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Das „Plagiat“-Plagiat : Warum haben Sie geklaut, Herr Grünbein?

  • Aktualisiert am

Drehung ins Dadaistische: Durs Grünbein über seine „Wortmeldung” Bild: Helmut Fricke

Durs Grünbein hatte uns vorgeschlagen, einen Test zu machen, und wir haben eine „Wortmeldung“ des Büchnerpreisträgers zu „Axolotl Roadkill“ veröffentlicht. Sein vermeintliches Eintreten für Helene Hegemann erregte Entsetzen. Jetzt legt der Dichter seine Quelle offen.

          Durs Grünbein hatte uns vorgeschlagen, einen Test zu machen, und wir veröffentlichten eine „Wortmeldung“ des Büchnerpreisträgers zu „Axolotl Roadkill“. Sein vermeintliches Eintreten für Helene Hegemann erregte Entsetzen. Jetzt legt der Dichter seine Quelle offen.

          Herr Grünbein, haben Sie alles nur geklaut?

          Der Text stammt zu neunundneunzig Prozent von Gottfried Benn. Es handelt sich bei dem Fundstück also um ein echtes Ready-made, mit nur geringfügigen Retuschen. Diese leidige Dauerdebatte um Frau Hegemann bekommt damit eine Drehung ins Dadaistische.

          Hat es Sie überrascht, dass viele Leser Ihnen offenbar die Autorschaft dieses Textes zutrauten?

          Der gebildete Leser wird natürlich sofort den „Sound der Väter“ herausgehört haben. Wer sagt heute schon noch so gewinnende Sätze wie „sonderbare Persönlichkeiten müssen das wohl sein“ oder „durchatmet und durchströmt . . . vom Herzen einer großen Schöpferin“? So sprach man als guter Onkel doch nur in den Zeiten des Einstecktuchs und der Besuchsanmeldung mit handgeschriebenem Billett.

          Viele Leser werden Ihre Verteidigung Helene Hegemanns trotz dieser stilistischen Warnsignale für bare Münze genommen haben.

          Ein zarter Hinweis (wenn auch leicht zu übersehen) war der in doppelte Anführungszeichen gesetzte Titel. Der bayerische Politiker Edmund Stoiber, ein großer Wortschöpfer, sprach einmal von der „Kompetenzkompetenz“. Dies hier war das „Plagiatplagiat“.

          Worüber hat sich Benn denn damals eigentlich so echauffiert?

          Benns Text erschien im Unterhaltungsblatt der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Dezember 1926. Das Buch, um das es sich in seinem Fall drehte, war übrigens auch ein Roman aus dem Ullstein-Verlag! Ein Werk mit dem sprechenden Titel „Das verlorene Kind“. Die Autorin hieß Rahel Sanzara, und der Vorwurf lautete, sie habe sich beim „Neuen Pitaval“ bedient, einer dokumentarischen Sammlung von Kriminalfällen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Der Casus wäre also eher mit dem Rechtsstreit um Andrea Maria Schenkels Krimibestseller „Tannöd“ vergleichbar. Wenn man die Debatte über Frau Hegemanns Roman überblickt, dieses ganze Gerede über Jugend und Alter, wäre Sanzaras Buchtitel eine passende Hauptüberschrift: „Das verlorene Kind“.

          Brauchte Helene Hegemann also einen erfahrenen Schriftsteller als Ersatzvater?

          Fällt eigentlich niemandem auf, was für ein hässlicher Biodiskurs das Ganze ist? Der wahre Rassismus tobt sich augenscheinlich heute zwischen Jung und Alt aus, zwischen vitalen Welpen und kulturkonservativem Friedhofsgemüse. Wenn man so weitermacht, hat man bald den schönsten publizistischen Bürgerkrieg.

          Und welcher Partei rechnen Sie sich zu?

          Mir ging es nicht um Frau Hegemann. Mir ging es um den Irrsinn einer kriterienlosen Literaturdebatte.

          Was ist schiefgelaufen?

          Analytisch gesehen, alles. Es geht im Moment alles durcheinander. Was ist Intertextualität, was ist Plagiat, was ist ein Ready-made, wie wir es aus visuellen Künsten kennen, was ist ein Insert, ein Zitat, ein Pastiche? Und dann die große moralische Frage, die man schon im zarten Kindesalter gestellt bekommt: Was ist Mein und was ist Dein?

          Wie ist denn die Sache damals bei Onkel Benn ausgegangen?

          Benn hat Rahel Sanzara einen großen Dienst erwiesen. Er war ganz kollegialer Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Die Angriffe auf die vermeintliche Ideendiebin hörten nach seiner Intervention recht schnell auf. Frau Sanzara schrieb ihm daraufhin einen wahrhaft mädchenhaften Dankesbrief, und alles war wieder in Ordnung.

          Hoffen Sie demnach auch, mit Ihrem Remake die gegenwärtige Debatte zu beenden?

          Ich hoffe, damit eines der großen Theoreme Friedrich Nietzsches illustriert zu haben. Er sprach von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Das Ganze sollte ein heilsamer Schwindel sein.

          Die Fragen stellte Richard Kämmerlings.

          Der Text „Plagiat“ von Gottfried Benn findet sich in „Sämtliche Werke“. Stuttgarter Ausgabe. Band III: Prosa 1. (1910-1932). Klett-Cotta, Stuttgart 1987, S. 166ff.

          Quelle: F.A.Z.

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