Home
http://www.faz.net/-gqz-v8s2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Terror Die Märtyrerfalle

07.09.2007 ·  So bekommt der Tod nicht nur eine metaphysische Rechtfertigung, sondern auch noch cineastischen Chic: Die Bilder der verhafteten Terrorverdächtigen werden in der islamistischen Szene beflügelnd wirken - drei neue Märtyrer, denen man nacheifern kann. Von Andreas Platthaus.

Von Andreas Platthaus
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Mit den Namen Fritz, Daniel und Adem allein lässt sich kein Staat machen - und gewiss auch keiner umstürzen. Mit den Bildern der drei im Sauerland verhafteten mutmaßlichen Terroristen verhält es sich schon anders: Wie sie da nach der Entkleidung durch die Polizei in blauen Overalls abgeführt wurden, das erinnert sofort an die Häftlingskleidung der Insassen des Militärgefängnisses von Guantánamo Bay - und somit an Menschen, die längst eher als Opfer denn als Täter gelten.

Dabei hatten die deutschen Behörden nach der Veröffentlichung von Pressefotos, die im vergangenen Jahr jene beiden Männer zeigten, die beschuldigt wurden, in Potsdam einen Deutsch-Äthiopier zusammengeschlagen zu haben, mit Sorge registriert, dass schon diese Motive mit Guantánamo verglichen wurden. Deshalb wurde eigens die orange Farbe der Overalls verändert. Doch Assoziationskraft beruht nicht nur auf Farben; es ist der Gestus, der immer wieder unterschätzt wird und dadurch jede offizielle Bildpolitik durchkreuzt.

Die Ikonographie von Christus

Bestes Beispiel hierfür ist das 1967 angefertigte Foto der Leiche von Che Guevara. Die bolivianische Regierung wollte damit dessen Tod beweisen. Dazu bahrte man den Körper des bärtigen Revolutionärs auf, arrangierte dessen Arme so, dass die zu erkennungsdienstlichen Zwecken abgeschnittenen Hände nicht zu sehen waren, und schuf damit das Motiv eines geschundenen Leichnams, das jeden Betrachter an die gängige Ikonographie des vom Kreuz abgenommenen Christus erinnerte. Ähnliche Assoziationen lösten sieben Jahre später die Aufnahmen des in der Haft am Hungerstreik gestorbenen RAF-Terroristen Holger Meins aus.

In beiden Fällen wurden die Toten sofort als Märtyrer verklärt, und es fällt heute schwer, sich dem zu entziehen, weil die entsprechenden Bilder ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Mit anderem Bezug, aber denselben Folgen wird das auch für die Bilder von Fritz, Daniel und Adem gelten: Wer die Fotos des langhaarigen Fritz beim Verlassen des Hubschraubers gesehen hat, umringt von dunklen Gestalten, das Haupt im Sonnenlicht stolz zurückgeworfen, der wird eher an einschlägig heldenhafte Filmszenen mit Tom Cruise gedacht haben als an einen verhinderten Verbrecher.

Schon die Attentate vom 11. September 2001 wirkten wie von Hollywood inszeniert - und sollten das auch. Wir kommen von unserer Kinoprägung nicht mehr los. In der islamistischen Szene werden diese Aufnahmen nicht abschreckend, sondern beflügelnd wirken: drei neue Märtyrer, denen man nacheifern kann. So bekommt der Tod nicht nur eine metaphysische Rechtfertigung, sondern auch noch cineastischen Chic.

Quelle: F.A.Z., 08.09.2007, Nr. 209 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr