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Deutsche Akademie in Stockholm : Schweden schweigen gerne

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Im Tempel der schwedischen Literatur: Per Olov Enquist überragt Klaus Reichert in Stockholms Stadtbibliothek Bild: Isolde Ohlbaum

Die seit Jahren intensivste Frühjahrstagung: Um die nordische Literatur kennenzulernen, reiste die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nach Stockholm. Aber gesprochen haben nur die Deutschen.

          Mehr als hundert Autoren, Kritiker und ihre Ehefrauen waren eingeladen, sieben Tage nach Schweden zu kommen, um sich und ihre Werke zu präsentieren und sich umgekehrt ein Bild von der Buchkultur des Gastlandes zu machen. Stars und solche, die es werden sollten, trafen auf Exilanten wie Nelly Sachs und Peter Weiss, man sprach über Poesie, Politik und das Wetter. Die Folge war ein Boom der deutschen Literatur in Schweden - und vice versa. Seit 1964 hat sich keine so konzentrierte Versammlung deutscher Schriftsteller mehr nach Schweden aufgemacht. Insofern waren die Hoffnungen beträchtlich, als sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nun, 47 Jahre nach dem ersten Auswärtsspiel der Gruppe 47 in Sigtuna, zu ihrer Frühjahrstagung in Stockholm traf. Doch während Bücher aus Schweden, auch durch Krimi-Könner wie Henning Mankell oder Stig Larsson, bei uns auf fanatische Aufmerksamkeit stoßen, ist das Interesse an deutscher Gegenwartsliteratur dort bestenfalls verhalten.

          Im Sommer 1964 hatte Martin Walser die Gruppe 47 als „herrschsüchtige Clique“ erkannt und gewarnt, dass der kritische Geist ihrer Autorentreffen bei einem solchen Kulturexport mit offiziellem Gepränge auf der Strecke bleiben werde. Wer etwas auf sich hielte, so Walser damals, mache bei einer solchen Unternehmung nicht mit - Worte, die viele bewogen, tatsächlich zu Hause zu bleiben. Inzwischen weckt die Reise der Gruppe 47 nur mehr nostalgische Erinnerungen, vor allem bei denen, die dabei waren und jetzt davon erzählen konnten, vom Organisator, dem inzwischen siebenundneunzigjährigen Gustav Korlén, dem Doyen der Germanistik in Schweden, über Lars Gustafsson und Peter Hamm bis zu Friedrich Christian Delius, der in Sigtuna sein literarisches Debüt gab.

          Als einziger lebender schwedischer Schriftsteller, der auf dem „heißen Stuhl“ der Gruppe 47 saß, nach seiner Erinnerungen befragt, bemerkte Gustafsson mit typisch schlitzohrigem Humor, die Begebenheit sei Beleg für den Umstand, dass man interessant werden könne, ohne interessant zu sein. Peter Hamm derweil entsann sich einer Flirtattacke von Hubert Fichte und des nackten Bauches von Erich Fried. Die Wege der Literatur, das wurde deutlich, sind unerforschlich.

          Die Gäste in personeller Übermacht

          Deutlich wurde aber auch, dass ein lebendiger Austausch sich vor allem Einzelnen verdankt und nicht Institutionen. In den sechziger Jahren florierte die literarische Freundschaft dank Entdeckern wie Hans Magnus Enzensberger, der Lars Gustafsson in Deutschland berühmt oder auch Nelly Sachs mit der legendären Übersetzerin Margaretha Holmqvist bekannt machte, und Förderern wie Walter Höllerer, der ins Literarische Colloquium Berlin einlud, zentralen Lektoren wie Thomas von Vegesack und nicht zuletzt den aufeinander neugierigen Autoren. Inzwischen beruht der vertraute deutsche Umgang mit den wichtigen Stimmen der skandinavischen Gegenwart vor allem auf der Geschmackssicherheit von Hanser-Verleger Michael Krüger, bei dem nicht nur Tranströmer, Gustafsson, Enquist und Mankell erscheinen, sondern auch Aris Fioretos, der elegante Flaneur zwischen Schweden und Deutschland, der in seiner Rolle als schwedischer Kulturattaché in Berlin vor einigen Jahren den Ausschlag für die Wahl des Tagungsorts Stockholm gegeben hatte und auch als Autor des Romans „Der letzte Grieche“ seinen glänzenden Einstand als Akademiefrischling gab.

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