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Regisseur Franco Zeffirelli : Glückliche Zeiten

  • -Aktualisiert am

Seine „Aida“-Inszenierung von 1963 ist wieder da: Franco Zeffirelli. Bild: dpa

Das Teatro alla Scala in Mailand gratuliert dem Regisseur Franco Zeffirelli zum 95. Geburtstag und nimmt seine „Aida“ aus dem Jahr 1963 ins Programm. Das ist eine kluge Entscheidung.

          Zu den Paradoxien des Alterns gehört es, den Verfall des Leibes und jenen der Sitten gleichzeitig beklagen zu müssen. Der Leib, der verfällt, ist deiner. Die Sitten sind die der anderen. Umgekehrt fänden wir es besser. Aber wer kann sich das aussuchen? Zu unserer Qual sind wir verdammt, hier wie ein abgeschiedener Geist im öden Raum umherzuirren. Dann der Übergang. Die Angst vor ihm. Der Kopf ist doch noch so voller Geschichten! So voller Personen! Voller Lebensfetzen! So voller Wörter! Und doch kann es passieren, dass wir dieser Welt nicht mehr angehören, von einem Moment auf den andern, wie es Franco Zeffirelli zu seinem fünfundneunzigsten Geburtstag im Februar sagte.

          Was? Auch du in diesem Grab? „Dass ich mich an den Tod wende“, sagte der große Regisseur, „das kommt jetzt schon vor.“ Zeffirelli lebt und gibt Interviews, die Magazine sind noch voller Kulissen, voller Kostüme, voller Regieanweisungen. Noch einmal aus dem Vollen schöpfen, sagte sich das Teatro alla Scala in Mailand, und setzte zur Feier Zeffirellis dessen „Aida“ aus dem Jahr 1963 aufs Programm.

          Die sieben Aufführungen bis zum 3. Juni waren schnell ausverkauft, vor ein paar Tagen war Premiere, falls man das so nennen will bei einer Inszenierung von vor 55 Jahren. Damals dirigierte Gianandrea Gavazzeni, die Sänger hießen Fiorenza Cossotto, Carlo Bergonzi, Leontyne Price, Leyla Gencer, Namen wie aus einer Schallplattensammlung. Heute hat man das Dirigat Daniel Oren anvertraut; die Sänger: Krassimira Stoyanova, Violeta Urmana, Fabio Sartori.

          Ich war mit Zweifeln ins Theater gekommen. Würde die alte Inszenierung unserer Welt noch angehören? Hätte sie das düstere Ansehen verjährter Pracht, so wie es E. T. A. Hoffmann in seiner unsterblichen Begegnung mit dem Geist des „Ritter Gluck“ beschreibt? Ein Opern-Abend mit Überrock, einer gestickten Weste mit langen Schößen und einem ganz kleinen, silbernen Degen? Doch die Inszenierung Zeffirellis, das auf Leinwände gemalte Bühnenbild und die Kostüme Lila De Nobilis erweisen sich als Klassiker.

          Verdi selbst komponiert 1871 die kolonialistischen Phantasien, die Italien dann wenige Jahrzehnte später flüchtig realisiert. Dass es eine glückliche Zeit gewesen sei, das konnte man im wirtschaftswunderbaren Jahr 1963 noch glauben: Die Inszenierung ist von überbordendem Dekor und phantastischem Reichtum erfüllt, die Triumphzüge und Siegesfeiern vereinen zeitweise gut hundert Darsteller auf der Bühne, Märsche und Ballette überbieten einander, afrikanische Sklavenkinder hüpfen in wilden Verrenkungen durch die Bilder, und alles wird durchströmt vom klanglichen Luxus der Stimmen und Instrumente. Wir sind an der Quelle einer Kunst, die sich im Äußerlichen erfüllt, während die Kostümschinken heutiger italienischer Bühnen zu einer Ansammlung von Äußerlichkeiten verkommen sind.

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