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Teatro Colón in Buenos Aires Der neue Glanz einer alten Diva

24.05.2010 ·  Eine Zukunft ohne Kaugummis und Zigarettenstummel: Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten nimmt das legendäre Teatro Colón in Buenos Aires den Spielbetrieb wieder auf - und zwar mit dem Planziel erste Liga.

Von Josef Oehrlein
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Lange genug ist an der alten Dame herumgewerkelt worden. Trotzdem hätte vor einigen Monaten noch kaum jemand einen Peso verwetten mögen, dass das Teatro Colón in Buenos Aires, eine der traditionsreichsten Opernbühnen der Welt, nach jahrelangen zwingend notwendigen Restaurierungen zu den Zweihundertjahrfeiern der Unabhängigkeit Argentiniens am 25. Mai 2010 den Spielbetrieb wiederaufnehmen werde. Der erste mögliche Anlass, der hundertste Geburtstag des Hauses am 25. Mai 2008, war grandios verpasst worden. Verzögerungen bei derart gigantischen Projekten sind üblich, doch was mit dem Teatro Colón geschah, war der betagten und immer noch attraktiven Diva schlicht nicht würdig.

Das Schlimmste, was passieren konnte, ist auch eingetreten: ein Wechsel der Stadtregierung. Das Teatro Colón ist ein städtisches Theater und deshalb vom Wohl und Wehe der kommunalen Verwaltung abhängig. In den ersten Monaten 2008 waren die Arbeiten fast zum Stillstand gekommen. Der neue Bürgermeister Mauricio Macri wollte demonstrieren, dass er alles ganz anders mache als seine Vorgänger. Erst als die seiner Administration genehmen Firmen engagiert waren, begann es wieder wie geschmiert zu laufen. In die Renovierung hat die Stadt umgerechnet mehr als siebzig Millionen Euro gesteckt.

Unverwechselbar transparent und kernig

Das Haus war völlig heruntergekommen, weil sich seit Jahrzehnten niemand um die Instandhaltung gekümmert hatte. Hinzu kam Vandalismus: Kiloweise mussten Kaugummis, Zigarettenstummel und andere Hinterlassenschaften entfernt werden. Im übrigen war die an Hysterie grenzende Angst, eine tiefgreifende Renovierung könnte die gerühmte Akustik des Hauses beeinträchtigen, lange Zeit eine schier unüberwindliche Hemmschwelle.

Mittlerweile gab es Entwarnung. Beethovens vielstrapazierte „Neunte“ musste herhalten, um bei einer „privaten“ Aufführung für die 1500 an der Restauration beteiligten Arbeiter zu beweisen, dass weder die Modernisierung der Bühnentechnik noch die komplette Erneuerung des Gestühls, die Restaurierung von Stuck und Schmuck und vor allem nicht der Ersatz der seidenen Wandbespannung in den Logen durch feuerfeste Stoffe den unverwechselbar transparenten und doch kernigen Klang des Hauses entscheidend verändert haben. Endgültige Klarheit aber dürften erst die Repertoireaufführungen mit komplettem szenischen Apparat schaffen.

Hoffnung auf respektable Opernbühne

Mit der baulichen Auffrischung des Teatro Colón sollte auch eine künstlerische einhergehen. Doch dieses Vorhaben begann mit einem eklatanten Missgriff. Bürgermeister Macri berief als künstlerischen Leiter einen früheren Gymnasialdirektor: Horacio Sanguinetti, einen Opernliebhaber bar jeglicher Fähigkeit, ein Theater zu führen. Sanguinetti beseitigte mit einem Federstrich eine bereits von seinem Vorgänger, dem Sänger und Regisseur Marcelo Lombardero, durchgeplante Opernsaison auf Ausweichbühnen, verordnete dem Publikum eine „Opernsaison ohne Oper“, also nur Konzerte und Ballettaufführungen - und gab dann ohne Begründung auf.

Dass sich die künstlerischen Leiter im Teatro Colón fast jährlich die Klinke in die Hand geben, hat Tradition. Jeder, der im argentinischen Kulturleben eine halbwegs gewichtige Funktion innehat, durfte sich schon einmal daran versuchen, den Koloss zu kommandieren: Regisseure, Komponisten, Musikkritiker, Sänger, Mäzene. Mit der Berufung des Komponisten Pedro Pablo García Caffi scheint man nun aber einen Glücksgriff getan zu haben. García Caffi hat von 1999 bis 2002 das Teatro Argentino in La Plata zu einer respektablen Opernbühne gemacht, die sogar mehr als einmal das Teatro Colón ausstach.

