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David Foster Wallace : Die Ausweitung der Literatursprache

  • -Aktualisiert am

Hirn- und herzerweiternd: die Sprache von David Foster Wallace Bild: Marion Ettlinger

In dieser Woche erscheint „Unendlicher Spaß“, das Hauptwerk des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, auf Deutsch. In seiner oszillierenden Sprachvielfalt ist das Werk eine Herausforderung für jede Übersetzung. Der deutsche Übersetzer Ulrich Blumenbach gewährt Einblick in seine Werkstatt.

          Der Übersetzer ist ein Hufschmied des Pegasus und hat alle Hände voll zu tun, bevor das Musenross über den Parnass galoppieren kann. Als Helga Frese-Resch mir Ende 2002 anbot, den Roman „Infinite Jest“ von David Foster Wallace für den Verlag Kiepenheuer & Witsch zu übersetzen, war ich begeistert: endlich mal keine Eintagsfliege, die spätestens zur übernächsten Buchmesse vergessen wäre.

          Vor das Ziel haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt, und im Lauf der Jahre brachten mich diverse stilistische Eigenheiten dieses Romans ins Schwitzen. Ein erstes Hufeisen, das ich in der Übersetzung nachschmieden musste, war die Ästhetik des Autors: Wallace will die spielerische Postmoderne überwinden und sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinandersetzen, ohne auf Ironie zu verzichten. Das findet seine stilistische Umsetzung in einer Art Doppelcodierung: Ein und derselbe Erzähler kann im Roman zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen pendeln und plötzlich aus einem wissenschaftlichen Duktus in die flapsige Umgangssprache eines kleinkriminellen Exjunkies verfallen: „Als eine Substanz, deren zufällige Synthese den Sandoz-Chemiker in den vorzeitigen Ruhestand versetzte und zu anhaltend starren Wandbetrachtungen verführte, steht das unglaublich starke DMZ in weiten Kreisen chemischer Untergrundlaien im Ruf, der schlimmste Stoff zu sein, der je in einem Reagenzglas gezeugt wurde. Es ist heute außerdem die härteste Freizeitdroge, die in Nordamerika zu kriegen ist, abgesehen von vietnamesischem Rohopium, das, ach vergiss es.“

          Oszillierendes Schreiben

          Hier musste ich den komischen Kontrast zwischen der theoretischen Erörterung und dem plötzlichen Verstummen nachbilden, dem sprachlichen Äquivalent einer abtuenden Geste. Der Erzähler, von alters her das brandheiße Kabel vom Nabel der Fabel, ist bei Wallace ein Glasfaserkabel und befördert simultan mehrere Botschaften. Dieses oszillierende Schreiben hat etwas von Selbstgesprächen. Sprechen wir öffentlich, legen wir uns auf das in der jeweiligen Situation geltende Stilregister fest (bei einem wissenschaftlichen Vortrag erzähle ich keine Zoten; im Sportverein doziere ich nicht). Im Selbstgespräch dagegen herrscht muntere Anarchie, eine Gleichwertigkeit von Fachsprachen und Slang, gebildetem Ernst und kindlichem Spaß.

          Bei Wallace werden Engagement und Distanzierung perfekt ausbalanciert. Man muss sich in der Gegenwartsliteratur genau umsehen, um einen zweiten Autor zu finden, der so lebendige Figuren erschafft und ihnen so viel Mitleid, Solidarität und Liebe entgegenbringt, der die amerikanische Gesellschaft von heute aber gleichzeitig mit der theoriegeleiteten Kälte eines Obduktionsberichts seziert. Angesichts dieser Doppelbödigkeit musste ich mich beim Übersetzen immer wieder fragen: Wie fremd ist Wallace’ Satzbau für Amerikaner? Wie fremd werden meine Sätze für deutsche Leser? Wo habe ich übertrieben, und wo bin ich nicht weit genug gegangen? Wo ist Fremdheit im Original schön, aber in der Übersetzung nur holprig?

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