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Thomas Bernhard in Frankfurt : Heimreise ins Reich des Schreckens

  • -Aktualisiert am

Auf der Kiste der Erinnerung: Vincent Glander als junger Thomas Bernhard im Frankfurter „Willen zur Wahrheit“ Bild: Birgit Hupfeld

Im Anfang war das Wort: Eine Hommage an Thomas Bernhards Lebensromane im Frankfurter Schauspiel, unter Oliver Reeses Regie vorgetragen von fünf fabelhaften Schauspielern.

          Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt“: In fünf autobiographischen Bänden bekämpfte Thomas Bernhard die Stummheit - die drohende seiner Krankheit zum Tode, die von Konventionen und Denkfaulheit verordnete, die Gleichgültigkeit. „Nur der Schamlose schreibt“, notierte er. Wie in seinen Romanen und Theaterstücken zeigte Bernhard schamlos das Grauen des Lebens, das „naturgemäß den Selbstmordgedanken auslöst“. Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese brachte nun unter dem Titel „Wille zur Wahrheit“ ein szenisches Komprimat der fünfbändigen Selbstbekenntnisse zur Uraufführung.

          Wahrheit? „Aus Lüge wird Wahrheit“, heißt es bei Bernhard. Wie als Theaterautor trieb er auch in der Selbstanalyse seine Erkenntnisse und Erfahrungen so sehr auf die Spitze, dass Goethes an Retuschen nicht gerade armes Werk „Dichtung und Wahrheit“ sich dagegen wie ein Polizeibericht ausnimmt. Fünf Lebensstationen stellt Reese, analog der Werkausgabe, vor. Alle funkeln vor bösem Witz, pechschwarzer Verzweiflung und schildern Lebensschauplätze als klaustrophobisches Kaleidoskop - vom Geburtsort Traunstein, „Vorhölle mit Bergluft“, über die „Todeskrankheit Salzburg“, wo ihn die Abfolge erst nationalsozialistischer, dann erzkatholischer Dressur als Gymnasiasten und später Handelsgehilfen geistigen und körperlichen Folterungen unterzieht, bis er sich mit Tuberkulose infiziert, die ihn in diverse Bergsanatorien, sprich: Höllen zwingt.

          Man stelle sich vor, man sei im Theater

          Entsprechend die Menschenmonster, denen er ausgeliefert ist: die Mutter, die ihm - „du bist mein Unglück“ - nie seine uneheliche Geburt verzeiht und ihm die Ähnlichkeit mit dem „Vaterschuft“ mittels Ochsenziemer ausprügeln will; der Meister, ein menschenschindender tückischer Kleinkrämer; pfuschende Ärzte; bösartige Mitpatienten. Vom allgemeinen Bestiarium hebt sich nur der Großvater ab, vergöttert als jede Unart des wilden Buben gutheißender Anarchist, der aber die Unverfrorenheit hat, ihn, den plötzlich Todkranken, infolge eines Infarkts im Stich zu lassen. Doch haben alle diese Albtraumszenen auch ihre grotesken, komischen Seiten. Und sein Hass auf die österreichische Saturiertheit taugt auch zum Spiegel unseres Widerwillens gegen hiesige Verhältnisse. Seine krasse Egozentrik schlägt um in erschütternd allgemeingültige Bilder vom Ausgeliefertsein des Einzelnen an Zwang, Schikane, Neid, Tücke, Hilflosigkeit.

          Und das in genial verschachtelten, These und Antithese vereinenden Sätzen, in einer Sprache, die süchtig machen kann. Aber wie bringt man die für die Kopfbühne des Lesers berechneten Wortkaskaden auf die Theaterbühne? Oliver Reese vertraut da ganz auf Bernhard: „Wenn man meine Arbeiten aufmacht, ist es so: Man soll sich vorstellen, man ist im Theater.“ Die Rechnung geht auf - drei Stunden hört man gefesselt den Monologen von fünf Schauspielern zu, lacht, mal amüsiert, mal vor Abscheu, hält ergriffen den Atem an, entspannt sich für einige Minuten, um dann wieder zu erstarren - wenn die maliziös geschilderten Parallelen zu Thomas Manns „Zauberberg“ von beißend drastischen Schilderungen der modernen Apparatemedizin abgelöst werden.

          Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt

          Dabei geschieht - nichts. Im Eckausschnitt eines vom Boden bis zur Decke weiß gekachelten Saals - zwischendurch lässt Bühnenbildner Hansjörg Hartung ein fahles Salzburgpanorama über die Wände geistern - treten fünf Personifikationen des Autors nach vorn und erzählen. Den Anfang macht Bettina Hoppe, im blauen Einreiher, weißem Hemd und mit zurückgestrichenen Haaren Bernhard verblüffend ähnlich. Erstes Lachen, als sie virtuos wie ein Kunstpfeifer Mozart trillert. (Hat Bernhard eigentlich je Ilse Werner, die „Reichspfeife“ von 1938, in seine ätzenden Abrechnungen mit dem Dritten Reich und dessen Fortleben einbezogen?). Kalt, beherrscht gibt die Schauspielerin den Cicerone, der einen ersten Abriss aller Schrecken liefert, eine anfangs nüchterne Bilanz, die allmählich Furor weicht. Ihr folgt, pubertierend kurzbehost, Victor Tremmel. Auch er, vom Beiseite-Sprechen bis zum Wutschrei, ein Virtuose des Dosierens. Ihm hilft sein leiser österreichischer Tonfall, ebenso wie Josefin Platt, die, von Kostümbildnerin Elina Schnizler mit Halskrause, weißem Seidenanzug und kalkweißem Gesicht zum schillernden traurigen Pierrot stilisiert, der Theatralik ihr Recht gibt. Ihr Part ist die Verzweiflung des Todkranken, die schreiende Not, ins Sterbezimmer abgeschoben zu werden, die selbstgerechte hämische Freude, davongekommen zu sein, die gleich darauf ein Blutsturz zunichtemacht.

          Vincent Glander, hager mit schwarzem Anzug und Hut, stakst gleich einem Todesboten auf die Bühne, der abrechnet mit der menschenverachtenden Fließbandmedizin und, kreischend vor Lachen, selbstquälerische Komik der Todesangst in Wortkaskaden sprudeln lässt. Am Ende Peter Schröder als gealterter Bernhard, der sich an die frühe Kindheit erinnert. Schröder liefert, ein wenig Pantomime inbegriffen, ein Bravourstück aus rührendem Heimweh und wütender Desillusionierung.

          Einige wenige Requisiten, etwas Pantomime, etwas Kunstblut und ab und an Musik - das sind die bewährten, von Reese perfekt eingesetzten Grundmittel des Theaters. Den Abend aber - „gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide“ - trägt das Wort. Waren das wirklich drei Stunden? Man muss nicht den gängigen Bernhard-Kult teilen, um nach Reeses Inszenierung in Thomas Bernhard einen zur Kenntlichkeit verzerrten Tasso des zwanzigsten Jahrhunderts zu sehen. Berechtigt begeisterter Applaus.

          Quelle: F.A.Z.

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