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Interview: Rebecca Solnit : Das Ende des Eigenheimwahns

  • Aktualisiert am

Siedlungen sind keine Begegnungsorte mehr: Rebecca Solnit Bild: AFP

Wo wohnt die Krise? Was wird aus der Stadt? Im Westen ist der Besitz der eigenen vier Wände stets gefördert worden. Das steht jetzt auf dem Spiel, sagt die amerikanische Historikerin Rebecca Solnit - und spekuliert über die Auswirkungen dieser Entwicklung.

          Wo wohnt die Krise? Was wird aus der Stadt? Im Westen ist der Besitz der eigenen vier Wände stets gefördert worden. Das steht jetzt auf dem Spiel, sagt die amerikanische Historikerin Rebecca Solnit. F.A.Z.

          Sie beschäftigen sich mit dem politischen Raum in unserer Gesellschaft und mit der Frage von Identität und Ort. Was zeichnet für Sie einen Ort aus?

          Ein Ort wird nur in dem Maße lebendig, wie man ihn benutzt. Dichte, alternative Verkehrsangebote, Fußgänger, genug Leute auf der Straße, um sich sicher zu fühlen ... Ich glaube, diese konventionellen Eigenschaften machen einen Ort aus. Ich habe fast fünfundzwanzig Jahre lang in San Francisco in einem Stadtteil gewohnt, der als arme afroamerikanische Nachbarschaft begann und dann zu einer Gegend der weißen Mittelschicht wurde. Die Hinzugezogenen gingen nicht mehr aus dem Haus oder nur im Auto. Sie hatten gar keine Vorstellung von ihrer Nachbarschaft, der Ort hatte keinerlei urbane Bedeutung mehr.

          Rebecca Solnit
          Rebecca Solnit : Bild: Jude Mooney

          Seit Monaten berichten Journalisten täglich von der Wall Street, dennoch bleibt die Finanzkrise merkwürdig abstrakt und unsichtbar. Brauchen wir symbolische Orte, an die man gehen kann, um gegen unsichtbare Kräfte zu protestieren?

          Ja. Aber wo tut man das in einer globalen und entmaterialisierten Welt? Dank der medialen Netzwerke wäre eine Antwort: überall, mit zusammenhängenden Aktionen an vielen Orten. Aktionärsversammlungen wie die des Energiekonzerns Halliburton mussten ähnlich wie die G-8-Gipfeltreffen in entlegene, gesicherte Orte fliehen. Die jetzige Wirtschaftskrise ist aus dem starken Wunsch nach Privatsphäre und den eigenen vier Wänden entstanden. Das alte Ideal, die Welt zu verbessern, verkam zur Phantasie, das Traumhaus zu bauen. Und allzu oft wurde darin ein Weg gesehen, sich vom Gemeinschaftlichen und Politischen loszumachen. Das wurde nicht als Verlust, sondern als Privileg empfunden. In gewisser Weise wurde das Haus zum Siegeszeichen von Margaret Thatchers Ausspruch: „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“

          Ihr Buch „Hollow City“ beschreibt, wie der Aufschwung der IT-Branche im benachbarten Silicon Valley San Francisco in den neunziger Jahren veränderte. Damals wurde viel Geld in exklusive Eigentumswohnungen investiert. Bewohner mit niedrigerem Einkommen wurden verdrängt. Ist das symptomatisch für die Krise der Städte?

          Wir müssen aufzeigen und verstehen, wo in einer solchen Krise gelitten wird. Die Medien haben jetzt über die Familien berichtet, die von Zwangsversteigerung betroffen waren. In San Francisco gab es in den neunziger Jahren eine Spekulationsblase. Viele altansässige Institutionen, Gemeinschaftseinrichtungen und Menschen wurden verdrängt, was enorme Lücken in der kulturellen Landschaft der Stadt hinterließ, als die Blase platzte. Aber die Preise fielen nicht wieder, und die Stadt wurde noch unbezahlbarer, weniger vielfältig, weniger exzentrisch. Eine Wohnung zu bekommen wurde immer schwieriger, und man musste manchmal so hart dafür arbeiten, dass die Angst, sie zu verlieren, das Leben dominierte.

          Das macht Menschen einsam und allein.

          Ja, aber sich um solche Probleme der städtischen Transformationsprozesse zu kümmern, das galt unter Präsident Bush geradezu als luxuriös. Andere Themen waren aktueller, Folter zum Beispiel – nicht aber, ob ein Tanzstudio verschwindet oder Rentner aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Mir war aber immer wichtig, dass unser Protest gegen die Verdrängungsprozesse in der Stadt zum Kampf um die Basis der bürgerlichen Gesellschaft gehört, um das Fundament einer Kultur. Wenn ich mein Buch heute noch einmal schreiben würde, dann würde ich meine Aufmerksamkeit mehr auf die Profiteure des Immobilienbooms richten. Sie haben hohe Profite eingefahren und nur sehr wenig für die Stadt und ihre Einwohner getan.

          Die Förderung von Wohneigentum ist ein Ziel amerikanischer Politik, genau wie in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern. Wie konnte daraus die Hypothekenkrise entstehen?

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