07.07.2004 · Jenseits in Afrika: „Tierno Bokar“ erzählt die Biographie eines Sufi-Gelehrten. Der geniale Peter Brook, der das Stück für die Ruhrtriennale inszeniert, spiegelt darin mit großer Klarheit den aktuellen „Clash of Civilizations“.
Von Andreas RossmannEigentlich geht das nicht mehr, so eins zu eins. Ein Erzähler stellt Tierno Bokar, den Weisen von Bandiagara, vor und schildert, wie dieser zwischen Gebetsmatte und Moschee, zwischen seinen Schülern und seinen Freuden sein Leben lebt. Wie er frühmorgens aufsteht, an den Hütten vorbeigeht, die Türmatten schüttelt und zum Gebet ruft.
Und genau das macht Sotigui Kouyate, der neben ihm hockt und den Tierno Bokar spielt, dann auch, erhebt sich, läuft imaginäre Hütten ab und ruft "Assalat! Assalat!" Was der Erzähler, den Habib Dembélé in einem langen himmelblauen Gewand gibt, erzählt, wird vom Schauspieler nachgespielt, dieser verdoppelt, was jener vorgibt: Das Theater nimmt sich zurück und bescheidet sich damit, den Text zu illustrieren.
Poetischer Zauber
Doch es ist der große Peter Brook, der mit "Leben und Lehre des Tierno Bokar", so der diesem Theaterabend zugrundeliegende Roman des malischen Schriftstellers Amadou Hampaté Ba (1901 bis 1991), bekannt macht, und deshalb liegt von Anfang an bei aller Lakonik und Einfachheit über Brooks Urauführung für die Ruhrtriennale in Duisburg, die er wieder einmal nur als "theatralische Recherche" bezeichnet, ein poetischer Zauber.
Eigentlich ist das eine ziemlich unmögliche Geschichte, weit weg und nicht mehr von dieser Welt: die Biographie eines Sufi-Gelehrten, der von 1875 bis 1940 lebte und dem Ba, der einer seiner Schüler war, mit seinem Roman ein literarisches Denkmal setzt. Bescheiden und in sich gekehrt hat er gelebt, Geduld und Ausdauer, Askese und einen toleranten Islam gepredigt, aber auch gesagt: "Nimm dir vom Leben, was du brauchst."
Diskurs über die Wahrheit
Erzählt wird, wie Tierno Bokar seinen Jüngern den Weg weist, Maabal, dem Weber, dem jede Materie transparent wird, Amkoullel, der in Uniform und Sonnenbrille zurückkehrt und dem er beibringt, den Glauben der anderen zu respektieren. Tief ins Herz von Afrika, zu animistischen Sitten und Bräuchen wie zu kolonialistischen Gewalttaten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dringt die Geschichte und führt zugleich einen Diskurs über die Wahrheit: Wenn zwei miteinander sprechen, blicken sie sich wie Halbmonde an, um sich vielleicht in dem großen Kreis zu begegnen.
Kein Drama wird ausgetragen, ein dramatischer Konflikt nur erzählt: Chérif Hamallah hat beschlossen, das Gebet "Die Perle der Vollendung" elfmal zu sagen, wie es sein Meister Scheich Achmed Tidjani tat, ehe er es zwölfmal zu sagen begann. Friedlich existieren beide Versionen nebeneinander, eines Tages aber will Mamádou Salim, der bei Scheich Amadou Sidi das "Elf-Perlen-Gebet" gelernt hat, seinem Meister die Ehre erweisen und findet kein anderes Präsent als die silberne Teekanne, die er schon seiner Frau geschenkt hatte.
Das „Elf-Perlen-Gebet“
Kurz darauf wird er festgenommen und stirbt in der Haft, seine Frau stürzt zu Amadou Sidi und will die Kanne zurück, dieser will sie nicht - "geschenkt ist geschenkt" - wieder herausrücken, woraufhin sie ihn anzeigt beim Kreiskommandanten, der ihn des Diebstahls anklagt und das, da er das "Elf-Perlen-Gebet" betet, mit dem Vorwurf des religiösen Ungehorsams verknüpft: "Hinter jedem Versuch einer Änderung steckt ein Subversionsversuch."
Amadou Sidi wird der Prozeß gemacht, Chérif Hamallah ins Exil geschickt. Eine winzige Meinungsverschiedenheit löst eine Kette von Konflikten, Migration und Massaker aus. Die Frage der Orthodoxie gerät in die Mühlen einer Ideologie und endet im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der die französische Kolonialmacht in Afrika erreicht. Der Streit über die Teekanne wird zum Kesseltreiben.
Spirituelle Intensität
Eigentlich gibt es solche Helden nicht mehr. Denn Tierno Bokar ist mehr als nur ein schwarzer Wahlverwandter von Nathan dem Weisen und Mahatma Gandhi, ein Märtyrer, der, furchtlos und unabhängig, keine Schwäche, keine Zweifel und keine Widersprüche kennt. Am Ende übergibt er sich, ausgegrenzt und abgemagert, selbst dem Tod. Der Stoff für eine Heiligenlegende könnte das sein, doch die theatralische Adaption von Marie-Hélène Estienne hat eben der geniale Peter Brook inszeniert, und so gewinnt Tierno Bokar, wie Sotigue Kouyaté ihn darstellt, eine hagere Würde und spirituelle Intensität von ganz gelassener, anrührender Selbstverständlichkeit.
Eigentlich grenzt das nah an den Kitsch. Kein leerer Raum, sondern eine flexible Einrichtung aus Korbgeflecht und Bast, mit Matten und Wänden, Säulen und Hockern sowie einem nackten, sich gabelnden Stamm, der sich drehen und rollen läßt: Wie die Ethno-Nische eines großen Möbelhauses nimmt sich die Bühne aus. Rechts sitzen, leicht erhöht, zwei Musiker, die zupfend, trommelnd und flötend, eine Vielzahl traditioneller afrikanischer Instrumente bedienen und dem Erzähltheater einen feingesponnenen Klangteppich unterlegen. Doch Regie führt der Theaterweise Peter Brook, und was sich als Folklore-Bebilderung anbiedern könnte, verspannt sich in der Gebläsehalle des Hüttenwerks Meiderich im Landschaftspark Nord zu einer fremden Geschichte von einfacher Anmutung.
Eigentlich hat die Aufführung alle Voraussetzungen für ein afrikanisches Krippenspiel, doch - und das ist ihr kleines Wunder - Peter Brook, der sie mit seinem internationalen Ensemble für die Ruhrtriennale in Duisburg zur Theaterwelt gebracht hat, macht mit seiner unprätentiösen Spielweise eine unaufdringliche Parabel von anrührender Unmittelbarkeit daraus: In den entlegenen Auseinandersetzungen spiegelt sich der aktuelle "Clash of Civilizations", wie es in dieser szenischen Klarheit und berückenden Nähe eben nur ein Theater der extremen Reduktion vermag.