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Teofila Reich-Ranicki wird neunzig Dieses Leben lehrt einen niemand

12.03.2010 ·  Das wohlfeile Bild von der Frau an der Seite Marcel-Reich-Ranickis wurde ihrer Persönlichkeit nie gerecht. Sie fand sich damit ab. Doch dann wurde durch ein Buch ihres Mannes ihr unglaubliches Leben öffentlich. Heute wird Teofila Reich-Ranicki neunzig Jahre alt.

Von Eva Demski
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Das Gespräch läuft wie gewohnt, die Gäste hören Marcel Reich-Ranicki zu, Fragen werden eingeworfen, irgendwo hakt man sich fest. Ein Schauspielername fehlt, ein Filmtitel, ein einst populäres Musikstück – die Gruppe grübelt, aber nicht lange. Von der Couch her kommt die unverwechselbar dunkelgebeizte Stimme und nennt das Gesuchte. Es stimmt immer. Eigentlich war man gar nicht sicher, ob sie zugehört hat, die zierliche, elegante und wohlgeschminkte weißhaarige Dame, sie schien ein bisschen versunken oder in anderen Welten – aber sie hat ganz genau zugehört. Und wie der Falke die Maus packt sie vom Vergessen bedrohte Namen und Bilder und hält sie fest. Sie weiß auch, wer mit wem in wievielter Ehe verheiratet war, und ähnlichen wunderbaren Klatsch, nicht zuletzt aus dem wird Literatur gemacht, das wollen wir nicht vergessen.

Es hilft beim Erinnern, ein bisschen zu rauchen. Teofila Reich-Ranicki, genannt Tosia, ist eine Ikone für jene ausgegrenzten Sünder, die sich mittlerweile haben fast überall verbannen und in die Kälte schicken lassen. Ich glaube, wenn Tosia im Buckingham Palace oder im Kölner Dom eine rauchen wollte, würde die Queen oder der Bischof ihr bereitwillig einen Aschenbecher bringen.

Sie hatte das Original gerettet

Sie ist sie. Wenn einem die Existenzberechtigung, die Würde, um weniger als ein Haar auch das Leben genommen wird und wenn man das in einer großen Kraftanstrengung übersteht, macht man wahrscheinlich nicht mehr viele Kompromisse. Sie ist noch immer an der Seite des Mannes, mit dem sie das alles und noch viel mehr erlebt und überlebt hat, und das ist für sie, glaube ich, das Wichtigste. In all den Jahren aber zeigte das wohlfeile Bild von der Frau an seiner Seite bei weitem nicht die ganze Tosia. Vielleicht ist ihr daran auch lange Zeit nicht gelegen gewesen, sie beobachtet gern, es macht ihr Vergnügen, nicht in der prallen gesellschaftlichen Sonne zu stehen.

Aber dann wurde durch das Buch „Mein Leben“ dieses unglaubliche Leben öffentlich, und sie beschloss, etwas von sich zu zeigen: ihre Zeichnungen aus dem Warschauer Getto, die keiner vergessen wird, der sie gesehen hat. Allerschlimmstes zu zeichnen mit anmutigem Strich, das soll ihr erst einer nachmachen. Auch die bewegende Geschichte von Kästners Lyrischer Hausapotheke, die sie für ihren Marcel abgeschrieben und illustriert hat, ließ sie für alle sichtbar, nachvollziehbar werden. Sie hatte das Original gerettet. Es wurde ein schöner kleiner Faksimileband. Ihn vor Augen kann man sich die Liebe, die drinsteckt, wenigstens annähernd vorstellen. Es ist eine lange Liebe geworden, eine ganz besondere.

Was soll man wünschen?

Mit wie vielen Klischees die beiden ungerührt und elegant umzugehen gelernt haben, kann man nur ahnen. Der Wüterich, der Papst, der Zerreißer. Die Schweigende, die Nachgiebige, die Frau im Schatten. Das kann man nur gemeinsam leben, aber etwas anderes, Dunkleres und Größeres auch: das Altwerden. Sie hatten für ihr Leben ja keinen Pfennig mehr gegeben, diese beiden, und dann war doch für beide so viel gemeinsame Zeit vorgesehen. Das ist wunderbar und will doch, mit allen Krankheiten und Hilfsbedürftigkeiten, auch ausgehalten sein. Das lehrt einen keiner.

„Ich kann’s mir vorstellen“, habe ich vor gar nicht langer Zeit zu Tosia gesagt. „Nein, das kannst du nicht!“, hat sie sehr bestimmt geantwortet. Heute wird sie neunzig Jahre alt. Sohn, Schwiegertochter, Enkelin, auch ihre Helferinnen – alle, die sie liebhaben, werden da sein. Und natürlich Marcel, ihr Mann. Was soll man wünschen? Dass die beiden eins und doppelt bleiben und sich daran freuen können, Tag für Tag.

Die Schriftstellerin Eva Demski, geboren 1944, lebt in Frankfurt. Zuletzt erschienen ihre „Gartengeschichten“.

Quelle: F.A.Z.
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