http://www.faz.net/-gqz-yj6q

Janne Tellers verstörender Bestseller : Wie man zum Fanatiker wird

Janne Teller Bild:

Mit ihrem Jugendbuch „Nichts“ feiert die Dänin Janne Teller derzeit einen Überraschungserfolg bei Lesern jedes Alters. Die Radikalität der Geschichte begeistert die einen und verstört die anderen.

          An Jugendbücher, die Bestsellerlisten stürmen, haben wir uns inzwischen gewöhnt. Natürlich haben wir auch rasch Erklärungen für den Erfolg von J. K. Rowling, Cornelia Funke und Stephenie Meyer zur Hand: Unterkomplexe Fantasyromane seien das, die zum Eskapismus aus einer komplexen Welt einlüden. Und weil das ein Bedürfnis von Jugendlichen genauso gut wie von Erwachsenen sei, gingen die Zauber- und Vampirschinken der mittlerweile selbst zur Marke avancierten Autorinnen eben millionenfach über den Ladentisch, so in etwa.

          Jetzt gibt es ein Jugendbuch, bei dem dieses schlichte Erklärungsmodell versagt: Janne Tellers „Nichts“. Der Roman ist bereits zehn Jahre alt. In Deutschland wurde er erst wahrgenommen, als er vor wenigen Wochen im Hanser Verlag erschien und gleich darauf zweimal von der Jugendbuchjury der „Besten Sieben“ ausgezeichnet wurde. Derzeit nimmt er beim Online-Buchhändler Amazon unter den meistverkauften Titeln den zehnten Platz ein. Auch die dänische Autorin, Jahrgang 1964, die lange als Makroökonomin für die Vereinten Nationen arbeitete, bis sie 1995 ihren ersten Roman veröffentlichte, war auf dem deutschen Buchmarkt zuvor wenig präsent. Von Fantasy schließlich kann bei „Nichts“ schon gar keine Rede sein, von Wohlfühleskapismus auch nicht.

          Der Roman erzählt von einer dänischen Schulklasse auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, die, provoziert durch einen Mitschüler und dessen existenzialistische Parolen, herausfinden will, was dem Leben Bedeutung verleiht - dem jeweils eigenen Dasein ebenso wie dem großen Ganzen. Und während jener Störenfried namens Pierre Anthon tagaus, tagein auf einem Pflaumenbaum hockt und seine Mitschüler mit halbreifen Früchten und verstörenden Sätzen bewirft, treffen die sich regelmäßig in einem alten Sägewerk und liefern reihum ab, was ihnen wichtig ist und was zu verlieren sie schmerzt: die neuen Sandalen, das schöne Fahrrad, die Rollenspielbücher, die blaugefärbten Zöpfe. Den Goldhamster, den Gebetsteppich, den Kindersarg mit den Überresten des kleinen Bruders. Den rechten Zeigefinger schließlich, womit die Sache nicht mehr vor den Erwachsenen zu verbergen ist.

          Bild: Verlag

          Ein amputierter Finger

          Wer immer sich seit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe über „Nichts“ geäußert hat, wies gern auf das „Skandalöse“ hin, das diesem Buch anhafte. Von einer „perfiden Geschichte“, mit der Teller „provoziere“, schrieb Focus Online, „verstörende Fragen“ und „Brutalität“ fand die „Berliner Zeitung“ in dem Roman, die „Welt“ witterte gar einen „Skandalroman“, und der „Berliner Kurier“ porträtierte Teller (“eine freundliche, gutaussehende Frau, die viele Lachfältchen im Gesicht trägt“) unter der Überschrift: „Vergiftet ihr Buch die Seelen unserer Kinder?“

          Diese Frage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wie genau will Teller das mit dem Vergiften eigentlich anstellen, wo doch in ihrem Buch sonderlich explizite Gewaltszenen nicht zu finden sind, von Sex ganz zu schweigen? „Es war doch ganz interessant zu sehen, wie der Finger zu Fetzen und Knochensplittern wurde“, sagt die Erzählerin Agnes einmal, und das ist dann schon das Äußerste, was dem Leser an direkter Beschreibung von Gewalt zugemutet wird - schon ein flüchtiger Blick in aktuelle Jugendbücher oder -filme würde ein Vielfaches an breit ausgemalter Grausamkeit zutage fördern.

          Weitere Themen

          Bugatti aus Holz Video-Seite öffnen

          Seifenkisten : Bugatti aus Holz

          Handgemachte und exklusive Seifenkisten fertigt Frank Bankonin. Es sind Nachbauten von Oldtimern wie einem Bugatti, einem alten Ferrari oder Bentley. Damit erfüllt er die Kindheitsträume seiner erwachsenen Kundschaft.

          Topmeldungen

          Jamaika-Koalition : Der Grünstreifen am Horizont

          Vor vier Jahren haben die Grünen ihre Chance auf eine Beteiligung an der Regierung vertan. Diesmal wollen sie ernsthaft verhandeln. Das geht nur, wenn die Parteilinken mitmachen. Doch, sind die dazu bereit?
          Die britische Regierungschefin Theresa May und der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei ihrem Treffen in Brüssel.

          Treffen von May und Juncker : Jetzt aber flott!

          Das Stocken der Brexit-Verhandlungen sorgte zuletzt für viel Kritik. Nun machen Jean-Claude Juncker und Theresa May Dampf. Bis Dezember soll ein Plan für die Scheidung stehen.
          Jordi Ciuxart, Vorsitzender des katalanischen Kulturvereins Omnium Cultural, und ANC-Chef Jordi Sànchez vor dem Gerichtstermin in Madrid.

          Krise in Katalonien : Führende katalanische Separatisten inhaftiert

          Die spanische Staatsanwaltschaft hat zwei katalanische Separatistenführer festnehmen lassen. Auch gegen Polizeichef Josep Lluís Trapero wurde Untersuchungshaft beantragt, er kam gegen Kaution jedoch vorerst frei.
          „Es war eine Landtagswahl“: Merkel am Montag in Berlin

          Nach der Niedersachsen-Wahl : Runter vom Baum und Schwamm drüber

          Die Parteien, die eine schwarz-gelb-grüne Bundesregierung bilden wollen, haben bei der Niedersachsen-Wahl alle verloren. Angeblich schadet das nichts. Denn nach der Wahl ist vor der Sondierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.