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Friedrich-Hölderlin-Preis : Ohne Wörter ist die Welt voller Wunden

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Besaß „eine frühzeitige Anlage zum alten Manne”: Hölderlin-Preisträger Arno Geiger Bild: Dieter Rüchel

Mit „Der alte König in seinem Exil“ hat der Schriftsteller Arno Geiger ein bewegendes Buch über seinen dementen Vater geschrieben. Nun wurde er mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2011 ausgezeichnet. Wir dokumentieren eine gekürzte Fassung seiner Dankrede.

          Nach Abschluss des Gymnasiums, in dem man mich angehalten hatte, den Lauf der Welt auswendig zu lernen, fuhr ich nach Deutschland. Ich war ein Jugendlicher, besaß jedoch, was Hölderlin knapp sechsundzwanzigjährig in einem Brief an seinen Bruder Carl sich selbst attestierte, eine frühzeitige Anlage zum alten Manne.

          Die Geschichte handelt davon, dass ich nicht mit meinen Schulkollegen an die Costa Brava zum Sangría-Trinken fuhr, sondern allein die nahe gelegene Grenze nach Norden überschritt mit einem Rucksack, dessen Inhalt nach wenigen Tagen ein dezentes Seehundaroma verströmte, mit einer Wut im Bauch und Angst vor dem Leben. Während zweier Wochen reiste ich durch die Bundesrepublik des Jahres 1987. Erste Station: Tübingen.

          Am Neckar stand ich mit verzagtem Gesicht abseits, überwältigt vom Gefühl meiner entsetzlichen Untauglichkeit. Ich war knapp neunzehn, konnte gehen und sprechen, doch vermochte ich nur mit Mühe, meine Empfindungen zu artikulieren. Also tat ich, wofür Jugendliche ein besonderes Talent besitzen, ich verachtete die Welt, weil sie mir nicht gewähren wollte, was ich als Wunsch gar nicht hätte formulieren können. Was ist mit dir? Was willst du? Weiß ICH es? Weiß die Welt es? Ist einer von uns alt genug? Die Welt ist nicht alt genug. Und du? – Ich? – Ich war ein Jugendlicher, einfach nur ein Jugendlicher, wenn auch einer mit grauen Haaren.

          Kann ER das gewesen sein?“

          In meinem Notizbuch von damals erwähne ich eine Begrenzungsmauer am Neckar, an der Straße zur Jugendherberge. Die Mauer tat, was man von einer Mauer gemeinhin nicht erwartet: Sie sprach. Wenn Mauern sprechen können, können sie auch schweigen. Manchmal stehen sie sprachlos und kalt. Im Winde / klirren die Fahnen. Auf der Tübinger Mauer ein Graffito mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin: Indessen wandelt droben harmlos das Gestirn, wie geschaffen als Motto über meinem damaligen Lebensgefühl.

          Deutschland betrachtete mich lautlos.

          Hölderlin sei überall präsent gewesen, heißt es in meinem Notizbuch, in jeder zweiten Auslage eine Büste oder ein gerahmtes Gedicht. Und ständig Glockengeläut von irgendwoher in der Stadt, dass das Pflaster der Straßen vibrierte. Das Wasser des Flusses sei dunkelgrün bis zur Schwärze gewesen. In die Rinde einer Platane auf der namenlosen Insel hatte jemand die Worte geritzt: „Ich liebe Dich über alles, Hans.“ Also nicht irgendeiner, sondern einer mit Namen Hans.

          Scardanelli.

          Kann wirklich ich das gewesen sein? Kann dieser Jugendliche ich gewesen sein? Und mein Vater, in genau demselben Alter, neben ihm Sterbende und Tote, die er namenlos würde begraben müssen auf einem Schuttabladeplatz. Kann ER das gewesen sein? Der alte Mann, der nichts davon weiß? Er fragt: „Wer bin ich?“ „August Geiger“, sage ich, „du bist August Geiger.“ Er lächelt erleichtert und sagt: „Dann ist es gut.“

          Autorität der Sprache

          Ich war knapp neunzehn, exakt so alt wie mein Vater, als er im Lazarett lag. Heute ist er vierundachtzig, ich zweiundvierzig, halb so alt wie er. Hälfte des Lebens.

          Im Wunsch, die Welt könnte unendlich offen sein und meine Kraft könnte ins Ungemeine wachsen, wenn die Welt unendlich offen wäre und jemand mir begegnete, der mich versteht, fuhr ich durch die Bundesrepublik. Ich führte mich auf eigene Faust an die Enttäuschungen des Lebens heran. Ich dachte, das würde mir helfen. Ich wollte schreiben, vielleicht Schriftsteller werden. Ich war knapp neunzehn, ich wusste nicht, wie ich mit meiner Sprache in der Welt zurechtkommen werde. Sich mittels der Sprache zu artikulieren, das ist harte menschliche Arbeit.

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