Am Anfang von „The Walking Dead“ ist bereits alles zu Ende. Ein Mann wacht erschrocken auf, verkabelt, entkräftet und verwirrt. Er sieht sich um: ein Krankenhauszimmer in tiefster Stille. Die Uhr an der Wand ist stehengeblieben. Ein Freund mit Blumen in den Händen, den der Mann glaubt, gerade noch gesehen zu haben, ist nicht mehr da. Auf dem Nachttisch stehen die Blumen, verwelkt. Ein-, zweimal ruft der Mann laut nach einer Krankenschwester, aber niemand erscheint. Beim Versuch, aufzustehen, fällt er zu Boden und reißt sich dabei die Schläuche aus dem Arm. Nach einer qualvollen Weile erreicht er endlich die Tür, macht sie langsam auf und fängt an, zu verstehen, dass die Welt sich in schauderhafter Weise verändert hat.
Diese Sequenz kennt man aus John Wyndhams großartigem Science-Fiction-Buch „The Day of the Triffids“ von 1955, wo ein Wissenschaftler nach einem leichten Augenunfall im Krankenbett aufwacht und entdeckt, dass fast die ganze Menschheit erblindet ist. Oder aus Danny Boyles Film „28 Tage später“ (2002), der die Geschichte eines verunglückten Fahrradkuriers erzählt, der in einem London wieder zum Bewusstsein kommt, in dem ein hochansteckendes Virus die Menschen in rasende Bestien verwandelt.
Freunde und Feinde
In „The Walking Dead“ sind es lebendige Leichname, zappelnde, krächzende, hungrige Untote, die dem Protagonisten Rick Grimes, Sheriff in einer kleinen Südstaaten-Stadt, begegnen, nachdem er völlig fassungslos das Krankenhaus verlassen hat. Die erste Person, die er trifft, ist eine abscheuliche Frauenleiche ohne Unterkörper, die kriechend versucht, ihn zu packen. Kurz danach sehen wir ihn mit schockiertem Blick, der im Laufe der späteren Folgen immer kälter wird, einem toten Mädchen in den Kopf schießen.
Zombies also. Das Wort selbst kommt in der Serie aber nicht vor, denn die Überlebenden in dieser Welt kennen es gar nicht. Sie nennen die Zombies „Walkers“, und erst nach und nach verstehen sie, wer diese ekelhaften Kreaturen sind, warum sie wiederbelebt worden sind und, noch unheimlicher, wie sehr die Lebenden selbst in die ganze Sache verwickelt sind.
Im Zentrum der Geschichte stehen die Bestrebungen Grimes’ und einer Gruppe von Überlebenden, zu denen auch seine Frau und sein Sohn gehören, die zunehmend bedrohlichen materiellen Umstände und moralischen Konflikte zu bewältigen. Gerade diese letzten sind die interessantesten. In der Welt der Untoten sind Ordnung und Gesetz geplatzt. Es wird immer heikler, Entscheidungen zu treffen. Wenn es in den ersten Folgen noch darum geht, vor den „Walkers“ lieber zu fliehen als sie zu erledigen - sie sind ja oft der eigene verstorbene Partner, die Schwester, die Tochter -, wird sehr schnell immer wichtiger, wie man die unzähligen Untoten am effektivsten beseitigen kann. Alles wird zur Bedrohung. Bis schließlich die dringendste Frage ist, ob man auch andere Lebende töten darf, die für die Gruppe eine Gefahr darstellen könnten.
