In Berlin tut man sich derzeit ziemlich schwer mit dem Fliegen: Der neue Flughafen wird erst erheblich später als geplant eröffnet, die alten Flughäfen sind überlastet - oder schon geschlossen. Wie in Tempelhof, wo sich auf dem Gelände des ehemaligen Airports seit zwei Jahren ein riesiges Freizeitgelände erstreckt. Es hat die Ausmaße der Prager Altstadt und fungiert in seinem renaturierten Wildwuchs mit überwucherten Asphaltwegen und verblassten Bodenmarkierungen als urbanes Freigehege. Auf diesem weiten Feld veranstaltet das Berliner Hebbel Theater am Ufer (HAU) zum Ende der neunjährigen Intendanz von Matthias Lilienthal nun „The World is not fair - Die große Weltausstellung 2012“.
In Zusammenarbeit mit der Architektengruppe „raumlaborberlin“ entstanden fünfzehn Pavillons, die laut Programm „nicht als Agenten der Markenbildung von Nationalstaaten“ gelten, sondern „Orte höchst subjektiver künstlerischer und politischer Reflexion“ sein wollen. Unklar bleibt, warum diese sehr provisorischen „Orte“ in solchen Entfernungen voneinander plaziert wurden, dass man sie ohne Fahrrad nur mit zum Teil halbstündigen Fußmärschen erreichen kann - und warum sie die rot-weiß gestreifte Außengestaltung der vorhandenen Gebäude übernahmen, als wollten sie unter keinen Umständen auffallen. Der Vorteil dieser Strategie ist freilich, dass damit die bizarre innerstädtische Landschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt: Denn der Himmel ist hier weiter als überall in Berlin, das Brausen der nahen Autobahn klingt fast melodisch, am Rand saust die S-Bahn wie ein Spielzeugzug vorüber. Und die Zuschauer können ihre Verwunderung wie ihren Verdruss angesichts der mit rhetorisch auftrumpfender Reklameprahlerei präsentierten Lappalien beim Radeln oder Wandern abreagieren.
Ein naives Spiel
Vorbei an der umgebauten Ballonhalle, in die Olafur Elissasons Institut für Raumexperimente temporär gezogen ist und allerlei Vorträge und Seminare anbieten wird, vorbei an Harun Farockis Videostudie „Parallele“, die sich auf die Konstruktion von Realität mittels digitaler Bildproduktion konzentriert, und vorbei am Festivalzentrum, das aus bereits vorgefundenen Materialien errichtet wurde und einer Betonmischanlage ähnelt, geht es hinaus ins offene Terrain und mitten durch den fördergremientauglichen Diskursdschungel, den die ausgewählten Künstler - wie nachzulesen - bestens beherrschen.
So könnte man Toshiki Okadas „Unable to see“ als bewusst naives Spiel mit den Erwartungen des Publikums interpretieren, das sensationslüstern auf Enthüllungen über die Reaktorkatastrophe von Fukushima wartet. Manche behaupten ja allen Ernstes, Okadas Pavillon mit den nackten Stahlverstrebungen erinnere an die havarierten japanischen Reaktorblöcke. Man könnte jedoch das, was ein „Regisseur“ und sein „Assistent“ mit Megaphon, Schutzbrillen, gelben Gummistiefeln und bemüht ironischen Dialogen treiben, auch als peinliches wie verniedlichendes Laienspiel bezeichnen, das nicht besser wird, wenn Wim Wenders Schwärmerei für 3-D-Filme veralbert wird.
Die Geschichte des Tempelhofer Areals
Unverdrossener Dilettantismus charakterisiert ebenfalls die anderen Pavillons, ob dort mehr schlecht als recht in einem „World Freud Center“ mit viel Geschrei „Die Urszene!“ aufgeführt, ob ein Computerspiel nachgestellt, ob das Genre der Seifenopern parodiert oder ob eine Versammlungsstätte für Menschen ohne festen Wohnsitz gebastelt wird: mit Turm und Windfahne. Überhaupt haben die neuen Örtlichkeiten gern eine Empore, von der aus man nichts tun kann als hinunterblicken, was alle Beteiligten trotzdem ziemlich begeistert haben muss.
In „Feldpost 2012“, einem der ernsthafteren Beiträge, beschäftigt sich der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger mit der militärischen Vorgeschichte des Tempelhofer Areals von den Paraden unter Friedrich dem Großen über die Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg bis zur Luftbrücke. Seltsam und zugleich anrührend ist die Klangskulptur „Farafra“ des Niederländers Willem de Rooij, der die atmosphärisch verdichteten Geräusche einer ägyptischen Kamelfarm in einem zeltartigen Holzbau zum Hören bringt. Bilder werden nicht gezeigt, aber im Kopf des Betrachters plastisch und poetisch ausgelöst.
Ohne die paar gelungenen, kunstvollen Arbeiten wäre diese „Große Weltausstellung“ in noch stärkerem Maße ein großer Bluff aus Aufschneiderei, Trash und Einfalt. So steht man plötzlich vor einem über vierzig Meter langen Tunnel, dessen linke Seite schräge Lamellen mit Fotos bilden, die sich beim Vorbeilaufen in einer Art Daumenkino zu einem Film zusammensetzen: Ein syrischer Soldat hebt sein Gewehr, zielt, und während man auf eine präparierte Platte tritt, die laut rumpelt, schießt er auf die Person, die ihn filmte und in deren Position sich jetzt der Betrachter befindet. „Double Shooting“ heißt die beklemmende Installation des libanesischen Schauspielers, Regisseurs und Autors Rabih Mroué, basierend auf wohl echtem Material aus dem Internet.
Ansonsten sorgt die Exposition zumindest dafür, dass man wieder mal ins Freie kommt - und dabei von keinem Fluglärm gestört wird. Vielleicht ist ihr Mehrwert ein Vorschlag für die Zukunft: Auf dem Boden bleiben. Nachdenken. Flanieren. Tee trinken.