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Selbstversorgung : Feng Shui gegen das Gerümpel des Kapitalismus

Thoreaus Holzhaus: Fünfzehn Quadratmeter passiver Widerstand Bild: AP

Wenn selbst Amerika in der Wirtschaftskrise das Sparen lernt, wird es Zeit, über alternative Lebensformen nachzudenken. Für den Ausstieg in die eigene Blockhütte gibt es bereits eine Anleitung: Thoreaus „Walden“ ist der Klassiker der Selbstversorgung.

          Unter den Büchern, welche die Voraussetzungen der aktuellen Wirtschaftskrise treffend beschreiben, ragt eines nicht nur wegen seines Alters, sondern auch methodisch heraus. Der Autor, Henry David Thoreau, versucht gar nicht erst, die im östlichen Amerika erkannten Probleme zu lösen, sondern will sie durch eine alternative Denk- und Lebensweise schlicht zum Verschwinden bringen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Welcher Biographie verdanken wir diese selten radikale Systemdistanz? Böse Zungen behaupten: einem amerikanischen Faulpelz aus dem neunzehnten Jahrhundert, dessen Vater gute Stifte machte. Seine zahlreichen Bewunderer finden dagegen, er verkörpere das wahre Amerika.

          Zeitlos und inspirierend

          Thoreau kommt als Sohn eines Bleistiftfabrikanten in Massachusetts zur Welt, studiert in Harvard, verdingt sich als Privatlehrer, freier Journalist, Landschaftspfleger und zieht sich, weil er keine feste Anstellung findet, für zwei Jahre in eine selbstgebaute Blockhütte an einem See nahe seiner Heimatstadt zurück. Sein Selbstversorgungsexperiment protokolliert er in dem Buch „Walden; or, Life in the Woods“, das sich unter den Krisenbüchern, die uns derzeit ansprechen, trotz seines Alters von hundertfünfundfünfzig Jahren, zeitlos und inspirierend wie kein zweites liest.

          Wirkungsmächtiger Faulpelz des 19. Jahrhunderts: Henry David Thoreau

          In Amerika ist Thoreau aus dem kollektiven Bewusstsein nie verschwunden. Grundlegend beeinflussen seine Schriften die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger sowie die Hippie-, Friedens- und Umweltbewegung der siebziger und achtziger Jahre. Bis heute gilt er als einer der meistzitierten amerikanischen Autoren - und die Frequenz der Thoreau-Verweise nimmt deutlich zu, wie allein eine Suchanfrage auf der Homepage der „New York Times“ offenbart. Ein Blogger ist Thoreaus Beispiel dort sogar ganz praktisch gefolgt und beschreibt gerade den Eigenbau einer Blockhütte in Maine.

          Eine Single-Wohnung für 28 Dollar

          Ende März 1845 leiht sich Thoreau („Es ist schwer anzufangen, ohne zu borgen“) eine Axt, begibt sich auf das zwei Meilen von der Heimatstadt entfernte, direkt am Waldensee gelegene Grundstück seines Förderers Ralph Waldo Emerson und beginnt mit dem Schlagen noch junger Weißtannen. Mitte April ersteht er eine gebrauchte Hütte, schlachtet sie aus, gräbt einen Keller und kann Anfang Mai damit beginnen, das Rahmenwerk aufzustellen. Am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, zieht er hochsymbolisch ein. Das eingeschossige Blockhaus von fünfzehn Quadratmetern (zehn mal fünfzehn Fuß) Grundfläche und drei Metern Höhe hat, wie er auf den halben Cent genau vorrechnet, etwas über 28 Dollar gekostet:

          Bretter (meistens Hüttenbretter) $ 8,03½
          Abfallschindeln für Dach und Seiten $ 4,00
          Latten $ 1,25
          Aus zweiter Hand zwei Glasfenster $ 2,43
          Tausend alte Backsteine $ 4,00
          Zwei Fass Mörtel (Das war teuer.) $ 2,40
          Haare (Mehr als ich brauchte.) $ 0,31
          Eiserner Kaminmantel $ 0,15
          Nägel $ 3,90
          Türangeln und Schrauben $ 0,14
          Türklinke $ 0,10
          Kalk $ 0,01
          Fuhrlohn (Das meiste trug ich auf meinem Rücken.) $ 1,40
          _______
          Summe $ 28,12½













          Zur damaligen Zeit entspricht das dem Monatsverdienst eines Arbeiters und knapp drei Prozent der Kosten für ein Durchschnittshaus in Neuengland.

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