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Leipziger Buchmesse : Störfall? Nicht die Bohne!

  • -Aktualisiert am

Kampf dem Dämon, dessen Name Desinteresse war: die Studentin Andrea Seidel, verkleidet auf der Messe Bild: Christoph Busse

Irritierender Eindruck in Leipzig: In Japan droht eine Katastrophe alles zu verschlingen und die Kulturträger Deutschlands wandeln phlegmatisch durch die Hallen und denken nicht daran, die Ereignisse zu spiegeln. Es gab aber auch erfreuliche Entwicklungen.

          Wie einsam sie am Ende gewesen sein muss. Ihre Untertanen: verzweifelt, krank, wehrlos. Ihre Stadt: verhüllt von der grünen Wolke, die Ninetails, der Neunschwänzige, geschickt hatte. Ein Todesdunst, der bald alle töten würde. Als Issun, der Held, den Palast erreicht, ist es schon zu spät: Himiko hat sich im Kampf mit dem Dämon geopfert.

          Für die Leipziger Buchmesse ist die Königin wiederauferstanden: Andrea Seidel, eine zwanzigjährige Studentin, verkörpert die japanische Videospielfigur mit schauspielerischer Hingabe. Im selbstgeschneiderten Kimono, mit Fächer und Strahlenkappe schreitet sie durch die Hallen. Traurig betrachtet diese Regentin die Menschen, die arglos durch die Gänge schlendern. Wissen sie nicht, dass da draußen eine Katastrophe alle zu verschlingen droht?

          Sie wissen es scheinbar nicht. Außer in der Eröffnungsrede von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der aus Christa Wolfs „Störfall“ las, kam Japan bei der Verlagsszene nicht zur Sprache. Natürlich, Serbien war offizieller Messeschwerpunkt; aber wie erklärt man die Indifferenz einer ganzen Branche gegenüber einer Katastrophe von globaler Konsequenz? War es vielleicht Pietät gegenüber den Opfern und Leidtragenden von Fukushima, die den Literaturbetrieb nur hinter vorgehaltener Hand über die Tragödie reden ließ? Warum gab es bei keiner Lesung, ob in der langen Autorennacht in der Moritzbastei oder bei den vielen Veranstaltungen in Clubs und Cafés, nicht wenigstens ein paar kollektive Schweigeminuten? Fußballer kriegen solche Rituale des Mitgefühls doch auch zustande. Warum gab es nur auf der Homepage der Messe, aber nicht bei den Sachbuchverlagen, von denen die meisten Atomkraftbücher im Programm haben, Spendenaufrufe? Und warum verzichtete die Vorsitzende der diesjährigen Buchpreis-Jury, Verena Auffermann, auf kein Klischee der Medienschelte, dafür aber auf Worte der Empathie für ein Volk, das buchstäblich am Abgrund stand und täglich darum bangt, Opfer eines weiteren GAUs zu werden?

          Indifferenz einer Branche: Auf dem Leipziger Messegelände
          Indifferenz einer Branche: Auf dem Leipziger Messegelände : Bild: dpa

          Das Zeug zum literarischen Höhenflug

          Solche Kulturträger, kann man mutmaßen, brauchen das Internet gar nicht. Sie beziehen ihr Weltwissen aus eigenhändig abgesegneten Schwarten - um die Weltlage sollen sich andere kümmern. Aber Moment, war das nicht Aufgabe von Literatur: Unsere Zeit und ihre Gefahren zu beschreiben? Unsere Probleme darzulegen, die Verhältnisse zu kritisieren?

          Selbstverständlich kann man von der Gegenwartsliteratur (noch) keine Expertise zum atomaren Fallout erwarten; aber so eine Nabelschau, wie sie die Verlagswelt gerade praktizierte, hatte man nicht erwartet. Als der schwedische Schriftsteller und Historiker Steve Sem-Sandberg bei einem Verlagsessen deutsche Journalisten fragte, was nun zentrales Thema dieser Messe sei („Japan, oder?“), da schauten alle nur betreten in die Runde.

          Blieb also noch Himiko, wie sie durch die Gänge wandelte, eine Galionsfigur der Trauer und die personifizierte Mischung aus historischer Ästhetik und Computeravantgarde. Wer ihr folgte, konnte eine Welt entdecken, die gern als Paralleluniversum abgetan wird, in der dieses Jahr aber all das zusammenkam, was man von einer literarischen, das heißt: auch politisch und kulturell engagierten Szene erwarten kann.

          Die Manga- und Anime-Kids sind die Leser und Kulturexperten der Stunde. Viele sind in dem Alter, dem Wolfgang Herrndorf in seinem Roman „Tschick“ eine wunderbare Geschichte gewidmet hat. Bezeichnenderweise ging das Werk beim Leipziger Buchpreis leer aus. Die Tatsache, dass zwei Halbwüchsige, die „endgeil“ und „voll Porno“ sagen, das Zeug zum literarischen Höhenflug haben, muss Juroren vermutlich erst noch vermittelt werden.

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