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Herta Müller und Ai Weiwei in Köln : Luftblasen und Stinkefinger

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Zum Auftakt sollte über Kunst und Totalitarismus geredet werden: Nobelpreisträgerin Herta Müller mit dem chinesischen Dissidenten Ai Weiwei Bild: Thomas Brill

Die Literaturnobelpreisträgerin und Chinas berühmtester Künstler sorgten für einen prominent besetzten Auftakt des Literaturfestivals Lit.Cologne. Aber herausgekommen sind nur Belanglosigkeiten - was auch am Moderator lag.

          Die Absicht war gut: Die im Laufe der Zeit immer interessanter gewordene Lit.Cologne wollte sich zum Auftakt ihres zehnten Jubiläums Qualität gönnen: thematisch, personell und stilistisch. Und das Publikum stürzte sich geradezu auf die schnell ausverkaufte Diskussion zwischen der Nobelpreisträgerin Herta Müller und dem chinesischen Künstler Ai Weiwei über Totalitarismus und Kunst. Welche Ironie, dass sich genau diese Veranstaltung in Belanglosigkeiten verlor.

          Mit der Banalität des Bösen hatte das nichts zu tun, schon mehr mit der Verschnarchtheit des Dirigenten: Michael Krüger ist ein vorzüglicher Verleger – auch Herta Müllers –, ein anerkannter Autor, aber wahrlich kein Moderator. Drei reichlich weit gefasste Fragen stellte er (mehrfach) im Laufe des Abends, dazwischen einnickend: Wie war das so als Kind im Totalitarismus? Ist es normal oder ein Skandal, wenn die Werke im eigenen Land nicht bekannt sind? Ist dieses Internet mit all den „Klickern“ – „ich selbst bin sehr unbegabt darin“ – heute der zweite Staat im Staat?

          Wann ist man ein Diktaturenfreund?

          Herta Müller ist kein Vorwurf zu machen: Nachdem sie die Einstiegsfrage verdaut hatte – Lesen Sie mein Werk, hätte sie sagen müssen, aber zu ihrem eigenen Verleger? –, wurde sie locker, ja gut gelaunt, und bescherte die wenigen Glanzpunkte des Abends: die ziemlich komische Anekdote etwa, wie sie einmal ein chinesisches Glasauge zum Schmuckstück umfunktionierte, was einem rumänischen Arzt böse aufstieß. Applaus ernteten ihre klugen Reflexionen über die monströse Zärtlichkeit von Diktatoren und über eine „Würde im Zwang“, indem man oktroyierte Strafen mit größter Gewissenhaftigkeit erledigt.

          Womit wir bei Ai Weiwei wären, denn der hatte erzählt, wie sein Vater, ein bekannter Dichter, in der Kulturrevolution zum Toilettenputzen verurteilt worden war und dies sicher sehr gründlich gemacht habe. Das aber war schon seine einzige konkrete Antwort. Ansonsten blieb es bei Luftblasen wie der, dass die Zustände in China keine demokratischen sind. Auch Herta Müllers empirisch gedeckte Skepsis ob der großen Interneteuphorie prallte an dem technikgläubigen Künstler ab, ohne dass er einen Grund nennen konnte: „Vielleicht bekommen wir am Ende die Freiheit nicht, aber die Sehnsucht danach ist von Anfang an da.“

          Ai Weiwei präsentierte in Köln vor allem seine Werke, die gerne die Überwachung selbst ausstellen. Aber ist man schon ein Diktaturenfreund, wenn man den künstlerischen Wert von Stinkefingerfotos (auf dem Tiananmen-Platz oder vor dem Weißen Haus) nicht erkennt? Diskutiert wurde das leider nicht. Überhaupt wurde nicht diskutiert. Ai Weiwei war offenbar nur aus einem Grund gekommen: um unentwegt Bilder von Herta Müller für seinen Blog zu machen. Immerhin ohne Stinkefinger.

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