26.06.2010 · Der Wissenschaftler Slavoj Zizek ist eine der gefragtesten Größen in der internationalen Kongresswelt mit interdisziplinärer Anlage. Um gewagte Vergleiche ist er dabei nicht verlegen, im Gegenteil. Jüngst dachte er über die Radikalität Hitlers nach.
Von Lorenz JägerEs gibt in den Geisteswissenschaften, dort, wo sie in eine operettenhafte, geschwätzige, vaguement intellektuell und künstlerisch ambitionierte Boheme übergehen, ein Zauberwort, das immer zieht: „Theorie“. Merkwürdigerweise wählt man den Singular, obwohl die Sache einem Kessel Buntes ähnelt: Marx muss dabei sein (Engels empfiehlt sich weniger: zu konkret!), eine Prise Feminismus, auch eine Art Psychoanalyse mit Postkolonialismus - und schließlich sollte bei dem Unternehmen am Ende herauskommen, dass der Gegenstand, der zu behandeln war, eine „soziale Konstruktion“ ist.
Grell, teurer Freund, ist alle Theorie; in den Vereinigten Staaten lautet in diesem Fall das höchste Lob, die vorgetragene Ansicht sei „sexy“. Auf internationalen Kongressen interdisziplinärer Anlage mit möglichst unbestimmten Titeln funktioniert das meist sehr gut. Und gleich erkennt man eine weitere Eigentümlichkeit der hier gemeinten Theorie - sie lässt die Frage nach einem spezifischen, reellen Gegenstand nicht zu, sie ist stets und notwendig eine Theorie von allem Möglichen. Nach einer handhabbaren These kann man lange suchen. Innovationen in diesem Bereich beschränken sich auf eine Permutation der immer gleichen Bausteine: Hegel, Lacan, Butler; Butler, Lacan, Hegel.
Dinge, die man nicht kennt
Wie farbige Scherben im Kaleidoskop fallen die Namen und bilden dann hübsche Muster. Man kann dabei nichts falsch machen, solange es nur radikal klingt; Theorie ist das wahrhaft utopische Spiel, bei dem jeder gewinnt. Und nichts davon geht in die wirkliche Forschung ein. Slavoj Zizek ist an dieser Geister-Börse, die an sich eine einzige Blase ist, einer der gefragtesten Werte. Sehr sexy war sein Kunstgriff, auch Lenin ins bunte Spiel zu bringen. Radikal! Am Wochenende spricht Zizek in Berlin bei einem Kongress an der Volksbühne: „Idee des Kommunismus. Philosophie und Kunst“. Aber der Theoretiker hatte sich beim Sexy-Potential verschätzt, als er schrieb: „Hitler war nicht radikal genug.“ In der deutschen Ausgabe fehlte der Satz.
Ungläubig fragte die „taz“ gestern im Interview bei Zizek nach. Ob er vielleicht nur provoziert habe? Nein. „Wirklich fundamentale Gewalt bedeutet, waghalsig zu sein und grundlegende soziale Beziehungen zu verändern.“ Hier aber habe Hitler, der nur den Kapitalismus habe retten wollen, versagt: „Hitler war ein Feigling.“ Man kann sich aufregen, wenn man mag, aber es lohnt nicht. Kritik an diesem ganzen Theorie- und Kongresswesen wäre so fruchtbar wie die an irgendeinem anderen internationalen Bankett. Wir wollen eher Zizek das letzte Wort geben: „Als Theoretiker hat man das Recht, über Dinge zu schreiben, die man nicht kennt.“ Eben.
Zizek redet Blödsinn - mehrfach.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 26.06.2010, 21:15 Uhr