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Theater Der Verteidiger als Menschenfreund

18.02.2012 ·  Er schrieb Theatergeschichte und gehörte zu den wichtigsten Regisseuren im deutschsprachigen Raum: Thomas Langhoff. Nun ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

Von Gerhard Stadelmaier
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Er kam von außen. Und gehörte drinnen, hüben wie drüben, nur distanziert dazu. Ein Kind der Emigration, geboren 1938 in Zürich, wohin sein Vater, der kommunistische Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, ein expressionistischer Realist, vor den Nationalsozialisten geflohen war, mit dem er nach dem Kriege ins Ost-Berliner Theaterneuland zog. Dort machte Wolfgang Langhoff eine schwierige Karriere, der sich als Chef des Deutschen Theaters an der Schumannstraße das freie, kritische Denken nicht verbieten lassen wollte und von den kulturellen Machthabern der DDR 1965 aus dem Amt gedrängt wurde. Was er nicht lange überlebte. Seine Söhne Matthias und Thomas versuchten, jeder auf seine Weise, sich postum vom Vater zu lösen. Matthias Langhoff dadurch, dass er ihn (und die DDR) von links her, durch rauhe, harte, generalistische Abrechnungen mit Zeit und Gesellschaft („Homburg“ auf dem Kartoffelacker) konterkarierte. Regie mit der Faust. Thomas Langhoff dadurch, dass er in der Gesellschaft das suchte, was in den siebziger Jahren weder in der DDR noch in der Bundesrepublik vorgesehen war: das Lebens-, Liebes- und Sehnsuchtsrecht des Einzelnen. Regie mit der Seele.

Liebenswürde Mißglückungen

In Thomas Langhoffs Theater war die Gesellschaft und was sie treibt oder umwirft, nie ausgeblendet. Aber er eckte schon früh damit an, dass er die Menschen in den Stücken, die er in Szene setzte, mehr liebte als die Umstände-Korsetts, in denen sie steckten. Der gelernte Schauspieler, der in der DDR die Provinzochsentour durchlief, dann beim DDR-Fernsehen arbeitete, von 1971 sich frei schaffend umtat und rasch auch im Westen, in Frankfurt, München, Wien, Salzburg auffiel, wurde bald zu einer Rarität. Zwar waren seine Annäherungen an den großen Shakespeare eher liebenswürdig missglückt. 1985 ließ er das Venedig des Shylock-Dramas in heiterster Faschings- und Luftspiegelungslaune im Deutschen Theater verpuffen und erreichte noch 2006 im Berliner Ensemble für die „Schändung“ des Botho Strauß (nach Shakespeares „Titus Andronicus“) nur eine etwas bieder verkrampfte Blutbade-Temperatur.

Ein schonungsloser Menschenfreund

Aber wie er Anfang der achtziger Jahre in Wien „Juno und der Pfau“, das fabulöse kleinbürgerliche Katastrophen- und Bramarbas-Stück von Sean O’Casey, von allen Klischees befreite und in den trunken irrenden Iren die großen Träumer entdeckte; oder wie er 1984 in den Münchner Kammerspielen Lessings „Emilia“ zu einer fiebrigen Sehnsuchts- und Todespartie zwischen Vater, Tochter und fürstlichem Liebhaber hochtrieb und Rolf Boysen, Sunnyi  Melles und Michael König zu einem traurigen Trio infernal formte; wie er wenig später, 1987, bei den Salzburger Festspielen, aus Schnitzlers „Einsamem Weg“ mit Helmuth Lohner und Anne Bennent nicht die Trauer übers Vergehen und Absterben, sondern den schönen Trotz des Lebens feierte waren das Feste schonungsloser Menschenfreundlichkeit.

Verteidiger seiner Figuren

Es waren vor allem die Dramatiker der vorletzten Jahrhundertwende, die Tschechow, Ibsen, Gorki, Strindberg, Hauptmann, die sein Feld waren: Bürger, aus der Zeit gefallen, die über sie hinweggeht, und die das Zeitvergehen als größtes Unglück empfinden, das sie mit letzten Lüsten, Sehnsüchten und Bosheiten zu parieren versuchen, worin Langhoff weniger ihren verdienten Untergang, mehr ihren humanen Lebensmut entdeckte. Als er 1979 Tschechows „Drei Schwestern“ fürs Ost-Berliner Gorki-Theater und zugleich fürs Schauspiel Frankfurt inszenierte, fand er in leeren, riesigen Räumen die Würde und den schönen Überlebenswahn kleiner Menschen – was er ungefähr zehn Jahre später, als er 1988 im Gorki-Theater Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ uraufführte, in einem ganz unmittelbaren DDR-Gegenwartsempfinden spiegeln konnte. Braun nahm Tschechows „Drei Schwestern“ als Folie und malte darauf das verlorene Leben („Wenn man es nur wüsste!“) der Prosorow-Schwestern mit DDR-Farben aus: eine Gesellschaft zwischen den Zeiten –die sich im Jahr darauf dann ja auch schlagartig änderten. Langhoff ließ Tschechows alten und Brauns neuen Unter- und Übergängern in Güte und Liebe ihre vermischte Würde – ohne ihre Schmerzen und ihre Unzulänglichkeiten zu verschweigen. Er war als Regisseur nie der Richter seiner Figuren, immer ihr Verteidiger.

