http://www.faz.net/-gqz-13s0n

Comic : Meine italienische Geisterfahrt

Das ist der Anspruch der Gruppe: erzählen, mit allen Mitteln, die der Comic bereithält. Also Vorrang des Inhalts gegenüber der Form und vor allem: vom Leben erzählen. Monogatari hat einige der berühmtesten deutschen Comiczeichner der letzten Jahre hervorgebracht: Markus Witzel alias Mawil mit seinem autobiographischen Band „Wir können doch Freunde bleiben“, Kai Pfeiffer und Tim Dinter mit ihren gezeichneten Reportageserien aus Berlin, Jens Harder, der in diesem Jahr seine fast vierhundertseitige Evolutionsgeschichte „Alpha“ in Frankreich veröffentlicht hat. Ulli Lust aber blieb im Hintergrund. Man findet einige Kurzgeschichten in Anthologien wie „Pommes d’amour“, „Flitter“ oder „Alltagsspionage“, aber selbst ihr schöner Sammelband „Fashionvictims, Trendverächter“, in dem sie 2008 all die Bildkolumnen und Minireportagen zusammengestellt hat, die sie im vergangenen Jahrzehnt gezeichnet hat, fand nur geringe Beachtung. Sie hatte aber auch einfach zu wenig Zeit, um sich um eigene Projekte zu kümmern, denn „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ verschlang alle Energie. Drei Tage zeichnete sie im Schnitt an jeder Seite. Macht zusammen 1380 Tage oder dreidreiviertel Jahre Netto-Lebenszeit, Urlaub oder andere Arbeit nicht gerechnet.

Die ersten Kapitel wurden zudem noch einmal neu gezeichnet. Denn Ulli Lust begann wie üblich damit, ihre Bleistiftvorzeichnungen mit Tusche in Reinform zu bringen. Auf der Internetseite „Electrocomics“, die sie gemeinsam mit Kai Pfeiffer als Forum für Netzcomics betreibt, stellte sie von 2005 an kapitelweise die fertigen Seiten des Mammutvorhabens vor – mit einer Buchpublikation rechnete sie noch gar nicht. Doch die sauberen Zeichnungen schienen ihr irgendwann nicht mehr passend zum Inhalt, der in „Heute ist der letzte Tag deines Lebens“ erzählt wird. Und Inhalt ist wichtiger als Form. So arbeitete sie fortan allein mit Bleistift, um einen rauheren, spontaneren Strich zu erreichen. Das Ergebnis spricht für sich. Doch die ersten Kapitel musste sie neu zeichnen, weil die Tusche ja nicht wieder abgekratzt werden konnte. Wieder ein paar Monate Mehrarbeit.

Es ist alles wirklich so passiert

Die erzählte Zeit umfasst etwa zwei Monate, von Mitte August bis Mitte Oktober 1984. In diesen acht Wochen reisen Ulli und ihre Freundin Edith von Wien per Auto-Stopp, Eisenbahn und bisweilen zu Fuß von Wien über Villach an die italienische Grenze, die sie illegal überqueren (Österreich war 1984 noch nicht Mitgliedsstaat der EU). Es geht weiter nach Verona, in die Adria-Badeorte Cattolico und Pescara, nach Rom und über Neapel nach Sizilien, wo in Palermo Höhe- und Tiefpunkt der Geschichte erreicht werden – Höhepunkt, weil Ulli Lust hier in einer Intensität erzählt, die selbst die vorherigen, weiß Gott schon nicht glatten Kapitel noch in den Schatten stellt; Tiefpunkt, weil Ulli und Edith dort in die Fänge der Mafia und in Kontakt mit harten Drogen geraten. Edith prostituiert sich, und dieser Schock und das Erlebnis, eines Nachts im Gefängnis zu landen, als nach den Aussagen des festgenommenen Mafiapaten Tommaso Buscetta eine große Razzia stattfindet, lassen Ulli wieder zurückfinden in ein Leben, das sie zuvor als spießig abtat.

Weitere Themen

Topmeldungen

Kauders Niederlage : Lame duck Merkel

Der überraschende Sieg von Ralph Brinkhaus soll Angela Merkel zeigen: Es geht zu Ende. Weder sie noch Volker Kauder hatten offenbar eine Ahnung davon, wie groß die Unzufriedenheit ist. Ein Kommentar.

Katholische Kirche : Ein tiefer Blick in die dunkle Vergangenheit

Die Ergebnisse eines Forschungsprojekts über den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche erschüttern selbst die erfahrensten Wissenschaftler. Die Reaktion der Kirche: Sie will sich bessern – wieder einmal.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.