Mit der Linie zwischen Leben und Tod verrottet so auch die Grenze zwischen Gut und Böse. Grimes will seine Leute um jeden Preis beschützen, auch wenn das heißt, rebellische Mitglieder aus den eigenen Reihen zu opfern. Irgendwann stellt er die Gruppe vor die Wahl, ihm den Rücken zu kehren oder zu bleiben: „Ihr müsst aber wissen: dies ist keine Demokratie mehr.“ Spätestens dann ist sich der Zuschauer nicht mehr sicher, ob der Held seine Sympathie verdient hat. Aber wenn nicht er, wer sonst? „The Walking Dead“ ist eine vielschichtige und visuell beeindruckende Geschichte vom Überleben in einer Welt, die wild geworden ist. Umso mehr freut man sich darüber, dass nach der Dominanz der schnulzigen Geschichten über wehmütige blasse Vampire und verliebte Werwölfe der vergangenen Jahre das Genre der Untoten hiermit gerade eine prächtige Wiederauferstehung zu erleben scheint.
Dass die Faszination von Zombie-Geschichten in der Regel auf der masochistischen Spannung, die Horrorfilme erzeugen, genauso wie auf dem irgendwie befreienden Effekt von spritzendem Blut, Hirnmasse und Innereien beruht, ist klar. Die Gründe da-
für, dass „The Walking Dead“ nicht nur eine gute, sondern eine ziemlich brillante Serie ist, liegen aber woanders. Erin Overbey erklärte vor kurzem im „New Yorker“, dass es traditionell zwei Typen von Zombie-Filmen gibt: Zum einen die düsteren politischen Allegorien nach dem Vorbild George A. Romeros, des sogenannten „Godfather“ des Genres. Beginnend mit dem Klassiker „Night of the Living Dead“ von 1968 gelten Romeros Filme als Kritik an Kapitalismus, Kriegslust und Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft. Zum anderen die skurrilen bis humoristischen Schlachten von Filmen wie „Evil Dead“, des Kultregisseurs Sam Raimi, oder „Zombieland“ (2009). „The Walking Dead“ fällt in keine dieser Kategorien. Dort geht es in erster Linie nämlich nicht um Zombies.
Moral und Wildnis
In der Fernsehserie treffen zwei der spannendsten Gattungen der modernen Fiktion aufeinander: der Western und das sogenannte postapokalyptische Genre. Die Welt von „The Walking Dead“ ist eine, die, genau genommen, aufgehört hat zu sein. Benzin und Lebensmittel sind knapp geworden, die Städte und die Wälder werden von Horden Untoter überflutet, Banden schlechtgelaunter Überlebender durchkreuzen das verwilderte Land. Kein Wunder, dass die verrohten Landstriche und das ständige panische Fliehen oft an Cormac McCarthys „Die Straße“ erinnern.
Und wie im klassischen Western, wo harte Männer ein unzivilisiertes und uferloses „Frontier Land“ zu erobern haben, gibt es auch in „The Walking Dead“ eine Welt, die zu zähmen ist: die heruntergekommene Welt der Untoten. Und da befinden wir uns mitten in der Western-Ikonographie: die weite, leere Landschaft der Südstaaten, der zähe und zurückhaltende Sheriff, der eine einigermaßen konsequente Moral zu vertreten versucht, die Wildnis, die zu erkunden ist, und die „Wilden“, die unterworfen werden müssen. Am Ende der zweiten Staffel, kurz bevor Grimes’ Gruppe ihre jüngste Zufluchtsstätte in chaotischer Flucht räumen muss, weil jene von Untoten befallen wurde, stehen sich zwei einst beste Freunde im Duell gegenüber, schauen sich in die Augen und lauern. Und jeder wartet, wer zuerst abdrückt.
Überraschend gut, aber nicht brillant
Oleg Horvat (Uzala)
- 24.02.2013, 13:38 Uhr
Sehr gute Serie
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 24.02.2013, 12:52 Uhr
Die Serie ist gut
Marvin Parsons (mapar)
- 24.02.2013, 12:39 Uhr
gedankliche anregung......
Jens Hunger (hero02)
- 24.02.2013, 11:40 Uhr
Ich hab nur eine Folge dieser Serie gesehen
Erik Staack (E_Staack)
- 24.02.2013, 11:39 Uhr