Liebe und Katastrophenzufall

So machte er in den Münchner Kammerspielen 1981 aus Tschechows „Platonow“-Tragödie eines „unnützen Menschen“ und tödlich endenden Frauenhelden die Komödie von Liebe und Katastrophenzufall. Und 1989 ließ er ebendort Cornelia Froboess als Ibsens „Frau vom Meer“ nicht über ein verlorenes Leben und eine unmögliche Liebe weinen, sondern – tapfer lächeln. Er fand 2006 im Nationaltheater Mannheim in Schillers „Tell“ ganz wunderbar den Bruder Tell, der gerne alleine gewesen wäre, aber angesichts der verrottenden Gesellschaft um ihn herum zu einer grotesken Tat gezwungen wird, genehmigte aber zwei Jahre später im Burgtheater in Wien dem „Wallenstein“ nur eine Fabrik, in der er den Feldherrn schalten ließ. Wenn ganze Welten auf dem Spiel standen, war Langhoff eher zu freundlich harmlos. Wenn aber Individuen auf dem Spiel standen, fand er als sympathetischer Übergangsgesellschafter ihrer Träume und ihres Lebensstoffhungers zu innigen, zart schattierten Tönen. Gerade in den größten Kämpfe

Zum  Nachtisch Liebe

Zum Beispiel in Strindbergs „Vater“ vor ein paar Jahren im Münchner Residenz Theater. Der Rittmeister und seine ehe- und geschlechterkämpfende Gattin hatten da in Gestalt von Lambert Hamel und Cornelia Froboess den Kampf auf Leben und Tod und Vaterschaft und Zwangsjacke eigentlich längst hinter sich. Warum sie sich dann aber noch einmal ineinander verbeißen sollten, warum der Hass sie überfiel wie eine launische Infektion, das machte beide so lange hilflos, bis Langhoff sie ganz zart, leicht und nebenbei entdecken ließ, was sie da eigentlich verzehrten – nicht Hässliches, Würgendes, Niederträchtiges. Sondern den Nachtisch ihrer Liebe.

Chefdasein im Deutschen Theater

Dabei konnte Langhoff aber auch großartig Haupttische decken. Denn neben und trotz allen glanzvollen oder auch nur anständig gelungenen Einzeltaten des Regisseurs Langhoff bleibt eine große zehnjährige Haupttat in Erinnerung. Als er tapfer und treu und dem Vater im Geiste folgend 1990 das Deutsche Theater übernahm. Abgesehen davon, dass Langhoff in der „Baracke“ des Deutschen Theaters den damals jungen, wild scheinenden Westler Thomas Ostermeier im Nachwuchsgestrüpp herumtoben ließ, was diesen prompt für die Übernahme der Berliner Schaubühne qualifizierte, brachte er das Haus mit seinem Ost-Ensemble, in dem klare linke Haltung, fundierte altbürgerliche Bildung und handwerkliche Virtuosität sich aufs Kurioseste verbanden und wo man noch so selbstverständlich und elegant einen jambischen Trimeter sprechen konnte, als sei das pure Natur, würdig über die ersten Runden der schwierig wieder zusammenwachsenden West- und Ostgesellschaft.

Bewahrer alter Fertigkeiten

Dass das Deutsche Theater lange eine Ost-Enklave blieb und sich nur schwer dem Westen öffnete, außer dass es ein westliches Publikum faszinierend anzog, führte paradoxerweise aber dazu, dass hier eine kostbare künstlerische Substanz und gute, alte Fertigkeiten bewahrt werden konnten, wo von spätere Direktoren, die das Öffnen mühsam vorantrieben, gut und gerne profitierten. Jetzt ist der beispielhafte Theatermann und Menschenfreund Thomas Langhoff, dessen Kräfte in jüngster Zeit sichtlich nachließen, im Alter von dreiundsiebzig Jahren in Berlin gestorben. 

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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