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Krisentheorie : Da staunte der Truthahn

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Trügerische Sicherheit: George W. Bush mit Truthahn Bild: AFP

Nassim Nicholas Taleb, Professor für Risikoforschung, hatte den Verlauf der Finanzkrise schon beschrieben, als sich Ben Bernanke noch in einer „Ära der Sicherheit“ wähnte. Sein neues Buch könnte zum Standardwerk einer Gesellschaft werden, die gerade die Zerstörung ihrer Lebenssicherheit erlebt.

          Ein Truthahn wird tausend Tage lang gefüttert. Jeden Tag registriert die statistische Abteilung seiner Gehirnregion, dass die menschliche Rasse sich um sein Wohlergehen sorgt, und jeden Tag erhärtet sich diese Feststellung mehr. An einem schönen Mittwochnachmittag, einen Tag vor „Thanksgiving“, erlebt der Truthahn eine Überraschung.

          Nassim Nicholas Taleb, ehemaliger Börsenhändler und Professor für Risikoforschung in New York, hat mit dieser Metapher der Debatte um die Finanzkrise eine neue Wendung gegeben. Es geht um „Überraschung!“, „Boom!“, „Surprise!“, um die Erkenntnis, dass der arme Truthahn bis zum tausendsten Tag nur Aussagen über die Vergangenheit, aber nicht über die Zukunft, und am tausendundersten Tag gar keinen Pieps mehr machen konnte. Das ist, wenn man es aus der Welt der Festtagsbraten auf die Welt der Festtagsbratenesser überträgt, eine etwas ungemütliche Vorstellung. Eine Ungemütlichkeit, die, folgt man Taleb, das Lebensgefühl nach der Krise zu werden verspricht (siehe auch: Video: Nassim Nicholas Taleb und seine Krisentheorie).

          Handbuch für zerstörte Lebenssicherheit

          Eine Vergangenheit, die konstante Renditen und Gewinne verspricht, ist eine Vergangenheit, in der es Rendite und Gewinne gibt. Nicht mehr, nicht weniger. Wer aber die Vergangenheit auf die Zukunft hochrechnet, wettet gegen überraschende oder seltene Ereignisse. Genau besehen, ein ziemliches Risiko, weil es ja gerade die Überraschungen sind, gegen die man sich wappnen will.

          Bild: F.A.Z.

          Neben dem Bankrott des Truthahns zeigt Taleb deshalb noch eine zweite Kurve. Sie zeigt nicht nur das Schicksal von IndyMay, sondern von tausend Finanzhäusern, die gegen überraschende Ereignisse gewettet haben und, so Taleb, „gerade eine Billion Dollar wegen eines einzigen Fehlers verloren haben, mehr als jemals in der Geschichte des Bankenwesens verdient wurde. Trotzdem bekommen die Banker ihre Boni weiter, und es sieht so aus, als müssten die Bürger die Rechnungen bezahlen. Und Professor Ben Bernanke, der Notenbankchef, erklärte unmittelbar vor dem Blowup, dass wir in einer Ära der Stabilität und Beruhigung leben. Er ist übrigens jetzt der Pilot des Flugzeugs, in dem wir alle fliegen.“

          Kaum eine amerikanische Zeitung, die im Augenblick den brillanten Taleb, dessen Buch „Der schwarze Schwan“ bei Hanser gerade in Deutsch erschienen ist, nicht um Auskunft bittet. Seine Theorie über „die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ ist zum Handbuch einer Gesellschaft geworden, die gerade die Zerstörung ihrer Lebenssicherheit erlebt. Weil man nur weiße Schwäne kannte, konnten sich die europäischen Gesellschaften schwarze Schwäne nicht vorstellen, bis sie eines Tages in Australien entdeckt wurden. Taleb ist es, der, weil diese Unfähigkeit in den Finanzmärkten zum logischen Gesetz wurde, mit dem Satz zitiert wird, die Herausforderung, vor der die amerikanische Gesellschaft stehe, sei nicht die der „Great Depression“, sie trete angesichts der Verarmung der amerikanischen Mittelschichten womöglich in die schwierigste Phase seit der amerikanischen Revolution ein.

          Die Sicherheit vor der Schlachtung

          Wahrscheinlich würde man dem Mann nicht so genau zuhören, wenn er nicht bewiesen hätte, dass seine Theorie des Unwahrscheinlichen zu validen Risiko-Erkenntnissen führt. Er hatte den Zusammenbruch von Fannie Mae („sie sitzen auf Dynamit“) vorausgesagt und vor dem Crash erklärt: „Die Globalisierung schafft nichts anderes als eine ineinander greifende Verwundbarkeit, bei gleichzeitiger Reduktion der Volatilität, was den Anschein von Stabilität gibt. In anderen Worten: Sie schafft verheerende schwarze Schwäne. Wir haben niemals zuvor unter der Drohung eines globalen Kollapses gelebt. Die Ökologie schwillt ins Gigantische, wenn eine zusammenbricht, brechen alle zusammen. Es stimmt, wir haben heute seltener Systemversagen. Aber wenn es geschehen wird. . . Ich zittere bei dem Gedanken.“ Geschrieben wurde das im Jahre 2003.

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