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Skandal in Italien : Dieser Preis war überheiß

  • -Aktualisiert am

Der diesjährige Träger des Premio Grinzane Cavour: Imre Kertész Bild: AP

Der „Premio Grinzane Cavour“ ist eine kulturelle Institution Italiens, in diesem Jahr geht der Literaturpreis an Imre Kertész. Nun aber sitzt der Präsident der Initiative in Untersuchungshaft: Er soll fast eine Million Euro für eigene Zwecke abgezweigt haben.

          Weit über das Piemont hinaus ist der „Premio Grinzane Cavour“ eine kulturelle Institution. Seit 1982 verleiht eine Stiftung den prestigiösen Literaturpreis, unter anderen an so unterschiedliche Kaliber wie Primo Levi oder Michael Crichton. In diesem Jahr soll der Nobelpreisträger Imre Kertész im wunderschönen Schlösschen von Grinzane unweit der Nutella-Metropole Alba mit dem Preis ausgezeichnet werden.

          Vorher aber hat die Initiative einen schweren Schlag hinzunehmen: Seit letztem Donnerstag sitzt der Präsident Giuliano Soria in Untersuchungshaft. Anfangs wurden dem mächtigen Kulturmanager von eigenen Angestellten sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Bei der jüngsten Vernehmung im Gericht von Turin jedoch kam nun das ganze Ausmaß des Schlamassels an den Tag: Soria soll aus den sechs Millionen Euro öffentlicher Subventionen für sein verwickeltes Gebäude von Literatur-, Gastronomie-, Garten-, Jugend- und Drittweltpreisen mehr als neunhunderttausend Euro für eigene Zwecke abgezweigt haben.

          Die eigene Residenz ausgebaut

          Giuliano Soria, der als Übersetzer aus dem Spanischen eher klein angefangen hatte und inzwischen Ehrenbürger von Salamanca, französischer „Chevalier des Arts et Lettres“ und Honorarprofessor in Rom geworden ist, trat augenblicklich von seinen Funktionen als Leiter der Grinzane-Stiftung zurück und weist die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, vorzugsweise eines aus Mauritius stammenden Hausangestellten, vehement zurück. Mit den entfremdeten Summen sieht es noch schlechter aus. Teilweise hat Soria eingeräumt, seine fünfhundert Quadratmeter große Residenz in Turin pompös mit Geldern ausgebaut zu haben, die dann mit Quittungen als Aufwendungen für den Literaturpreis abgerechnet wurden. Soria hält neben seiner Wohnung in Turin noch Quartiere an der Riviera und in Paris. Sein Bruder Angelo, der bei der Provinz Piemont teilweise für die Abrechnungen zuständig war, steht mittlerweile im Fadenkreuz der Ermittlungen.

          Nachträglich betrachtet, kann man die innerfamiliäre Erfindung und Verwaltung des Preises „Grinzane Cavour“ im reichen, doch kulturell etwas unterbelichteten Trüffelgebiet der „Langhe“ südlich von Turin als Sorias Geniestreich bezeichnen. Zu den gastronomisch unterfütterten Jurysitzungen und Preisverleihungen im Kastell von Grinzane, wo auch der weltweite Gourmet-Orden der Trüffelfreunde seinen Sitz hat, kamen Intellektuelle aus aller Welt immer gern angereist. Die hauseigene Statistik Sorias spricht von insgesamt vierhundert prämierten Autoren und achthundertdreißig involvierten Intellektuellen und Kritikern, die bei nicht weniger als zweiundachtzig italienischen und sechsundvierzig ausländischen Tagungen Literatur und gutes Leben allzeit zu verbinden wussten. In den letzten Jahren zählten Autoren wie Javier Marías, Fernando Savater und Ryszard Kapuscinski zu den Preisträgern. In der von dem Marokkaner Tahar Ben Jalloun präsidierten Jury für 2009 finden sich – neben naturgemäß Soria selbst – illustre Namen wie Peter Schneider, Alain Elkann und Luis Sepúlveda.

          Zum Wohl des Preises

          Vor den Richtern beteuerte der Inhaftierte, er habe wohl private und öffentliche Mittel verquickt, doch sei dies alles letztlich zum Wohl des Grinzane-Preises geschehen, der für Soria „eine Art eigenes Kind“ darstelle. Der Kindsvater, nach dessen privaten Ersparnissen nun in diversen europäischen Steuerparadiesen gefahndet wird, soll auch das Schloss seines Geburtsortes Costigliole d’Asti mit Literaturgeldern aufwendig ausgebaut haben. An der Finanzierung des Laudatoren-Imperiums, das am Schluss nicht weniger als sechsundzwanzig höchst disparate Unter- und Nebenpreise sowie Schulprojekte umfasste, sind neben dem Kulturministerium in Rom und der Region Piemont auch zahlreiche Unternehmen und Banken aus der Gegend beteiligt.

          Wie es mit dem „Grinzane Cavour“ ohne den findigen Spiritus Rector weitergeht, ist einstweilen ungewiss. Soria hatte vor seiner Inhaftierung selbst davon gesprochen, bei seinem Lieblingskind handele es sich „immer weniger um einen Preis und immer mehr um eine kulturelle Bewegung“. Der „Premio Grinzane“ sei längst über das Piemont hinaus ein „kultureller Motor“ europäischen Zuschnitts geworden. Am überhöhten Spritpreis dieses Motors droht die Institution nun zugrunde zu gehen.

          Quelle: F.A.Z.

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