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Französische Deutschland-Romane : Abschied von den Boches

  • -Aktualisiert am

Blick auf den Wannsee Bild: Martin Kuschel

Wendeschleife über dem Wannsee: Die französische Literatursaison beginnt, und es erscheinen auffällig viele lesenswerte Deutschland-Romane, die die üblichen Klischees vermeiden.

          Alain Finkielkraut feiert in seinem gerade erschienenen Buch „Un coeur intelligent“ am Beispiel von neun Autoren wie Joseph Conrad, Albert Camus, Sebastian Haffner, Milan Kundera den Roman als ein Genre, das viel treffender die Verworrenheit und allegorische Unausschöpfbarkeit der Welt beschreibt als alle intellektuelle Theorie. Machen wir dazu eine Probe aufs Exempel in Sachen Deutschland-Roman.

          Wie vielfältig und tiefschürfend ist das Deutschland-Bild, das überraschend häufig gerade aus den gut vierhundert neuen Romanen der französischen Herbstsaison hervorgeht? Mindestens ein halbes Dutzend Titel - meist von Frauen geschrieben - haben ausdrücklich Deutschland zum Thema. Lassen wir hier einmal jene Romane beiseite, die Deutschland nur als historisches Thema benützen, wie „U-Boot“ von Robert Alexis (Verlag José Corti) über den letzten nationalsozialistischen U-Boot-Einsatz oder in denen Deutschland nur als Handlungskulisse vorkommt wie in „Honecker 21“ von Jean-Yves Cendrey (Actes Sud), dem Gatten der Schriftstellerin Marie NDiaye, der gegenwärtig in Berlin lebt.

          Kein einziger der neuen Deutschland-Romane entpuppt sich als schnelles Machwerk zum Gedenkjahr von Kriegsausbruch und Mauerfall. Auffallend ist vielmehr das Interesse für eine tiefliegende Kontinuität über historische Katastrophen hinweg - etwa im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit und der unmittelbaren Gegenwart, im Bayern der zwanziger Jahre und heute, im westdeutschen Durchschnittshaushalt an der Ostsee hart an der Grenze, als es noch ein „drüben“ gab. In allen Romanen taucht die Erinnerung an Hitler auf, doch ohne jedes klischeehaft hingepfuschte Schuld- oder Zerknirschungspathos. Die Autorinnen beweisen eine komplizierte persönliche Beziehung zu Deutschland aus Reiz und Gereiztheit, mit dem Sinn für eine gewundene, störrische Kontinuität der Geschichte, der Kultur, der Moral. Eine Kontinuität, die in Deutschland selbst, von einem deutschen Autor behandelt, wohl fast zwangsläufig in Einzelsequenzen aufgesplittert würde.

          Feiert den Roman: Alain Finkielkraut
          Feiert den Roman: Alain Finkielkraut : Die allegorische Unausschöpfbarkeit der Welt Bild: AFP

          Kriegsverbrecher als Lebensretter

          Anne Wiazemsky, die Enkelin von François Mauriac, taucht in ihrem neuen Roman „Mon enfant de Berlin“ (Gallimard) den Begegnungsrausch ihrer Mutter Claire Mauriac mit deren künftigem Mann Yvan Wiazemsky in die euphorische Tristesse des Keller- und Trümmer-Berlins von 1945, durch das die ersten Jazz-Klänge dringen. Claire ist Krankenschwester des französischen Roten Kreuzes, Yvan ist französischer Armeeoffizier. Der Name der besiegten Stadt klingt für die beiden „wie eine Verheißung“. Sie gehen in einem ehemaligen Park zwischen Baumstümpfen und nackten Wurzelstöcken spazieren, „doch die Kriegslandschaft bestärkt ihre Lebenslust und ihren Willen, zusammen etwas Neues zu beginnen“.

          Ihr Blick ist dabei nicht der abgehobene Siegerblick auf die ins Elend geratenen Täter. Claire, die mit der festen Überzeugung nach Berlin kam, den Deutschen nichts zu verzeihen, lernt deren Existenz unter den Bomben und danach kennen und zieht manchmal inkognito in der Nacht aus, um minderjährige Mütter in ihren Kellern vor dem grausam humanitären Zugriff des Roten Kreuzes zu warnen, das ihnen ihr Kind entziehen will. Wenn es für Claire selbst dann so weit ist mit der Niederkunft, wird die Sache noch komplizierter durch eine komplizierte Geburt.

          Das Kind - die Romanautorin selbst - verdankt sein Leben nur dem deutschen Geburtsarzt, einem Mann, der ein paar Wochen später als Kriegsverbrecher gehängt wurde. Erwachsen ging die Autorin nun auf die Suche nach jenem Erinnerungs-Berlin. „Die Berliner Jahre waren die schönsten ihres Lebens, die intensivsten“, erklärt ihr eine Frau, die damals dabei war. Die Probe zu Finkielkrauts These geht hier restlos auf.

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