http://www.faz.net/-gqz-11pkx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.01.2009, 16:38 Uhr

Interview: Rebecca Solnit Das Ende des Eigenheimwahns

Wo wohnt die Krise? Was wird aus der Stadt? Im Westen ist der Besitz der eigenen vier Wände stets gefördert worden. Das steht jetzt auf dem Spiel, sagt die amerikanische Historikerin Rebecca Solnit - und spekuliert über die Auswirkungen dieser Entwicklung.

© AFP Siedlungen sind keine Begegnungsorte mehr: Rebecca Solnit

Wo wohnt die Krise? Was wird aus der Stadt? Im Westen ist der Besitz der eigenen vier Wände stets gefördert worden. Das steht jetzt auf dem Spiel, sagt die amerikanische Historikerin Rebecca Solnit. F.A.Z.

Sie beschäftigen sich mit dem politischen Raum in unserer Gesellschaft und mit der Frage von Identität und Ort. Was zeichnet für Sie einen Ort aus?

Mehr zum Thema

Ein Ort wird nur in dem Maße lebendig, wie man ihn benutzt. Dichte, alternative Verkehrsangebote, Fußgänger, genug Leute auf der Straße, um sich sicher zu fühlen ... Ich glaube, diese konventionellen Eigenschaften machen einen Ort aus. Ich habe fast fünfundzwanzig Jahre lang in San Francisco in einem Stadtteil gewohnt, der als arme afroamerikanische Nachbarschaft begann und dann zu einer Gegend der weißen Mittelschicht wurde. Die Hinzugezogenen gingen nicht mehr aus dem Haus oder nur im Auto. Sie hatten gar keine Vorstellung von ihrer Nachbarschaft, der Ort hatte keinerlei urbane Bedeutung mehr.

solnit © Jude Mooney Vergrößern Rebecca Solnit

Seit Monaten berichten Journalisten täglich von der Wall Street, dennoch bleibt die Finanzkrise merkwürdig abstrakt und unsichtbar. Brauchen wir symbolische Orte, an die man gehen kann, um gegen unsichtbare Kräfte zu protestieren?

Ja. Aber wo tut man das in einer globalen und entmaterialisierten Welt? Dank der medialen Netzwerke wäre eine Antwort: überall, mit zusammenhängenden Aktionen an vielen Orten. Aktionärsversammlungen wie die des Energiekonzerns Halliburton mussten ähnlich wie die G-8-Gipfeltreffen in entlegene, gesicherte Orte fliehen. Die jetzige Wirtschaftskrise ist aus dem starken Wunsch nach Privatsphäre und den eigenen vier Wänden entstanden. Das alte Ideal, die Welt zu verbessern, verkam zur Phantasie, das Traumhaus zu bauen. Und allzu oft wurde darin ein Weg gesehen, sich vom Gemeinschaftlichen und Politischen loszumachen. Das wurde nicht als Verlust, sondern als Privileg empfunden. In gewisser Weise wurde das Haus zum Siegeszeichen von Margaret Thatchers Ausspruch: „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“

Ihr Buch „Hollow City“ beschreibt, wie der Aufschwung der IT-Branche im benachbarten Silicon Valley San Francisco in den neunziger Jahren veränderte. Damals wurde viel Geld in exklusive Eigentumswohnungen investiert. Bewohner mit niedrigerem Einkommen wurden verdrängt. Ist das symptomatisch für die Krise der Städte?

Wir müssen aufzeigen und verstehen, wo in einer solchen Krise gelitten wird. Die Medien haben jetzt über die Familien berichtet, die von Zwangsversteigerung betroffen waren. In San Francisco gab es in den neunziger Jahren eine Spekulationsblase. Viele altansässige Institutionen, Gemeinschaftseinrichtungen und Menschen wurden verdrängt, was enorme Lücken in der kulturellen Landschaft der Stadt hinterließ, als die Blase platzte. Aber die Preise fielen nicht wieder, und die Stadt wurde noch unbezahlbarer, weniger vielfältig, weniger exzentrisch. Eine Wohnung zu bekommen wurde immer schwieriger, und man musste manchmal so hart dafür arbeiten, dass die Angst, sie zu verlieren, das Leben dominierte.

Das macht Menschen einsam und allein.

Ja, aber sich um solche Probleme der städtischen Transformationsprozesse zu kümmern, das galt unter Präsident Bush geradezu als luxuriös. Andere Themen waren aktueller, Folter zum Beispiel – nicht aber, ob ein Tanzstudio verschwindet oder Rentner aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Mir war aber immer wichtig, dass unser Protest gegen die Verdrängungsprozesse in der Stadt zum Kampf um die Basis der bürgerlichen Gesellschaft gehört, um das Fundament einer Kultur. Wenn ich mein Buch heute noch einmal schreiben würde, dann würde ich meine Aufmerksamkeit mehr auf die Profiteure des Immobilienbooms richten. Sie haben hohe Profite eingefahren und nur sehr wenig für die Stadt und ihre Einwohner getan.

Die Förderung von Wohneigentum ist ein Ziel amerikanischer Politik, genau wie in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern. Wie konnte daraus die Hypothekenkrise entstehen?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Drohnenangriff Obama nennt Tötung von Mansur wichtigen Meilenstein

Vieles deutet darauf hin, dass der Taliban-Chef Mansur durch Drohnen getötet wurde. Der Einsatz war von Obama persönlich genehmigt worden. Mehr

23.05.2016, 11:09 Uhr | Politik
Präsident in Rente? Obama sorgt mit Zukunftsvideo für Lacher

Mit einem lustigen Video gibt sich der scheidende amerikanische Präsident Barack Obama gewohnt locker. Im Wesentlichen geht es darum, was der Präsident wohl macht, wenn er nicht mehr Präsident ist. Mehr

02.05.2016, 19:51 Uhr | Gesellschaft
Historiker Fritz Stern ist tot Fünf Deutschlande hat er gekannt

Einstein hatte ihm zum Medizinstudium geraten, doch Fritz Stern entschied sich für Geschichte. 1938 vor dem Nationalsozialismus geflohen, wurde er ein Fürsprecher der Wiedervereinigung. Jetzt ist der große Historiker gestorben. Mehr

18.05.2016, 14:28 Uhr | Feuilleton
Spanien Großbrand in Europas größtem Reifenlager

Am Freitag stand in der spanischen Stadt Sesena eine rund 11 Hektar große Fläche in Flammen, auf der ungefähr 70.000 Tonnen Reifen lagerten. Bis zu sechs Meter hohe Stichflammen und schwarze, giftige Rauchwolken stiegen in den Himmel auf. Die Anwohner in den umliegenden Gemeinden wurden angewiesen, das Haus nicht zu verlassen und die Fenster zu schließen. Mehr

13.05.2016, 19:51 Uhr | Gesellschaft
Schwangere erdrosselt Lebenslange Haft für Ex-Freund von Rebecca

Ein Mann erwürgt seine hochschwangere Ex-Geliebte mit einem Kabelbinder. Jetzt hat ein Richter über seine Tat geurteilt. Mehr Von Leonie Feuerbach

12.05.2016, 11:42 Uhr | Gesellschaft
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 29

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“