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Theater in Wien Der Großtyrann und das Gezücht

Mehr Witz als Wehmut, und Tort mit Aussicht: Matthias Hartmann inszeniert Tschechows „Onkel Wanja“ im Wiener Akademietheater und legt seinem Star Gert Voss lauter komische Leute zu Füßen.

© dapd Ein himmlischer Hypochonder: Gert Voss mit Caroline Peters in Matthias Hartmanns Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ im Wiener Akademietheater

Das Stück heißt hier so falsch, wie es anderswo auch immer falsch heißt. Man sieht Tschechows „Onkel Wanja“ ja oft als „Schwägerin Elena“ oder als „Doktor Astrow“, sehr selten auch als „Tochter Sonja“. Je nachdem, wer als Hauptperson herausgestellt wird. Onkel Wanja freilich ist es nie.

Gerhard Stadelmaier Folgen:

So auch nicht im Wiener Akademietheater, wo Nikolaus Ofczarek den Wanja als einen in die Torschlusspanikjahre, ins Feiste und ins Lebens- und Liebesverzweifelte geratenen Rosé-Steppen-Dandy spielt, dem die öde Last der Gutsverwalterjahre die Lust am Einstecktuch genommen haben. Und hätte er überm schütteren Bart sich nicht die Sonnenbrille vorbehalten, er hätte nichts Apart’s für sich. Die Hauptrolle spielt er nicht.

Von Anfang an fällt alles Licht auf Gert Voss

Das Stück heißt hier „Professor Alexander“. Auf ihn fällt alles Licht der Mise en scène. Gert Voss spielt ihn. Ihm gehört gleich der erste Auftritt, obwohl er erst im zweiten Akt die Bühne betreten dürfte. Und die Szene, mit der er den Abend knalleffektiv beginnt, käme eigentlich erst im dritten dran. Ein Schuss fällt, großer Lärm, noch ein Schuss. Stimmengewirr. Der Professor, eine große, elegante, königliche Gestalt im schwarzen Anzug zu schwarzem Seidenhemd und Silbermähne, stürzt, den Silberknaufstock mehr wie eine Fuchtel- statt wie eine Gehhilfe benutzend, zur Rampe. Wanja taucht hinter einer wie laubgesägten löchrigen bühnenhohen Wand aus Holzrahmen auf, hinter der zehn Kronleuchter dekorativ baumeln, und ballert auf den Professor. „Daneben!“ - zwar. Aber die Szene sagt und zeigt gleich: Auf den geschossen wird, um den geht’s! Obwohl keiner zu diesem Zeitpunkt verstehen kann, warum.

Die Kenner wissen: Der Professor, dessen erste, verstorbene Frau die Schwester Wanjas war, und der jetzt mit seiner zweiten, schönen, jungen Frau, die hier allen, vor allem aber Wanja und dem Doktor Astrow die Köpfe verdreht, den Sommer auf dem Gut verbringt, das seiner ersten Frau gehörte, will das Anwesen verscherbeln. Wanja, der sich fürs Gut und dessen Erträge, die alle dem Professor zugute kamen, aufgeopfert hat, dreht durch und schießt auf den Professor. Den er für sein verpfuschtes, vertanes, nutz- und liebloses Wanja-Leben verantwortlich macht. All diese Schmerzen inklusive vergeblicher, lächerlicher Liebesnäherungsversuche an die junge Frau des alten Professors hat er bis zum dritten Akt leidlich vorgebracht. So dass der Schuss dann kein Rätsel ist.

Fotoprobe "Onkel Wanja" © dapd Vergrößern Lauter verzweifelte Schlapplinge mit großen Sehnsüchten: die Provinzgesellschaft von Tschechows Stück

Jetzt aber, gleich zu Beginn, ist er schon ein Rätsel. Für die Nicht-Kenner. Sie aber werden von der Regie erlöst. Sie lässt die eine Laubsägelöcherwand samt den Kronleuchtern hochfahren, dann noch eine. Dann ist die Bühne bis zur Brandmauer leer, und an einem großen Tisch scheint ein dicker, rosiger Herr mit dem Rücken zum Publikum eingeschlafen. Vielleicht hat er die Szene nur vorausalbgeträumt oder sie sich vorausalbgewünscht. Könnten die Nicht-Kenner sich denken. Das aber wäre wenig mehr als ein ziemlich halbgarer Regie-Hilfseinfall.

Auf jeden Fall ist der Professor ins Zentrum geschossen. Der Regisseur und Burgtheaterchef Matthias Hartmann lässt dem größten Schauspieler seines Hauses den Vortritt vor aller Logik und ihn auf dem Thron des leicht Irrealen Platz nehmen. Selbst dann, wenn er nicht auf der Bühne ist, scheint Voss herrisch an Fäden zu ziehen, an denen die anderen reaktiv zappeln. Der Großtyrann und das Gezücht.

Lauter verzweifelte Episodenmenschen

Der „Wanja“, Anton Tschechows kürzestes, kleinstes, trockenstes, witzigstes Drama, in dem nichts wie in seinen anderen Stücken zwischen den Zeilen ungesagt bleibt, alles in den Zeilen offen ausgesprochen wird, handelt von der großen Banalität des kleinen falschen Lebens, dem alle resigniert erliegen. Die junge, schöne Frau Elena, die lieber einen jungen Mann hätte, aber einen alten geheiratet hat. Der junge Mann Wanja, der alt wird („Mein Gott, ich bin fünfundvierzig!“), ohne zu wissen, wozu. Der Doktor Astrow, der niemanden heilt. Das junge hässliche Mädchen Sonja, die Tochter der ersten Frau des Professors, die den Doktor liebt, der aber die schöne Elena liebt, die niemanden liebt.

Lauter verzweifelte Schlapplinge. Episodenmenschen. Leute, die eine unendliche Sehnsucht im Kopf haben, aber mit dem endlichen lächerlichen Tort, den das Leben ihnen antut, zusammenstoßen - was einen komischen Knall ergibt.

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