren. Trotz der invasiven Medien ist sie eine Leitfigur geblieben, die ihre eigene Person stets hinter die Institution zurückstellt. Sie ist uns vertraut, aber wir kennen sie nicht. Diese Ungreifbarkeit hat Gerhard Richter in seinem verschwommenen Bildnis aus dem Jahr 1966 wunderbar erfasst. Trotz der extremen Unschärfe ist sofort klar, wen die Lithographie darstellt. Auf der Balance zwischen Distanz und Nähe beruht der Erfolg der Monarchin, deren Leistung Britannien in den nächsten Tagen zu Recht feiert.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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