27.10.2001 · Schluss mit Pop: Torsten Schillings Neustart mit „Unter Land“ am Jungen Theater Göttingen.
Von Ole HruschkaTorsten Schilling, neuer Leiter und erster Regisseur des Jungen Theaters in Göttingen, hat kein leichtes Erbe angetreten. Zwar genießt sein Haus als kleines wunderliches Pflänzchen innerhalb der deutschsprachigen Theaterlandschaft einen besonderen Ruf. Unter der Intendanz von Werner Feig, mittlerweile Dramaturg am Staatsschauspiel in Hannover, wurde hier in den letzten Jahren alles engagiert, was Glamour und Publicity versprach.
Doch trotz der erwünschten überregionalen Aufmerksamkeit, die von der neuen Leitung nur schwer zu übertreffen sein wird, wurde in den vergangenen Spielzeiten jener Teil des Göttinger Publikums vergrault, der mit poppig aufbereiteten Problemen sinnsuchender Endzwanziger nichts anzufangen wusste.
Neustart mit deutschsprachigen Uraufführungen
„Neustart“ lautet nun das Motto der neuen Spielzeit, die sich neben eigenen Projekten und der Kooperation mit anderen Kultureinrichtungen der Stadt insbesondere der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik widmet. Gefördert werden sollen unentdeckte Talente, die noch nicht an den großen Bühnen angekommen sind. Mit Spannung erwartet wurde daher die Uraufführung von „Unter Land“, dem dramatischen Debüt der 29-jährigen Anne-Katrin Schulz, die im April diesen Jahres den Nachwuchsförderpreises der Freunde des Deutschen Schauspielhauses Hamburg erhielt.
Heraus aus der Enge
Der Plot des tragischen Geschehens in „Unter Land“ ist schnell erzählt: Ein junges Geschwisterpaar, Lisa und Felix, flüchtet aus der seelenlose Enge der Heimat, auf der Suche nach beseelteren Orten, auf der Suche nach „Übersee“. Den Erlebnissen der Ausreißer ist der Alltag der zurückgelassenen Elterngeneration gegenüber gestellt, die als Vorbild nicht taugt. Der blinde Vater Paul fristet mit seiner Schwester Maria, die ihn pflegt, ein tristes Dasein. Als die Rückkehr der Kinder sich nicht einstellt, gehen sie gemeinsam in den Tod.
Doch die krasse Geschichte über Krankheit und Einsamkeit, über Weggehen und Erwachsenwerden ist nur auf den ersten Blick so grausam wie märchenhaft simpel. Eindringlich und mit sicherem Gespür für komplexe Bilder macht die Inszenierung die Erfahrungswelten zweier Generationen sichtbar, die sich nicht mehr begegnen: Auf der Vorbühne sehen wir eine komplett mit Filz bekleidete Wohnküche, in der Vater Paul (Haye Graf) immer wieder von seiner stürmischen Vergangenheit auf hoher See eingeholt wird und auch Maria (Agnes Giese) sich nach scheiternden Ausbruchsversuchen in ihrer Orientierungslosigkeit verliert.
In der blau gehaltenen Weite der Hinterbühne spielt das Schicksal der Kinder. Großäugig und voller Unschuld ist die junge Lisa (Nora Düding) den ersten bitteren Erfahrungen mit Männern ausgeliefert. Ihr großer Bruder Felix (Michael Schwyter) hat es da besser. Er begegnet der desillusionierten Bille (auch eine Entdeckung: Stephanie Kühn), deren Pragmatismus ihm den rechten Weg weist: „Bevor ich vollends versterbe, gehen wir lieber Linsensuppe essen.“
Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit
„Unter Land“ wird in dieser kurzweiligen Inszenierung nie zum verkitschten Rührstück, auch wenn gelegentlich mehr Mut zu einer abstrakteren, weniger gefühlsseligen Spielweise angebracht gewesen wäre. Die sprachlichen Stilisierungen der Vorlage verhinderten insgesamt allerdings jeden falschen Pathos. Mit ihrem ersten Stück hat die viel versprechende Anne-Kathrin Schulz ein gut gebautes, absolut bühnentaugliches Familiendrama geschrieben, in dem kaum ein Wort zuviel steht. Auf ihrer Suche nach einer neuen Ernsthaftigkeit sind den Göttinger Theatermachern um Torsten Schilling mehr solcher erfolgreicher Entdeckungen zu wünschen.