08.04.2001 · In seinem neuen Stück schaut der Dramatiker Botho Strauß in die kleinen Gemeinschafts- und Einsamkeitswaben der Gesellschaft.
Das jüngste Stück von Botho Strauß mit dem Titel „Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia“ ist am Samstagabend bei seiner Uraufführung im Schauspiel Bochum vom Publikum gefeiert worden. Intendant Matthias Hartmann setzte das vierstündige poetische Gesellschaftspanorama des Dramatikers in eindrucksvolle Szenen um.
Kulturpessimist Strauß nimmt in seinem verschwenderischen Welttheater die Handy-Gesellschaft der jüngsten Jahrhundertwende ins Visier. In der knallroten Lobby, in Restaurants oder Konferenzräumen des Hotels „Confidence“ laufen sich die Figuren über den Weg - alles Typen mit psychischen und physischen Macken. In kurzen Momentaufnahmen entlarven sich ihre Beziehungen als kalt, egozentrisch oder geprägt von amüsantem Zynismus.
Die Geschichte eines ambitionierten Kleinverlegers...
„Menschen von heute sind doch nicht mehr ernst zu nehmen“, sagt der Tournee-Artist Alfredo zu seinem langjährigen Bühnenpartner Vittorio. „Die sich nicht mögen, glauben an die höhere Kraft des Sich-Nicht-Mögens“. Im Gewirr dieser Menschen im Hotel, „die so sein wollen wie alle,
nur einen Tick besser“, erzählt Strauß die Geschichte des angeblich ambitionierten Kleinverlegers Zacharias Werner („Kommissar-Rex-Mime“
Tobias Moretti) und der Erfolgs-Autorin Sylvia Kessel (Dörte Lyssewski).
Werner ist zwar ein närrischer Idealist, der sich wortreich gegen die Macht des Mammons stemmt. Andererseits umgarnt er die Frauen, beutet sie finanziell und sexuell aus für seinen Erfolg. Nach anfänglicher Skepsis entsagt Autorin Kessel sogar lukrativen Angeboten großer Verlage - Schecks natürlich in Euro - und folgt dem Enthusiasten, der vom „nachhaltigen Kulturgut Buch“ faselt und dafür kämpft, dass erfolgversprechende Literatur nicht in Tschibo-Auslagen endet.
... der unter das Dach einer Verlagsgruppe kriecht
Sein Ende ist dennoch absehbar. Werner kriecht bankrott unter das Dach der finanzstarken Verlagsgruppe Briggs, die schließlich im Handstreich von einem spanischen Medienmogul ohne Sinn für feine Literatur-Projekte geschluckt wird. Der Narr und seine Autorin landen schließlich wieder ganz am Anfang ihres Selbstbetrugs über die Macht des Geldes im Kulturbetrieb und leihen sich schließlich das Geld für Lesereisen von zwei Telefonistinnen an der Rezeption. Zeit für Durchhalteparolen: „Wir ziehen weiter.“
Bochums Schauspiel verteidigt mit diesem Stück erneut seinen Spitzenplatz unter den wichtigsten deutschsprachigen Sprechtheatern. Am Ende gab es gut zehn Minuten lang Beifall für alle Beteiligten.