http://www.faz.net/-gqz-76z9m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.02.2013, 09:00 Uhr

„The Walking Dead“ Wanke schön

Lebendige Leichname und zappelnde Untote: In der brillanten Fernsehserie „The Walking Dead“ feiern die Untoten ihre Wiederauferstehung. Mit der Linie zwischen Leben und Tod verrottet auch die Grenze zwischen Gut und Böse.

von Hernán D. Caro
© AMC Wie erschieße ich ein, zwei Tote, und wie rächen sie sich an mir?

Am Anfang von „The Walking Dead“ ist bereits alles zu Ende. Ein Mann wacht erschrocken auf, verkabelt, entkräftet und verwirrt. Er sieht sich um: ein Krankenhauszimmer in tiefster Stille. Die Uhr an der Wand ist stehengeblieben. Ein Freund mit Blumen in den Händen, den der Mann glaubt, gerade noch gesehen zu haben, ist nicht mehr da. Auf dem Nachttisch stehen die Blumen, verwelkt. Ein-, zweimal ruft der Mann laut nach einer Krankenschwester, aber niemand erscheint. Beim Versuch, aufzustehen, fällt er zu Boden und reißt sich dabei die Schläuche aus dem Arm. Nach einer qualvollen Weile erreicht er endlich die Tür, macht sie langsam auf und fängt an, zu verstehen, dass die Welt sich in schauderhafter Weise verändert hat.

Diese Sequenz kennt man aus John Wyndhams großartigem Science-Fiction-Buch „The Day of the Triffids“ von 1955, wo ein Wissenschaftler nach einem leichten Augenunfall im Krankenbett aufwacht und entdeckt, dass fast die ganze Menschheit erblindet ist. Oder aus Danny Boyles Film „28 Tage später“ (2002), der die Geschichte eines verunglückten Fahrradkuriers erzählt, der in einem London wieder zum Bewusstsein kommt, in dem ein hochansteckendes Virus die Menschen in rasende Bestien verwandelt.

Freunde und Feinde

In „The Walking Dead“ sind es lebendige Leichname, zappelnde, krächzende, hungrige Untote, die dem Protagonisten Rick Grimes, Sheriff in einer kleinen Südstaaten-Stadt, begegnen, nachdem er völlig fassungslos das Krankenhaus verlassen hat. Die erste Person, die er trifft, ist eine abscheuliche Frauenleiche ohne Unterkörper, die kriechend versucht, ihn zu packen. Kurz danach sehen wir ihn mit schockiertem Blick, der im Laufe der späteren Folgen immer kälter wird, einem toten Mädchen in den Kopf schießen.

Zombies also. Das Wort selbst kommt in der Serie aber nicht vor, denn die Überlebenden in dieser Welt kennen es gar nicht. Sie nennen die Zombies „Walkers“, und erst nach und nach verstehen sie, wer diese ekelhaften Kreaturen sind, warum sie wiederbelebt worden sind und, noch unheimlicher, wie sehr die Lebenden selbst in die ganze Sache verwickelt sind.

Mehr zum Thema

Im Zentrum der Geschichte stehen die Bestrebungen Grimes’ und einer Gruppe von Überlebenden, zu denen auch seine Frau und sein Sohn gehören, die zunehmend bedrohlichen materiellen Umstände und moralischen Konflikte zu bewältigen. Gerade diese letzten sind die interessantesten. In der Welt der Untoten sind Ordnung und Gesetz geplatzt. Es wird immer heikler, Entscheidungen zu treffen. Wenn es in den ersten Folgen noch darum geht, vor den „Walkers“ lieber zu fliehen als sie zu erledigen - sie sind ja oft der eigene verstorbene Partner, die Schwester, die Tochter -, wird sehr schnell immer wichtiger, wie man die unzähligen Untoten am effektivsten beseitigen kann. Alles wird zur Bedrohung. Bis schließlich die dringendste Frage ist, ob man auch andere Lebende töten darf, die für die Gruppe eine Gefahr darstellen könnten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Video-Filmkritik Warten auf ein interstellares Einschreiben

Nach der großen Katastrophe kommt immer noch die Post: Sion Sonos Film The Whispering Star erweitert das All, damit wir die Welt besser sehen. Mehr Von Bert Rebhandl

25.05.2016, 18:12 Uhr | Feuilleton
Japan Obama erweist Hiroshima-Atombombenopfern die Ehre

In einer historischen Geste hat Präsident Barack Obama in Hiroshima der Opfer des weltweit ersten Atombombenangriffs gedacht und einen Überlebenden in die Arme geschlossen. Obama ist der erste amtierende amerikanische Präsident, der die japanische Stadt besucht. Sie war im August 1945 Ziel des ersten Atombombenabwurfs der Geschichte. Mehr

27.05.2016, 14:20 Uhr | Politik
Filmfestival Nippon Connection Die Geister, die ich rief

Das Japanische Filmfestival Nippon Connection bringt zum 16. Mal Sinnliches und Übersinnliches nach Frankfurt. Mehr Von Eva-Maria Magel, Frankfurt

27.05.2016, 13:51 Uhr | Rhein-Main
Videofilmkritik The Whispering Star”

Nach der großen Katastrophe kommt immer noch die Post: Sion Sonos Film The Whispering Star erweitert das All, damit wir die Welt besser sehen. Mehr

25.05.2016, 14:30 Uhr | Feuilleton
Bericht des UNHCR Bis zu 700 Flüchtlinge seit Mittwoch ertrunken

In der vergangenen Woche hat es auf dem Mittelmeer mehrere Bootsunglücke gegeben. Bis zu 700 Menschen könnten ums Leben gekommen sein, berichtet das UN-Flüchtlingshilfswerk. Auch auf dem Ärmelkanal geraten Flüchtlinge in Seenot. Mehr

29.05.2016, 13:34 Uhr | Politik
Glosse

Anleitung zum Saufen?

Von Kerstin Holm

Das neue Lied „In Petersburg trinkt man“ der Band „Leningrad“ gefällt den Ordnungshütern nicht. Dabei halten sich die Musiker doch nur an die Vorschriften, die Zar Peter der Große erlassen hat. Mehr 2 9

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“