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Internet-Debatte : Wenn Literatur sich im Netz verfängt

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Sperrbezirk literarische Öffentlichkeit? Bild: ddp

Unsere literarische Kultur droht zu verschwinden. Die Auseinandersetzung mit dem Werk zwischen zwei Buchdeckeln wird ersetzt durch eine Literaturteilhabe, die von Event und Dauergeplauder geprägt ist. Doch warum sollten Schriftsteller jetzt bloggen statt dichten?

          Literatur besteht nicht aus Büchern, weder aus papiernen noch aus digitalen. Literatur besteht aus Romanen, Sonetten, Erzählungen, Novellen, Oden, kurz: aus Werken, abgeschlossenen, nach bestimmten ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten organisierten Gebilden, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, nur aus sich selbst heraus verstanden werden und auch auf nichts anderes reduziert werden können. Um ihre jeweilige Gestalt, diese unverwechselbare Physiognomie, die aus einer besonderen Sprache und aus dem entsteht, wovon diese Sprache spricht, ist es jedem wirklichen Schriftsteller zu tun. Diese besondere Physiognomie unterscheidet Literatur von all den Tagebüchern und Filmvorlagen, die man ansonsten zwischen zwei Buchdeckel pappt und Roman nennt.

          Mir scheint, für diese Besonderheit sind vor allem zwei Dinge verantwortlich, von denen seltsamerweise zuletzt behauptet wurde, sie seien ganz im Gegenteil kennzeichnend für neue literarische Formen jenseits des Papiers: Nichtlinearität und Intertextualität. Da ist es doch seltsam, dass gerade Péter Esterházy, dessen Zitierlust immer wieder ins Feld geführt wurde, um das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann zu entschuldigen, in seinen Büchern zeigt, was es heißt, die Form des Romans ernst zu nehmen. Wie jede künstlerische Form ist der Roman ein Schnitt in die Welt, der ein Innen und ein Außen erzeugt, eine Grenze, die insofern etwas Dialektisches hat, als sie gleichermaßen errichtet wie überschritten werden muss. Innerhalb dieser Grenze tritt gerade bei Esterházy, und gerade bei einem Roman wie „Harmonia Caelestis“, alles, was erzählt wird, miteinander in Beziehung. Péter Esterházy ist ein Meister darin, die Linearität der Erzählung aufzulösen und das Erzählte durch wiederkehrende Motive und Assonanzen, Wiederholungen und Verweise in einen Schwebezustand zu bringen, Gleichzeitigkeiten zu erzeugen, Überlagerungen - weil, ja weil die Welt solche Erfahrungen nicht erst kennt, seit es das Internet gibt.

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          Und indem Esterházy fremde Texte zitiert und übernimmt, tut er ein Zweites: Er überschreitet die Grenze seines Werks und öffnet die eigene Geschichte für andere Geschichten und für die Geschichten anderer. Aber auch das ist keine Errungenschaft des Zeitalters von copy & paste, es gehört vielmehr zur Geschichte der Schrift selbst, die ja eine des unendlichen Abschreibens und Kommentierens ist. Doch nutzt Esterházy dieses Mittel in einer Komplexität und Bewusstheit, neben der sich Fräulein Hegemanns Praxis - und übrigens auch die Theorie eines David Shields und seines „Reality Hunger“ (Die Welt gibt es nur in Splittern: Dave Shields macht Literatur zum Versatzstückkatalog) - reichlich, nein furchtbar naiv ausnimmt.

          Thomas Hettche
          Thomas Hettche : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Furchtbar deshalb, weil das alles alles andere als neu ist und weil jene, die Hegemann oder Shields gegen das in Stellung bringen, was sie „konventionell“ nennen, das natürlich wissen. Ging es also in dieser Debatte möglicherweise gar nicht um literarische Verfahren und die Qualität eines Romans? Welchen Grund aber könnte diese Ignoranz der Kritik haben? Hat sie vielleicht etwas damit zu tun, dass Fräulein Hegemann, was ihre Floskeln aus der postmodernen Rhetorik ja nur unzulänglich bemäntelten, Literatur eigentlich gar nicht interessiert, umso mehr aber so eine Art Textproduktion als Lebensteilhabe? Denn dieses Interesse teilten ganz offensichtlich viele, die ihr Buch gefeiert haben, nämlich nicht als Literatur, sondern als eine andere Form literarischer Öffentlichkeit. Die Emphase aber, mit der dieser Unschärfebereich zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vorbild und Abbild, den man noch vor zwanzig Jahren als Kennzeichen unliterarischer Kolportage bewertet hätte, nun goutiert wurde, hat mit der veränderten Wahrnehmung von Literatur durch das Internet zu tun. Einer Erwartung, die vom Werk sich abwendet. „In der Literatur“, jubelt etwa, wie viele andere, Thierry Chervel im Perlentaucher, „ermöglicht das Netz plötzlich eine ganz neue Kommunikation zwischen Autoren und Lesern. Viel zu wenige Autoren, die vor lauter Angst den ,Heidelberger Appell' unterzeichnet haben, denken darüber nach. Wer von ihnen schreibt ein Blog?“

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