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Jean Seberg : Überleben im Schatten

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Vor dreißig Jahren vergiftete sich die Schauspielerin Jean Seberg in ihrem Auto. Ihr Mann, der Schriftsteller Romain Gary, folgte ihr fünfzehn Monate später in den Tod. Nun hat der Sohn der beiden ein Buch über seine Eltern geschrieben.

          Am 8. September 1979 wurde die Schauspielerin Jean Seberg in ihrem Wagen tot aufgefunden, vergiftet mit Barbituraten. Sie war vierzig Jahre alt. Der Wagen parkte in der Nähe ihrer Pariser Wohnung, sie lag auf dem Rücksitz, einen Zettel in der Hand: „Vergib mir. Ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven.“ Sie hatte vorher bereits mehrere Male versucht, sich das Leben zu nehmen. Einmal konnte sie gerade noch von einem Passanten gerettet werden, als sie sich vor die heranfahrende Métro stürzen wollte. Mehrmals war sie in Kliniken wegen schwerer Depressionen behandelt worden, sie war zuletzt oft geistig verwirrt und trank viel zu viel.

          Fünfzehn Monate später, am 2. Dezember 1980, erschoss sich der Schriftsteller Romain Gary, von 1962 bis 1970 mit Jean Seberg verheiratet, in seiner Pariser Wohnung. Er hinterließ folgende Notiz: „Keine Verbindung zu Jean Seberg. Liebhaber von gebrochenen Herzen werden freundlich gebeten, anderswo zu gucken.“

          Jetzt meldet sich der Sohn der beiden zu Wort. Alexandre Diego Gary hat ein Buch über seine berühmten Eltern geschrieben. Er war 17 Jahre alt, als sein Vater seiner Mutter in den Tod folgte, und für ihn standen die Selbstmorde sehr wohl in einer traurigen Beziehung. Eben erst hatte er die Mutter verloren, da verließ ihn auch der Vater: „So wie das Leben meiner Mutter die Chronik eines angekündigten Selbstmords war, so war es mir nie in den Sinn gekommen, dass er eine solche Handlung vollziehen könnte. Der Schock war umso härter. Und verheerender. Ein Ozean der Verzweiflung, der Schuld und der Scham, ihn nicht davon abgehalten haben zu können, aber wie hätte das in meiner Macht gelegen, in meinen Händen?“ So schreibt er in „S. ou l'espérance de vie“, das bisher nur in Frankreich erschienen ist, bei Gallimard, dem Verlag, in dem auch die Werke seines Vaters erschienen. Kein einfaches Buch.

          Ringen um Worte

          Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich, Satz für Satz, ein eigenes Leben erobert. Gary hat es in nur drei Monaten geschrieben, aber es liest sich nicht, als sei es ihm leicht von der Hand gegangen. Er ringt um Worte, kämpft mit seinen Erinnerungen, mit dem überwältigenden Gefühl des Verlassenseins, des Niemandseins. Und es ist der trotzige Versuch eines Sohnes, seine Eltern den Biographen und Medien zu entreißen, die so viel Falsches über sie in die Welt gesetzt hätten. „Jetzt ist es an mir, zu sprechen. Über dich, über sie, über mich. Über mich vor allem, in aller Bescheidenheit, der ganzen Erniedrigung meines Platzes. Meines Platzes als Nachkommen, als Nichts, als Weniger-als-nichts. Weder Diplomat. Noch Pilot. Noch Großschriftsteller. Einfach nur am Leben. Verzweifelt am Leben, in der Hoffnung zu leben, endlich, nach all den Jahren im Halbdunkel.“

          Alexandre Diego Gary ist heute 47 Jahre alt und lebt in Barcelona, wo er ein Café mit angeschlossener Buchhandlung betreibt. Die schwächeren Passagen seines Buchs handeln von seiner verzweifelten Sehnsucht nach Liebe, die er oft ausgerechnet in Bordellen zu finden hoffte und mit viel Alkohol zu dämpfen versuchte. Über seine Eltern schreibt er zärtlich und liebevoll, vor allem über seine Mutter, „über diese zerbrechliche Frau, deren Schönheit mir jeden Tag, jedes Jahr, das in dem Versuch vergeht, mich von ihr zu entfernen, noch funkelnder erscheint, diese großzügige Frau - krankhaft großzügig vielleicht -, die bis zu dem Punkt, sich zu ruinieren, alles gab, einschließlich ihres Körpers, wie um allen Zugang zur Schönheit zu gewähren“.

          Ein ungleiches Paar

          Sie waren ein ungleiches Paar. Der in Russland geborene Jude, Vater unbekannt, dessen ehrgeizige Mutter, mit der er als Junge nach Frankreich zog, ihm schon früh eine große Zukunft ausmalte, wie er so wunderbar in seinem Buch „Frühes Versprechen“ beschrieb (letztes Jahr in einer deutschen Neuauflage bei Schirmer-Graf erschienen). Und sie, das einfache Mädchen aus Iowa, das als 19-Jährige unter 18.000 Mitbewerberinnen von Otto Preminger ausgewählt wurde, seine „Heilige Johanna“ zu spielen. Von den harschen Kritiken zutiefst verunsichert, flüchtete sie 1958 nach Frankreich, nach Nizza zunächst, weil dies die einzige Stadt war, die sie akzentfrei aussprechen konnte. Mit ihren kurzen blonden Haaren und ihrem Aussehen eines Engels wurde sie schnell zum Star der Nouvelle Vague. Ihre berühmteste Rolle spielte sie in Godards „Außer Atem“: bezaubernder ist wohl niemand je die Champs-Élysées entlangspaziert.

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