Home
http://www.faz.net/-gqz-6m85f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Theaterfestival Avignon Damendramen im Steinbruch

Bei den weltgrößten Theaterfestspielen küsst Dionysos Madame Wagner nicht, tanzt aber mit den Töchtern des Sophokles. Avignon ist immer schon mehr gewesen als nur ein Festival.

© AFP Vergrößern Ihr wird der Strindberg leicht: Juliette Binoche als Fräulein Julie in Avignon

Avignon während der weltgrößten Theaterfestspiele: Durch die Straßen wühlen sich eine Million Besucher; an die neunhundert Theatergruppen buhlen mit Plakaten um deren Aufmerksamkeit; dazwischen Schauspieler, schon im Rollenkostüm, auch sie machen Reklame, schreien in Megaphone, musizieren und tanzen wie die Derwische oder ziehen Fratzen wie im Nô-Theater. Ein einziger dramatisch bebender Karneval.

Als Gegenentwurf zum verstaubten Pariser Nationaltheater 1946 gegründet, ist Avignon immer schon mehr gewesen als nur ein Festival: Fest des Theaters und Laboratorium für neue Formen, wo mit Ernst und Eifer verhandelt wird, was Kultur kann. Die Polemik gehört dazu wie der Mistral, der durch die engen Gassen am Fuß des Papstpalastes weht. Dieses Jahr schoss sich „Le Figaro“ auf die Festspielchefs Hortense Archambault und Vincent Baudriller ein: Die Comédie Française werde ignoriert, die Klassiker geschmäht, beliebte Schauspieler wie Fabrice Luchini übersehen, der Avignon gar als „Ort einer Sekte“ geißelte.

Mehr zum Thema

Dabei sind unter den siebenunddreißig Stücken des offiziellen Festspielprogramms, die durch weitere zwölfhundert Veranstaltungen des Off-Festivals ergänzt werden, durchaus Klassiker zu finden. Die Vorherrschaft des postdramatischen Theaters scheint gebrochen, es darf auch wieder Text gesprochen werden, die Dichter sind zurück. Und was wäre klassischer als die lange Theaternacht des Wajdi Mouawad, der unter dem programmatischen Titel „Des femmes“ (Frauen) im Steinbruch von Boulbon drei Stücke von Sophokles miteinander verknüpft: „Die Trachinerinnen“, „Antigone“ und „Elektra“. 1968 im Libanon geboren, durch den Libanonkrieg exiliert in Paris, leitet Mouawad heute als Nachfolger von Robert Lepage das bedeutendste französischsprachige Theater im kanadischen Ottawa.

FRANCE-CULTURE-THEATRE-FESTIVAL-AVIGNON © AFP Vergrößern Die Protagonistin zerschellt an den Männerweltkonventionen ihrer Zeit

Das Unglück lauert an jeder Ecke

Seine drei antiken Heldinnen eint der existentielle Kampf, den sie gegen den Rest der Welt führen: Deianeria, die an der Zuneigung ihres Mannes Herakles zweifelt und ihn durch eine Verwechslung umbringt, ringt mit unglücklicher Liebe; Antigone, die ihren getöteten Bruder Polyneikes nach dem Ritus der Götter bestatten will, kämpft gegen die männliche Herrschaft ihres Onkels Kreon; Elektra schließlich, die den Mord ihrer Mutter Klytämnestra an ihrem Vater Agamemnon rächen will, streitet um ein schreckliches familiäres Erbe. Für die äußeren und inneren Gefechte dieser Verdammten wurde der nahe Avignon gelegener Steinbruch ausgewählt, in dem Peter Brook schon in den frühen achtziger Jahren sein indisches Mahabharata-Epos zeigte. Die imposante Naturbühne mit den steil herabfallenden Felswänden unter freiem Himmel ist wie geschaffen für die griechische Tragödie. Tausend Zuschauer verfolgen auf spartanischen Stühlchen, mit Decken gegen die Kälte behängt, gebannt das siebenstündige Spektakel, bis nach all der Verschwörung, Feindschaft, Mord und Vergeltung gegen fünf Uhr die letzte Silbe des Chorführers in der Morgendämmerung verhallt.

Auf der kahlen Bühne stehen ein paar Stühle, nach hinten wird die Szene durch einen Vorhang begrenzt, eine rollende Metallbrücke kann es regnen lassen. Und es regnet viel in der kalten Welt von Kalydon, Theben und Mykene, in der die Götter die Menschen alleingelassen haben und nur durch Orakel zu ihnen sprechen. Die Elemente Wasser, Erde, Licht haben es Mouawad angetan. Ständig wird irgendwer auf der Bühne nass, springt in Wassertonnen oder beschmiert sich mit Schlamm. Scheinwerfer werfen die Schatten der acht Akteure übergroß an die Felswände links und rechts. In diesem Griechenland lauert das Unglück an jeder Ecke. Die Schauspieler schreien um ihr Leben, schmeißen ihre Arme in die Luft, krümmen sich vor Schmerz. Charlotte Farcet wirbelt als Antigone in Unterwäsche und mit Erde verkrustet über die Bühne, als wollte sie Lara Croft Konkurrenz machen. Und Sara Llorca als Elektra scheint im langen Mantel geradewegs einem Western entsprungen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vorschau auf die Theatersaison Hoppla, wir sterben!

Das Theater hat große Angst, nichts mehr zu bedeuten. Also läuft es vor sich davon und treibt sich dort herum, wo es nicht hingehört. Und schafft sich so ab. Was aber wird dann aus dem Zuschauer? Mehr

19.07.2014, 15:01 Uhr | Feuilleton
Glosse Schneckentempo

Eigentlich ist der Superschnellzug TGV eine Supersache. Doch er hat auch seine Tücken und wird manchmal zum Bummelzug, wie eine Fahrt von Frankfurt nach Avignon beweist. Mehr

17.07.2014, 18:33 Uhr | Reise
Claudio Magris’ Europäische Idee Wir brauchen mehr rheinischen Kapitalismus

Es knirscht im Gebälk der Europäischen Union. Um die Katastrophe abzuwenden, brauchen wir wieder eine größere Treue zum ursprünglichen Kern der europäischen Idee. Mehr

20.07.2014, 14:36 Uhr | Feuilleton

Ein Streit im Hause Springer

Von Michael Hanfeld

In „Bild am Sonntag“ hat der stellvertretende Chefredakteur einen Islam-Kommentar geschrieben, den man auf die Kurzformel „Nein danke“ bringen kann. In der „Bild“-Zeitung hat deren Chefredakteur Kai Diekmann scharf repliziert. Was sagt uns das? Mehr 72