02.05.2010 · Eine Bombe am Times Square in New York? Der Meldung haftete etwas Unwirkliches an. Wer in New York lebt, kann nicht bei jeder Fahrt über die Brooklyn Bridge, bei jedem Einsteig in die U-Bahn daran zu denken, was in diesem Moment bei einem Terroranschlag passieren könnte.
Von Jordan Mejias, New YorkEs liegt eine Ungewissheit über New York. Manchmal ist sie mehr zu spüren, manchmal weniger, manchmal scheint sie ganz verschwunden zu sein. Aber dann ist sie doch bloß verdrängt, weil ohne ein bisschen Verdrängung kein New Yorker sein Leben leben kann. Unmöglich, jeden Tag mit dem Gedanken aufzuwachen, dass die Stadt wie keine andere in Amerika ein Magnet für den Terror ist.
Unmöglich, jedes Mal beim Einsteigen in die U-Bahn zu denken, wie wehrlos, wie ausgeliefert hier sich jeder fühlen müsste. Unmöglich, bei jeder Fahrt über die Brooklyn Bridge den Atem anzuhalten und sich die Folgen eines Anschlags auszumalen. Also werden die schlimmen Szenarien verdrängt. Drängt dann eines von ihnen zurück in die Wirklichkeit, setzt unser innerer Abwehrmechanismus, vielerprobt, wie er ist, automatisch ein.
Die Stadtmitte begreift jeder New Yorker als Weltmitte
Eine Bombe am Times Square? Nichts Neues, soll es ja schon letzten Dezember gegeben haben. Aber nach der Räumung der Stadtmitte, die jeder New Yorker als Weltmitte begreift, nach all der Aufregung und dem aufkeimenden Entsetzen stellte sich heraus, dass in dem verdächtigen Fahrzeug nur alte Klamotten lagen. Diesmal konnte es nicht anders sein. Und dass es diesmal doch anders war, ist immer noch nicht ganz zu begreifen.
Den ganzen Abend lang wechselten sich Warnungen und Entwarnungen ab. Allerbeste Voraussetzungen für Gerüchte. Es war eine Bombe, es war keine. Es war ein versuchter Terroranschlag, es war keiner. Als die Polizei schließlich bestätigt, dass tatsächlich Explosivstoffe in dem Geländewagen gefunden, dass Propanbehälter, pudriges Material, Benzinkanister und eine Art Zeitzünder sichergestellt wurden, haftet auch dieser Meldung noch etwas Unwirkliches, Vorläufiges an. Zumal sie wieder und wieder von der Versicherung begleitet wird, nichts deute auf einen Terroranschlag hin.
Ja was denn? Hätte der Zeitzünder funktioniert, heißt es irgendwann, wäre es zu keiner Explosion, sondern einem Brandvorfall gekommen. Der Polizeidezernent wird wohl genau wissen, wie sich das eine vom andern unterscheidet. Wir wollen es uns nicht einmal vorstellen. Wir legen darum auch die Nachrichten vom Samstagabend ab zu all den anderen Schreckensmeldungen, die sich als voreilig erwiesen. Die ganze Wahrheit, und sei sie auch vom Terror verschont geblieben, dürfen wir uns nicht eingestehen. Wie sollten wir sonst morgen in die U-Bahn steigen oder das nächste Mal über die Brooklyn Bridge fahren?