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Veröffentlicht: 15.09.2009, 15:39 Uhr

Comic Meine italienische Geisterfahrt

Fünf Jahre lang hat Ulli Lust an einer Geschichte gezeichnet, die die Ereignisse zweier Monate im Jahr 1984 erzählt. In ihrem Atelier schildert die Künstlerin den schwierigen Weg zu einer Comicsensation.

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© FAZ.NET Comiczeichnerin Ulli Lust: Der dokumentarische Comic

Der umfangreichste Comic, der bislang in Deutschland gezeichnet wurde, stammt aus einem dunklen Berliner Hinterzimmer. Von links fällt spärliches Licht durch eines der beiden Fenster auf den Zeichentisch, an dem Ulli Lust 460 Seiten gestaltet hat. Ihr Blick beim Zeichnen geht auf die Wand. Dort hängen dicht an dicht Skizzen und Kopien fertiger Seiten – Erinnerungshilfen an Schlüsselszenen, Figurenstudien, Recherchematerial. Es sind Relikte einer fünfjährigen Arbeitsphase, in der die zweiundvierzigjährige Zeichnerin sich mit Haut und Haaren einem autobiographischen Großprojekt verschrieben hat: Es heißt „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“.

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In zwei Wochen wird dieser Comic in die Läden kommen. Er ist eine Sensation. Nicht, weil er so dick ist, sondern weil Ulli Lust eine Geschichte zu erzählen hat, die ihresgleichen sucht. Es ist ihre Geschichte oder, besser gesagt: die Geschichte der jungen Frau, die Ulli Lust war, als sie noch Ulli Schneider hieß, als Punkerin in Wien lebte und einen Tag nach ihrem siebzehnten Geburtstag beschloss, mit einer Freundin nach Italien durchzubrennen. Zwei Monate später war sie wieder zu Hause. Doch was in der Zwischenzeit geschah, hat ihr Leben geprägt und verändert: „Ich habe für meine Erlebnisse auf der Italien-Reise jahrelang in Schande gelebt.“

Der richtige Ort für einen Neubeginn

Ulli Lust sagt es mit einem Lachen. Sie sitzt vor ihrem Schreibtisch. Durch das Fenster fällt der Blick hinaus auf eine Waldlandschaft mitten in Berlin, doch das ist nur der wild bewachsene breite Zwischenraum von einem Häuserblock zum anderen. Ulli Lust kam 1995 aus Wien in die deutsche Hauptstadt. Da hatte sie seit ihrer italienischen Reise bereits fünf Jahre als Kostümbildnerin und zwei Jahre als Modezeichnerin hinter sich. Es waren zudem drei Bilderbücher aus ihrer Feder erschienen, doch nun wollte sie mit Ende zwanzig ein Grafik-Design-Studium aufnehmen.

Berlin schien der richtige Ort für einen Neubeginn. Ulli Schneiders erste Arbeit als Buchillustratorin war 1993 beim hiesigen KinderBuchverlag herausgekommen. „Marco und der Drache“ hieß sie, gezeichnet nach einem fremden Szenario. Dann ging das in der DDR ehedem erfolgreiche Verlagshaus in den ökonomischen Nach-Wende-Strudeln unter, und Ulli Schneider fand in Tyrolia, einem Innsbrucker Verlag, ihre neue publizistische Heimstatt in der alten österreichischen Heimat. Doch als 1995 ihr selbstverfasstes Bilderbuch „Ein Stück Himmelblau“ erschien, war es Zeit, neu anzufangen. Seitdem ist die Bilderbuchillustratorin passé, und Ulli Schneider heißt nach dem Mädchennamen ihrer Mutter Ulli Lust.

An der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee fand sie schließlich ideale Bedingungen: nur zwölf Studierende pro Semester, insgesamt kaum mehr als vierzig im Studiengang. Und unter ihren meist viel jüngeren Kommilitonen einige, die sich dem Comic verschrieben hatten. Gemeinsam mit ihnen entstand neben dem Studium die Zeichnergruppe „Monogatari“ – benannt nach dem japanischen Wort für „erzählte Geschichte“.

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