Argentinische Selbstüberschätzung trotz Tiefstand

Gegen alle Widerstände hat der neue Colón-Direktor - der offenbar das Fürchten noch nicht gelernt hat - begonnen, den auf 1300 Personen aufgeblähten Personalapparat zu verkleinern. Etliche Angestellte, die nicht mehr gebraucht werden, sind schon in andere städtische Institutionen weggelobt oder -gelockt worden. In zwei Jahren soll der Stab auf 808 Beschäftigte reduziert sein. Das ist für ein Opernhaus immer noch viel, mutet für argentinische Verhältnisse jedoch geradezu bescheiden an. García Caffi hat einstweilen allerdings die Rechnung ohne die mächtigen Gewerkschaften gemacht, die den Spielbetrieb im Colón schon mehr als einmal lahmgelegt und auch schon gedroht haben, ihm Steine in den Weg zu legen.

Inzwischen hat das Teatro Colón einen Autonomiestatus erhalten, der es dem Opernhaus immerhin ermöglicht, über seine eigenen Einnahmen zu verfügen. Das war vorher nicht möglich, weil das Geld aus der Theaterkasse in den städtischen Haushalt floss und aus diesem Topf wieder nach Gutdünken der städtischen Verwaltung rückverteilt wurde. Noch immer zehrt das Haus von seinen Ruhmeszeiten, als alles dort gastierte, was in der Opernwelt Rang und Namen hatte. Argentinische Kritiker pflegen es, in rührender Selbstüberschätzung, immer noch in einem Atemzug mit den großen Opernbühnen der Welt zu nennen. Zuletzt hatte die künstlerische Qualität der Aufführungen indes einen so erbärmlichen Tiefststand erreicht, dass das Colón bestenfalls als mittlere Provinzbühne erschien. Schwachstellen waren vor allem die Kollektive, die beiden großen Orchester und der Chor, deren Mitglieder ihre Posten bislang weitgehend ohne Auswahlverfahren erhielten.

Erst Häppchen, dann Barenboim

Für die Gala zur Inauguration am 24. Mai, dem Vorabend des Nationalfeiertags, ist ein wunderliches Programmkonstrukt aus dem dritten Teil von Tschaikowskys „Schwanensee“-Ballett und dem zweiten Akt aus Puccinis „La Bohème“ geplant. Das sieht ganz nach Improvisation und einem Kotau vor den politischen Honoratioren aus, die mit Häppchen bedient werden wollen, aber eine komplette Opernaufführung nicht durchstehen würden.

Frühere Versuche, das Haus mit Verdis „Aida“ (wie bei der Einweihung 1908) oder Wagners „Tristan“ wiederzueröffnen, waren schon im Ansatz gescheitert. Den Tristan hätte 2008 der immerhin in Buenos Aires geborene Daniel Barenboim dirigieren sollen. Barenboim tritt mit seinem „Divan“-Orchester zwar im runderneuerten Theater auf, doch erst Ende August, und er steht nicht bei Tristan am Pult, sondern bei einer konzertanten Aida sowie bei Verdis „Messa da Requiem“ und der Neunten.

Eintrittspreise von internationalem Niveau

García Caffi ist offenbar bemüht, zwischen Juni und Dezember dieses Jahres sofort eine ganz normale Opernsaison auf die Beine zu stellen, die neben dem unvermeidlichen Verdi (immerhin „Falstaff“ und nicht „La Traviata“ oder „Rigoletto“) und Mozarts „Don Giovanni“ mit einem Zemlinsky-Korngold-Doppelabend („Eine florentinische Tragödie“ und „Violanta“) und Janáeks „Katja Kabanowa“ (seit 1968 zum ersten Mal wieder im Colón) auch etwas weniger ausgetretene Repertoirepfade zu beschreiten versucht.

Dass es das Teatro Colón in künstlerischer Hinsicht wieder mit den großen Diven des Musikbetriebs oder auch nur mit den vielen weniger wichtigtuerischen, dafür aber hochproduktiven europäischen Opernbühnen aufnehmen kann, muss es erst noch beweisen. Die Preise für die besseren Karten, die vergleichsweise erschwinglich waren, sollen schon mal auf „internationales Niveau“ angehoben werden.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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