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Comic-Klassiker : Herr der Träume, Held der Schäume

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Der Sandman wettet mit seiner Schwester Despair um die Seele des armen Joshuas Bild:

Mit „Sandman“ schuf Neil Gaiman eine der bedeutendsten Graphic Novels aller Zeiten. Einen „Comic für Intellektuelle“ feierte Norman Mailer, die Reihe schaffte es bis in die Bestsellerliste der New York Times. Jetzt liegt sie vollständig auf Deutsch vor.

          Als der Schriftsteller Norman Mailer die „Sandman“-Comics von Neil Gaiman gelesen hatte, fasste er seine Eindrücke so zusammen: „,Sandman' ist ein Comic für Intellektuelle, und ich bin der Meinung, dass es auch wirklich an der Zeit dafür war.“ Jahre später erzählte Gaiman, dass viele Buchhändler Comics nur wegen dieses Mailer-Zitats in ihr Sortiment aufgenommen hatten.

          Gaiman schuf mit seiner 75 Hefte umfassenden Geschichte über den Herrscher der Träume eine der bedeutendsten und einflussreichsten Comicserien. Der 1960 in England geborene und heute in den Vereinigten Staaten lebende Autor ist hierzulande vor allem durch seine Fantasy- und Kinderbücher wie „Coraline“, „American Gods“ oder „Die Wölfe in den Wänden“ bekannt. Im englischsprachigen Raum dagegen ist die „Sandman“-Reihe besonders populär. Sie schaffte es sogar auf die Bestsellerliste der „New York Times“. Das neunzehnte Heft, in dem William Shakespeare seinen „Sommernachtstraum“ vor dem echten Oberon und dessen Gefolge aufführen muss, gewann als erster und einziger Comic den „World Fantasy Award“ für Kurzgeschichten. Als die Serie 1996 nach sieben Jahren auslief, lag das nicht etwa daran, dass es zu wenig Leser gegeben hätte, ganz im Gegenteil. Gaiman war einfach der Meinung, seine Geschichte zu Ende erzählt zu haben. Der Panini Verlag hat nun für deutsche Leser die insgesamt zweitausend Seiten zu zehn Sammelbänden zusammengefasst. Gerade ist mit „Das Erwachen“ der Abschlussband erschienen.

          Immer Ärger mit der Familie

          In den ungewöhnlichen, teilweise einer Traumlogik folgenden Geschichten stellt Gaiman nicht nur die verschiedensten Götterwelten vor; er hat auch eine spezielle Vorliebe für gebrochene, verletzte Charaktere von den Rändern der Gesellschaft: für Obdachlose, Verrückte, Transvestiten. Nie aber stellt er einfach nur deren Skurrilität aus, sondern sein Fokus liegt auf deren Liebenswürdigkeit und Wert. Joshua Norton, ein gescheiterter und des Lebens überdrüssiger Geschäftsmann, ist eine typische Gaiman-Figur: Der Sandman wettet mit seiner Schwester Despair, der Inkarnation der Verzweiflung, dass es ihm gelingen wird, Joshua vor ihrem bösen Einfluss zu bewahren. Zu diesem Zweck schenkt er dem Bedauernswerten einen Traum: Er macht ihn glauben, Joshua wäre der erste Kaiser der Vereinigten Staaten. Fortan zieht der unter dem Namen Norton I. durch die Straßen, schreibt Proklamationen und spricht zu seinem Volk. Er wird zu einer Institution, Zeitungen schreiben über ihn, Touristen lassen sich mit ihm fotografieren. Immer noch arm und auch ziemlich verrückt, wird er doch respektiert. Das Pflichtgefühl gegenüber seinen „Untertanen“ schützt ihn vor allen weiteren Zugriffen von Seiten Despairs. Joshua stirbt glücklich, und der Sandman hat die Wette gewonnen.

          Richtig wohl scheint sich der Sandman auf seinem Thron nicht zu fühlen – insgesamt ist er ein eher melancholischer Typ

          Norton I. hat es wirklich gegeben, allerdings im neunzehnten Jahrhundert. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie es Neil Gaiman in „Sandman“ immer wieder gelingt, Geschichte und Geschichten, Mythen und Alltag ineinander zu verweben. Das hat den schönen Effekt, dass der Alltag selbst eine mythologische Aufwertung erfährt. In der Figur des Sandman selbst zeigt sich das am besten: Er ist ein einsamer Sonderling, der als Herrscher über das Traumreich zwar gottgleiche Macht besitzt, sich aber ähnlich den griechischen Göttern mit sehr menschlichen Problemen herumschlagen muss. Vor allem macht ihm die Familie Ärger. Sandman taucht mal als Akteur, mal nur als sehr nachdenklicher, manchmal fast passiver Beobachter auf - ein Held, der mit sich hadert. „Der Herr der Träume lernt, dass man sich verändern oder sterben muss, und er trifft seine Entscheidung“, so charakterisiert Gaiman seine Titelfigur.

          Die Angst des Kalifen

          Diese Pflicht zur Veränderung ist auf jeder einzelnen Seite spürbar, auch ästhetisch, denn Gaiman hat bewusst immer wieder mit verschiedenen Zeichnern zusammengearbeitet, darunter Bekanntheiten wie Dave McKean oder Mike Dringenberg. Zeichenstil, Farbgebung und das Aussehen der Protagonisten wechseln dadurch ständig. Beim Lesen entsteht deshalb eine traumartige Unschärfe. Aber auch der Autor selbst macht im Verlauf der Geschichte eine Veränderung durch: Es ist einer der Hauptreize von „Sandman“, zu beobachten, wie Gaiman als Erzähler langsam zu sich findet und es immer besser schafft, seine Themen - Einsamkeit, Macht, Veränderung und Endlichkeit - zu verarbeiten.

          In „Ramadan“, einer der schönsten Geschichten des Zyklus, blickt der Kalif Harun al Raschid vom Dach seines Palastes auf ein mythisches Bagdad. Die prachtvollen goldenen Kuppeln, der unermessliche Reichtum und die lebhaften Märkte können sein Herz nicht mehr erfreuen, denn ständig denkt er daran, dass es mit der Pracht irgendwann vorbei sein könnte, dass seine Stadt, wie so viele vor ihr, im Wüstensand versinkt. Deshalb bittet er den Traumkönig, die Stadt mit in dessen Reich zu nehmen, damit sie wenigstens in den Träumen ewig existieren kann. Der Kalif erwacht zwischen ärmlichen, bröckelnden Fassaden: Die Geschichte endet in einem durch den ersten Golfkrieg zerstörten Bagdad. Ein im Bombenhagel verletzter Junge aber wandert durch die Ruinen, im Herzen den Traum von einem Bagdad voller Schönheit und Wunder.

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