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Ausstellung 100 Jahre Gallimard : Ein Vertriebssystem für den Geist

Ein Schriftzug und ein Name, die aus dem literarisch-intellektuellen Leben Frankreichs nicht wegzudenken sind. Bild: AFP

Der Verlag Gallimard, eine literarisch-intellektuelle Zentralinstanz Frankreichs, wird hundert Jahre alt. Eine vorzügliche Ausstellung in der Pariser Nationalbibliothek gibt Einblicke in seine überreiche Geschichte.

          "Was halten Sie von meiner Idee einer Kooperative ohne Profitabsicht zur Veröffentlichung schöner Bücher, so nahe wie möglich an verbindlichen Erstausgaben und den Vorstellungen der Autoren, und ohne Stiche. Läge darin nicht wirklich eine hohe Form der Wohltätigkeit? Und vielleicht wäre es sogar ein gutes Geschäft!" So schrieb André Gide Anfang 1909 an Paul Claudel. Als Schriftsteller von Rang waren damals bereits beide bekannt, viel mehr allerdings verband den erzkatholischen Moralisten und den zumindest für damalige Verhältnisse das Libertine streifenden, bald auch bekennenden Homosexuellen Gide eigentlich nicht. Bis auf die Bücher eben und die Einschätzung des gegenwärtig erreichten Zustands des Verlagswesens, für den Claudel naturgemäß die voller tönenden Worte fand. "Barbarisch und unorganisch" sei er, aber es werde eben darauf ankommen, "ob ein kommerzielles Unternehmen davon leben könne, ausschließlich in Form wie Substanz exzellente Werke herauszubringen".

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Erstaunlicherweise klappte es mit der Gründung eines kleinen Verlags 1911 dann wirklich. Wenn auch nicht ganz im Sinne Claudels, der sich später noch oft über die mit ihm publizierten Autoren entrüsten sollte. Und auch mit dem Geschäft, das Gide nicht ganz hatte ausschließen wollen, wurde es mehr als zehn Jahre lang vorerst nichts; es musste im Gegenteil von den Eigentümern zugeschossen werden, bei denen sich aber glücklicherweise Passion für die Literatur mit einem gediegenen bürgerlichen Hintergrund verband. Doch Mitte der zwanziger Jahre war schließlich sogar diese Hürde genommen, nachdem der inhaltliche Anspruch und die bis ins typographische Detail penible Gestaltung in den tonangebenden literarischen Zirkeln ohnehin gleich für Furore gesorgt hatten. Der Weg ging nun auch geschäftlich fast nur noch nach oben - und hundert Jahre nach der Gründung ist auf die Erfolgsgeschichte eines Verlags zurückzublicken, der sich über die Jahrzehnte hinweg auf verblüffende Weise als eine Zentralinstanz des französischen Geisteslebens behauptet hat. In einer Ausstellung der französischen Nationalbibliothek aus Anlass den Centenariums kann man sie in einem Parcours durch Briefe, Manuskripte, Bücher und Filmausschnitte Revue passieren lassen.

          Der Geist der Nrf

          Die Rede ist natürlich von den Éditions Gallimard. Selbst wenn Gide und sein Freundeskreis das Verlagsprojekt unter dem Zeichen der 1909 begonnenen Zeitschrift "Nouvelle Revue Française" (Nrf) auf den Weg gebracht hatten, das bis heute auf renommierten Reihen des Hauses zu finden ist. Die Nrf, selbst ein Durchbruch mit ihrem programmlosen Programm von Literatur jenseits aller moralischen und politischen Inanspruchnahmen, war der Ausgangspunkt und blieb bis zum Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Antriebsmoment, zuerst des von ihr getragenen "comptoir d'édition", dann des sich stetig vergrößernden Verlags.

          Gaston Gallimard in frühen Jahren (undatierte Fotografie)
          Gaston Gallimard in frühen Jahren (undatierte Fotografie) : Bild: Archives Gallimard

          Der entscheidende Anstoß für diese Vergrößerung und Professionalisierung aber war die Beiziehung des jungen Gaston Gallimard, Sohn eines betuchten Kunstsammlers, bibliophil und, wie sich schnell zeigen sollte, von sicherer Hand sowohl im Umgang mit Setzern und Buchhändlern wie mit Autoren. Drei Jahre später kam es zwar noch einmal zu Diskussionen, als Gide bemerkte, dass der junge Bohemien, dem man solches Standvermögen gar nicht zugetraut hatte, die Verlagsgeschäfte zielstrebig bei sich vereinte. Aber die Entscheidung fiel für Gaston Gallimard - und damit auch für die Eröffnung einer Familiengeschichte, die über drei Generationen bis zu Antoine Gallimard führt, der die Geschicke des Hauses seit den späten achtziger Jahren leitet.

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