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Suhrkamp-Umzug : Radikale Schnitte

Wunschdenken: Botschaften am Literaturhaus Frankfurt Bild: Florian Sonntag

„Frankfurt ohne Suhrkamp - na und?“ Unter diesem Motto stand eine Diskussion im Frankfurter Literaturhaus. Es war der Versuch der Stadt, sich von ihrer emotional besetzten Verbindung zum abtrünnigen Verlag zu lösen.

          Wenn man in Zukunft den Tag bestimmen will, an dem sich Frankfurt von seiner emotional besetzten Verbindung zum Suhrkamp Verlag löste, wird man sich an den Valentinstag des Jahres 2009 erinnern müssen. Es war der Tag, an dem man im Literaturhaus nach Antworten auf Fragen suchte, die sich Frankfurt seit der Ankündigung des Umzugs nach Berlin eine Woche zuvor stellen. Fragen wie die, warum sich die Geschäftsführung für den Gang nach Berlin entschied, ob der Umzug wirklich glatt vonstattengeht und wie sich das sitzengelassene Frankfurt dazu verhalten soll.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Frankfurt ohne Suhrkamp – na und?“ lautete der Titel der Podiumsdiskussion. Die Wörter hinter dem Bindestrich nutzten einige Diskussionsteilnehmer für Sticheleien. Den Staub einer Stadt, in der man sich eine solche Frage gestatte, könne sich ein Unternehmen, das etwas auf sich halte, zu Recht nur von den Füßen schütteln. Über Trotz und Verzagtheit im von Suhrkamps Trennungsfreude schwer getroffenen Frankfurt wurde ebenso gesprochen wie über lokalen Standorthochmut, der zuletzt dazu führte, dass man den Umzugsdrang der Deutschen Börse in das nahe gelegene Gewerbesteuerparadies Eschborn zu spät bemerkte. Der Frankfurter Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler schloss die Veranstaltung im sehr gut besuchten Lesesaal mit der Bemerkung aus dem Publikum, Frankfurt glaube, gekränkt sein zu dürfen. „Das kann nur daran liegen, dass es glaubt, Suhrkamp verdient zu haben.“ Der Stadt, die ihn mit lauten Massenveranstaltungen und gesperrten Innenstadtflächen nervt, wollte Ziegler hingegen nur eine „eingezäunte Kultur“ zugestehen: „In der Zivilisation hat Frankfurt ein paar Schwächen.“

          Es droht eine Schwebepartie

          Bis zu diesem Zeitpunkt war es den Teilnehmern der Diskussion auf dem Podium allerdings eher um die Schwächen in Suhrkamps Umzugsentschluss gegangen. Bislang gebe es zum Weggang des Verlags nicht mehr als die Absichtserklärung einer Mehrheit der Gesellschafter, sagte der langjährige SWR-Literaturredakteur Martin Lüdke, der die Diskussion moderierte. Seiner Ansicht nach werde diese Erklärung gesellschaftsrechtliche Auseinandersetzungen nach sich ziehen, die den Umzugsplan auf Jahre hinaus in eine „Schwebepartie“ verwandeln könnten. Für Suhrkamp befürchtete Hubert Spiegel, Redakteur dieser Zeitung, in diesem Fall viele schlechte Schlagzeilen, unter Umzugsvorbehalt verschobene Entscheidungen und abwandernde Autoren.

          Arno Widmann, Martin Lüdke, Hubert Spiegel, Andreas Maier und Felix Semmelroth (v.l.); verdeckt: Eva Demski und Wilhelm Genazino
          Arno Widmann, Martin Lüdke, Hubert Spiegel, Andreas Maier und Felix Semmelroth (v.l.); verdeckt: Eva Demski und Wilhelm Genazino : Bild: Florian Sonntag

          Ausdrücklich verteidigen mochte das Votum der Geschäftsführung für Berlin nur der in Frankfurt lebende Suhrkamp-Autor Andreas Maier. Er sah den Aufbruch an einen neuen Verlagsort als Teil einer von Ulla Unseld-Berkéwicz mit „recht beeindruckender Konsequenz“ verfolgten Strategie der „translatio Unseldi“. Die Verlegerin begleite die Verlagstradition mit „radikalen Schnitten“. Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, wie Maier für den Preis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nominiert und mit Frankfurt ebenfalls eng verbunden, wies auf das Recht des Unternehmers hin, sich aus ökonomischen Gründen zu verändern. Der hohe symbolische Wert, den seine Frankfurter Anhänger dem Verlag zusprächen, dürfe nicht nur zur „Totenstarre des Objekts“ und dem „Wehklagen der Verlassenen“ führen.

          Radikale Kritik

          Zur radikalen Kritik an Suhrkamp sah sich Martin Lüdke, einer dieser Verlassenen, gezwungen. Er wandte sich mit der Bemerkung an den Frankfurter Kulturdezernenten Felix Semmelroth, der Verlag erwecke den Eindruck, als habe die Stadt ihm gegenüber „seelsorgerische Pflichten“ vernachlässigt. Auf einen Einwurf von Suhrkamp-Autorin Eva Demski entgegnete Lüdke, er ertrage es nur schwer, dass der Verlag der Frankfurter Schule sich nun so geriere, als sei der Umzug aus Frankfurt nur deshalb unausweichlich, weil der „Pfarrer nicht rechtzeitig auf der Schwelle gestanden“ habe.

          Demski nahm Lüdkes Bedauern über das Verschwinden der „alten Zeiten“ dagegen vor allem als generationenspezifisches Bedauern über den „Verlust der eigenen Jugend“. Wenn Suhrkamp, schon immer „eine Mischung aus Kathedrale und Irrenhaus“, es in Berlin wieder schaffe, Wahrheiten nicht nur abzubilden, sondern auch zu machen, sei das ein Grund zur Freude. In Frankfurt habe Suhrkamp diese Rolle allerdings schon seit Jahren nicht mehr gespielt, sagte Arno Widmann, Feuilletonchef der „Frankfurter Rundschau“ – „Wenn wir hätten weinen wollen, hätten wir das schon vor langer Zeit tun müssen.“

          Das dürfte die Verlagsmitarbeiter im Publikum kaum getröstet haben, an deren Zerrissenheit zwischen Arbeitgeber und Wohnort Wolfgang Schneider erinnerte. Während der Suhrkamp-Lektor und Betriebsratsvorsitzende mit der Geschäftsführung seit Freitag Sozialplanverhandlungen führt, bleibt den Frankfurter Verlegern die Bemerkung Semmelroths, er könne sich auf dem demnächst stadteigenen und für kurze Zeit Suhrkamp angebotenen Gelände des Börsenvereins am Großen Hirschgraben auch ein Verlagshaus vorstellen. Ein paar Literaturakteure hat Frankfurt noch.

          Quelle: F.A.Z.

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