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Thomas Bernhard Mit einem Zeigefinger nur

 ·  Unaufhörlich stach er mit dem Zeigefinger durch die Luft, als wolle er die verkommene österreichische Gesellschaft in die Tiefe stürzen. Heute wäre er achtzig geworden: der Dichter Thomas Bernhard.

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Naturgemäß ist es in Wien gewesen. Am helllichten Tag. Vor fünfundzwanzig Jahren. Da war er gerade fünfundfünfzig. Der dramatische Dichter war womöglich zuvor mit dem zwar dramaturgischen, aber desto theaternärrischeren Kunstrezitator Hermann Beil auf der Sulzwiese ein Wiener Schnitzel („Ein gutes Schnitzel“) essen oder mit dem zwar theaternärrischen, aber völlig verblödeten („Den ganzen Shakespeare an einem Abend!“) Burgtheaterdirektor Peymann eine Hose kaufen gegangen oder hatte im Café Bräunerhof sich darüber geärgert, dass er nicht ins Ambassador gegangen war, wobei, wäre er ins Ambassador gegangen, er sich nach dem Bräunerhof gesehnt hätte – was aber überhaupt keine Rolle gespielt haben würde. Denn jetzt, an diesem helllichten Wiener Tag, war der dramatische Dichter ausschließlich mit Fingerstechen beschäftigt. Wie umflort von einem naturgemäß unterirdischen Licht, tauchte er hinter der Staatsoper auf, die er zwar als die widerwärtigste Sängervernichtungsanstalt der Welt verachtete, unter deren zur Albertina hin gelegenen, mit scheußlichen, allein der Sängervernichtung architektonisch dienenden, säulengestützten Arkaden er aber nun wie gehetzt hineilte.

Und unaufhörlich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch die Luft über dem Kopf einer mit ihm gehetzt eilenden Frau einstach. Als wolle er ihr als Weltverbesserer einen Traktat zur Vernichtung der Welt diktieren, bevor sie ihm Nudeln mit Schinken zuzubereiten hätte („Das Ei weich, die Sauce süß, süß die Sauce“), oder als wolle er ihr („Dein einziger Reiz ist dein Hustenreiz“) das Theatermachen austreiben, weil jedweder Theatermacher naturgemäß unterm Rad der Geschichte zermalmt wird, bevor er noch ins Theater hineinkommt, oder als wolle er sie dazu zwingen, als reine Kunstmaschine, mit der allein das Theater auszuhalten sei, so lange die Arie der Königin der Nacht zu singen, bis die Sängervernichtungsanstalt, als die sich die Staatsoper allen Ignoranten und Wahnsinnigen naturgemäß nie zu offenbaren traue, in sich zusammenfalle, oder als wolle er ihr die notwendige Ausrottung der absolut verkommenen nationalsozialistischen und katholischen österreichischen, naturgemäß völlig verrotteten Heldenplatzgesellschaft vor Augen führen, die, versammelt auf einem maroden Balkon am Opernring, mit diesem („Alle tot!“) in die Tiefe stürzen könnte. Das war Thomas Bernhard, wie er wirklich lebte. Mit einem Zeigefinger nur. Er starb wenige Jahre später. Heute wäre er achtzig geworden. Die Oper steht noch. Er fehlt.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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