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Büchner-Preisträger Grünbein über den Fall Hegemann : »»Plagiat««

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Durs Grünbein: „Jeder Satz und jeder Dialog wird durchatmet und durchströmt von der Inspiration einer großen Schöpferin” Bild: Helmut Fricke

Es ist keine Frage der Gesinnung oder des Rechts, die dieser Fall stellt, sondern eine Frage ganz ausschließlich des literarischen Urteils: Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein, Mitglied des Ordens pour le merite, über eine junge Autorin.

          Durch die Zeitungen gehen Bemerkungen, dass sich ein literarischer Skandal von seltener Spannung zutrage. Ein Plagiatfall. Von dem so schnell berühmt gewordenen Roman: „Axolotl Roadkill“ der Frau Helene Hegemann wird behauptet, dass die Verfasserin große Teile gar nicht ihr geistiges Eigentum nennen dürfe. Sie seien im einzelnen und im allgemeinen entlehnt, auch die Quelle wird angegeben: „die Namen der entlehnten Beteiligten aus dem Tagebuch des Bloggers Airen hat Frau Hegemann wohlweislich und bezeichnenderweise ausgemerzt, während sie es andererseits nicht für der Mühe wert hielt, die vorkommenden Handlungsorte zu verändern“.

          Also doch ziemlich konsequent. Frau Hegemann, die, um es gleich zu sagen, mir persönlich und außerhalb ihres Romans völlig unbekannt ist, hat also nicht nur plagiiert, sondern es auch noch träge und tolpatschig getan und gleichzeitig noch herausfordernd, da sie es nicht der Mühe für wert hielt, die Handlungsorte zu verändern. Dies wird festgestellt und behauptet von einer „Reihe bekannter literarischer Persönlichkeiten“ - sonderbare Persönlichkeiten müssen das wohl sein, sonderbare Vorstellungen müssen sie beherrschen über Stoff und Dichtung, sonderbare Gefühle, sonderbare Nerven müssen sie mitbringen für die Eindrücke, die sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!

          Denn es ist ja keine Frage der Gesinnung oder des Rechts, die durch Vergleichen, Silbenzählen, Interpunktionsmusterung, Namen- und Handlungsortkontrolle sich beantworten ließe, sondern es ist eine Frage ganz ausschließlich des literarischen Urteils, der affektiven Impression, der persönlichen Überwältigung, die das Buch ausübt oder nicht. Wer nur bis Namen und Handlungsorte kommt, dem wird die Gabe fehlen, sich überwältigen zu lassen selbst von diesem Buch, dessen Berückungsmacht ganz unvergleichlich ist in seiner Einheitlichkeit von Sprache und Lebensgefühl, die keine Lücke lässt, in seiner Geschlossenheit persönlicher Struktur, die etwas Fremdes zu dulden sich gar nicht in der Lage sieht.

          Sphären ohne Raum und Atem

          Hand aufs Herz, mir scheint, die Behauptung, in diesem Buch sei irgend etwas unverarbeitet liegengeblieben, quellenmäßig übernommen, entlehnt oder gestohlen, entspringt einem Mangel an Gaben. Es wäre genauso richtig und genauso sinnlos zu sagen, das Auge habe das Protoplasma bestohlen oder die Träne die Elemente, weil sie Chlornatrium enthält. Jeder Ursprung ist schließlich materieller Art, aber was Rainald Goetz, Jim Jarmusch oder den Text „Strobo“ des Bloggers Airen angeht, so kommen sie in diesem Buch schlecht weg: wo immer in ihm das Thematische sich nähert, wird es aufgelöst in den konstruktiven Affekt, das Authentische des Vorbilds in die Ordnung eines reflexiv Notwendigen, wo immer man die Seiten aufschlägt, tragen sie den Schein einer Schönheit, die ohne Makel, und die Gesetzmäßigkeit einer Szene, die die volle und krasse Echtheit ist.

          Was heißt demgegenüber Entlehnung, was Plagiat oder Herkunft des Materiellen, man vergesse doch nicht, dass diese Begriffe in Sphären liegen, die ohne Raum und ohne Atem sind. Seit es Welten gibt, wo immer sich Reiche des Geistigen bildeten wie heute im Internet, gab es nur eine einzige Sphäre, in der alle Begriffe des Seelischen Maß und Halt, Verurteilung oder Rechtfertigung enthielten, die Sphäre des Schöpferischen, die Kunst. Man sollte also nicht diese Begriffe an das Buch, sondern dies Buch an jene Begriffe anlegen und, wenn sie sich als albern oder langweilig herausstellen, sollte man sie abbauen oder übergehen.

          Begriffe wie Menschen, alles was nicht fühlt, dass dieses Buch jenseits der Nachprüfung steht und aller literarischen Intellektualismen. Dass von ihm jene erregende Sicherheit ausgeht, dass sich etwas Notwendiges und Neues unausweichlich auf einen zubewegt, jenes „Lawinengefühl“, wie ich es nennen möchte, das aufsteigt aus der großen amerikanischen Epik, sei es „Fänger im Roggen“ oder dem Montageroman der Beatniks. Ob dabei die Handlungsorte aus der Netzliteratur oder dem Nibelungenlied stammen, das tritt wohl ganz vor dem zurück, dass jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird von der Inspiration einer großen Schöpferin.

          Der Dichter Durs Grünbein, geboren 1962, veröffentlichte zuletzt „Die Bars von Atlantis: Eine Erkundung in vierzehn Tauchgängen“.

          Quelle: F.A.Z.

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