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„The Brothers Grimm“ Sie waren eigentlich ganz anders

02.09.2005 ·  „The Brothers Grimm“, Terry Gilliams' Tour de force durch den Märchenwald, im amerikanischen Kino: Die großen Zeitungen sehen sich genötigt, die echten Gebrüder gegen den halluzinatorischen Schwung des Films in Schutz zu nehmen.

Von Jordan Mejias, New York
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Es war einmal ein Junge, der ging des Nachts in den Stall. „Pferd“, sprach er, „was hast du für große Augen. Und was für große Ohren. Und was für einen großes Maul.“ Das Pferd aber ließ aus seinem großen Maul ein großes Spinnennetz wachsen und fing den Jungen ein. Dann verschlang ihn das Pferd, und mit rumpelndem Bauch galoppierte es in den Zauberwald. Bei den Brüdern Grimm ist das zwar ein wenig anders nachzulesen, aber sie sind nicht zu verwechseln mit den Brothers Grimm, die uns die Geschichte vom kleinen Jungen und dem bösen Pferd als Beilage servieren.

Ihr Hauptgericht ist ein Film, der sich mit Pop-Variationen der jüngeren Filmgeschichte auseinandersetzt. Horror, Fantasy und viel sommerfilm-obligate Digitaltrickserei, dazu echt menschliche Darsteller im Cartoon-Format lassen den Verfassern des Deutschen Wörterbuchs nicht allzuviel Raum zur wirklichkeitstreuen Entfaltung. Es stimmt jedoch nicht, daß der Film, wie Manohla Dargis in der „New York Times“ behauptet, mit den „deutschen Volkskundlern wenig zu tun hat“.

Hauptberuf Ghostbuster

Im Gegenteil, sein Drehbuch ist vollgestopft mit Motiven ihrer Märchen, mit Vignetten von Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen, Rapunzel, dem Froschkönig und all den andern, die längst auch in Amerika Einlaß gefunden haben. Vielleicht haben die weithin fiktionalisierten Brüder darum gar keine Chance, den Amerikanern als erklärungsbedürftige Fremde zu erscheinen. Sie können ihre unübersehbar aktuelle Herkunft nicht verleugnen. Zum Märchensammeln hat der lieb vertrottelte Jake Grimm allenfalls nebenbei Zeit, im Hauptberuf betätigen sich er und Bruder Will („We are from Kahsel!“) als ungeniert provinzielle Ghostbuster.

Sie treiben Geister aus, wo keine zu finden sind und das Volk sich dennoch fürchtet. Dafür lassen sie sich anständig bezahlen. Als sie dann tatsächlich mit der Metaphysik konfrontiert werden und der Rummel ohne versteckte Falltüren und wohlvorbereitete Seilfahrten durch die Lüfte losgeht, sind sie doch baff. Aber nicht ganz ratlos. Zumal Will lernt schnell, schleckt eine Kröte ab, wenn sie ihm den Weg aus dem verflixten Zauberwald zeigen kann, und schneidert sich so individuell, wiewohl nur mäßig kreativ, das unsterbliche Star-Wars-Motto zurecht: Vertraue der Kröte! Will Grimm, das ist auch der Gentleman, der sich mit der kühlen Lakonik eines Jakob Bond vorstellt: „The Name's Grimm, two m's.“ Womit er bei der Kritik nicht nur Lacher auslöst.

Die „Washington Post“ kommt mit den echten Brüdern Grimm

Mit fast schon alteuropäischer Empörung verteidigt Michael O'Sullivan in der „Washington Post“ die echten Brüder Grimm, in deren Werk es darum gegangen sei, mit dem Erzählen unsere Ängste zu zähmen und zu benennen, über eine bedrohliche Welt die Oberhand zu gewinnen, und zwar drinnen in unseren Köpfen und draußen. Der Film indes zwinkere beständig seiner eigenen Ausgelassenheit, „bekennt sich zu nichts außer zu einem Stil“. Da gibt es freilich viel zu bekennen, denn für den Stil ist Terry Gilliam verantwortlich. Und damit ist gesichert, daß es in „The Brothers Grimm“ nicht um die Brüder Grimm geht, sondern um Gilliams Abenteuer in einem phantasmagorischen Nirgendwo und Allüberall, einer unbändigen, unbezwingbaren, unersättlichen Kunstwelt, die zwar bei der Vergangenheit ein paar Anleihen macht, ihr entscheidendes Kapital aber aus dem prallgefüllten pop-ironischen Tresor der Gegenwart bezieht.

Gilliam ist ein Regisseur, der sich in seinem halluzinatorischen Schwung nichts versagen kann. Unablässig, aber nur streckenweise wirklich bezwingend, schüttet er über die Leinwand, was sein Füllhorn an Phantasieflügen, klischeehörigen Hollywood-Zitaten, visuellen Computer-Design-Eskapaden und altmodischen Ausstattungsorgien, an klassischem Monty-Python-Geblödel und Aberwitz nur hergibt. „The Brothers Grimm“ ist, um einem früheren Gilliam-Titel Ehre zu erweisen, so etwas wie „Fear and Loathing in Old Germany“, übersetzt ins Esperanto des elektronischen Bilderbuchs. Nicht das Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts wird da beschworen, nur eine Geschichte, die keinen Genius loci kennen will. Sie ist kunstkommerziell globalisiert.

Die Deutschen als die einigermaßen Guten

Revolutionär für Hollywood allerdings ist die Rollenverteilung in nationaler Hinsicht. Die Franzosen sind, wie schon an ihrem Akzent zu erkennen, nicht nur als Besetzer Deutschlands die bösen Buben. Die Deutschen aber und ihr „Team Grimm“ dürfen zur Abwechslung in die Haut der einigermaßen Guten schlüpfen. Auch dies erkennbar schon am Akzent. Sie wurden mit britischem Englisch, Hausmarke Hollywood, ausgestattet. Über die teutonische Waldunseligkeit verlieren die amerikanischen Kritiker denn auch nicht sonderlich viele Worte. Sie leiden in der Mehrzahl darunter, daß Gilliam sich abermals dazu entschloß, über alle Stränge seines Leinwandsurrealismus zu schlagen, und darüber vergaß, das Spiel mit der Angst vor einem schnell ermüdenden Reizreflexkino zu retten.

Wobei seine Hauptdarsteller, allen voran Matt Damon und Heath Ledger, als sehr unterschiedlich temperierte Brothers Grimm, ohnehin auf verlorenem Posten im Bilderchaos stehen. Ty Burrs Urteil im „Boston Globe“, der Film sei „ein absurdes Schlamassel, das unterhaltsamer ist, als es sein dürfte“, mag noch zu den wohlwollenderen Kritiken zu rechnen sein. Daß es am Ende gut ausgeht, ist der Grundidee zu danken, die nicht von den Brothers aus Kahsel stammt, um die es aber zwischen Gilliam und dem schließlich abservierten Horrorspezialisten Ehren Kruger Streit gab. Die Kinder, die im Zauberwald von Marbaden verschwunden waren, kehren jedenfalls wieder nach Hause zurück. Aber eine der Scherben, in die Gilliams böse Königin zersprang, funkelt weiter. Der Folgefilm wäre also vorbereitet. In den Worten eines scharfsichtigen Nebendarstellers: Merde, I mean - Scheiße.

Quelle: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 35
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